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Asylpolitik:22-jährigem Azubi aus Ebersberg droht die Abschiebung

Ebersberg, Marienplatz, Felix Leibrock, Ahmed Ali

Felix Leibrock und Ahmed Ali sind Freunde geworden. Der Pfarrer will gegen eine mögliche Abschiebung des Somaliers in sein Heimatland kämpfen.

(Foto: privat)

Ahmed Ali arbeitet in einem Ebersberger Autohaus und spielt im Integrationstheater des Alten Kinos. Nun soll der Somalier dorthin zurück, wo er einst vor einer Militärmiliz floh.

Ein paar Monate ist es erst her, dass der junge Ahmed Ali auf der Bühne des Ebersberger Alten Kinos stand. Als Teil der ausverkauften Aufführungen des Integrationstheaters (Iku) wirbelte der junge Mann aus Somalia als Artist über die Bretter, gab in mehreren Sketchen dem Aufeinandertreffen von deutschem Alltag und unterschiedlichen Flüchtlingskulturen ein Gesicht und wurde dafür vom Ebersberger Publikum gefeiert. Im Mai sollte er wieder mit der Theatertruppe auftreten, Regisseurin und Theaterpädagogin Friederike Wilhelmi, die das Projekt leitet, hatte schon fest mit ihm geplant. Doch nun sieht es so aus, als wäre Ali bis dahin längst nicht mehr in Deutschland.

Am 31. Januar wird das Verwaltungsgericht in München über die Abschiebung des 22-Jährigen entscheiden. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, und, wie sein Grafinger Anwalt Florian Haenisch befürchtet, seine Chancen, in Deutschland bleiben zu dürfen, stehen schlecht. Sie lägen bei zehn Prozent, hatte Pfarrer Felix Leibrock am Donnerstagmittag in einem Facebook-Post geschrieben, der innerhalb kürzester Zeit nicht nur vom Alten Kino, sondern von über 80 weiteren Facebook-Mitgliedern geteilt wurde.

Leibrock, Krimiautor und Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks München, hatte den jungen Mann aus Somalia vor einigen Monaten kennengelernt und den begabten Artisten auf Anhieb in sein neues Sozialprojekt "Circus der Herzen" mit hinein genommen, das eng mit dem Grafinger Bewegungstheater Movimento zusammen arbeitet. Auch dort engagiert sich Ahmed Ali ehrenamtlich. Leibrock ist ebenso entsetzt wie Wilhelmi und das Team des Alten Kinos, das noch am Donnerstag über eine Solidaritätsaktion für den jungen Mann beraten wollte.

"Ich kenne keinen besser integrierten Ayslsuchenden als Ahmed", erklärt der Geschäftsführer des Alten Kinos, Markus Bachmeier. "Er spricht wahnsinnig gut deutsch, ist engagiert, und wenn man seine Geschichte anschaut, dann ist die Gefahr, in der er schwebt, wenn er zurückkehrt, doch sehr fundiert." Wie der Anwalt des jungen Flüchtlings aufgrund seiner Unterlagen bestätigt, war Alis Vater von somalischen Milizen ermordet worden - vor Ahmeds Augen, schreibt Pfarrer Leibrock in seinem Post.

Geflohen von der Miliz begann er eine Ausbildung zum Mechatroniker

Als sie den jungen Mann zwingen wollten, Mitglied der Milizen zu werden und ihn mit dem Tode bedrohten, sei er nach Deutschland geflohen. 2015 begann er eine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker bei einem Ebersberger Autohaus. Wenn man mit ihm in Ebersberg über den Marienplatz gehe, werde er von allen Seiten gegrüßt, erzählt Leibrock.

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In diesen Tagen lerne er auf die Prüfung, berichtet Friederike Wilhelmi, weshalb er vorübergehend mit den Proben zum nächsten Integrationsstück pausiert. "Aber wir rechnen voll mit ihm", sagt sie, "er hat das sehr ernst genommen im Vorjahr", vor allem was Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit angehe. "Diese deutschen Tugenden, die immer als Voraussetzung zur Integration gefordert werden." Immer wieder habe Ahmed seine Mitspieler angehalten, sich anzupassen, mitzumachen. "Er bringt einfach eine gute Stimmung rein, ist engagiert, fleißig - wer darf denn dann bei uns bleiben, wenn nicht so jemand?", fragt Wilhelmi empört.

All dessen ungeachtet seien die Signale vom Gericht nicht positiv zu deuten, erläutert Anwalt Haenisch. "Obwohl sicherlich ein Asylgrund vorliegt." Sein Mandant habe ihm erklärt, wenn die Shabaab-Milizen ihn erwischten, dann brächten sie ihn um. Dennoch werde das Verwaltungsgericht wohl der Linie des Bamf (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) folgen und Ahmed abschieben. Rechtsanwalt Haenisch zitiert von der Bamf-Homepage: Es gebe in Somalia Landesteile, wo man sich ohne Todesgefahr aufhalten könne. Auch wenn man also wisse, "dass Somalia eines der schlimmsten Länder der Erde ist", gebe es nach aktueller politischer Linie für Ahmed Ali wohl keinen Asylgrund.

Sollte das Gericht gegen Alis Antrag entscheiden, will Haenisch Berufung beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof einlegen - "aber es ist die Frage, ob der das annimmt." Pfarrer Felix Leibrock ist unterdessen dabei, eine Petition gegen die Abschiebung zu initiieren und im Alten Kino will man gemeinsam mit Movimento-Chef Stefan Eberherr und anderen Kunstschaffenden eine öffentlichkeitswirksame Kampagne für Ahmed Ali ins Leben zu rufen. "Kontakte haben wir ja genug", sagt Markus Bachmeier grimmig.

© SZ vom 12.01.2018/koei
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