Attentat in Grafing-Bahnhof Der große, böse Zufall

Die Stadt Grafing hat ihre Unschuld verloren. Der Bahnhof am Stadtrand ist nun ein besudelter, geschändeter Ort. Die Blutspur zieht sich nicht nur quer über den Vorplatz, sondern tief hinein in das kollektive Bewusstsein.

Von Anja Blum

Die Stadt Grafing hat ihre Unschuld verloren. Der Bahnhof am Stadtrand ist nun ein besudelter, geschändeter Ort. Die Blutspur dort zieht sich nicht nur quer über den Vorplatz bis zur Hauptstraße, sondern tief hinein in das kollektive Bewusstsein. Hier versickert sie und lässt eine schwer verdauliche Erkenntnis sprießen: Auch hier, im gesunden, wohlhabenden und friedlichen Münchner Umland ist niemand gefeit vor dem großen Zufall. Vor dem Wahnsinn, den die weite Welt tagtäglich hervorbringt, den die Ebersberger jedoch bislang Lichtjahre entfernt von sich wähnten.

Verkehrsunfälle, Schlägereien auf dem Volksfest, Nachbarstreitigkeiten: Freilich war und ist auch Grafing keine Insel der Seligen. Und doch schien das Risiko überschaubar. Am meisten Angst hatten hiesige Eltern bislang wohl davor, dass ihr Nachwuchs mit dem Fahrrad stürzen könnte. Oder vielleicht der Versuchung eines ersten Joints erliegt. Dass nun aber ein offenbar verwirrter Mann aus Hessen ohne ersichtlichen Grund nachts in Grafing-Bahnhof strandet und dort am frühen Morgen wahllos Menschen mit einem Küchenmesser attackiert: So etwas hätte sich wohl kein Ebersberger träumen lassen.

Doch vor solchen Ereignissen kann sich niemand schützen. Kein Einzelner, keine noch so intakte Gemeinschaft und auch kein bestens polizeilich aufgestellter Freistaat. "Das Leben ist immer lebensgefährlich", wusste schon Erich Kästner. Insofern gilt es nun, trotz alledem nicht in Panik zu verfallen. Weder hilft es, nach mehr Kameras und Beamten zu schreien, noch, den Islam zu verteufeln. Die Menschen im Ebersberger Landkreis leben in einer der sichersten Regionen der Welt - und das gilt auch nach einem Schreckenstag wie diesem. Vielleicht trägt ein solches Ereignis sogar dazu dabei, sich dessen einmal wieder voller Dankbarkeit bewusst zu werden. Darüber hinaus sollten die Gedanken aller bei den Opfern und ihren Angehörigen sein.