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Innovation:Aßlinger Startup will Ladestationen in Großgaragen schaffen

YourCharge - E-Mobilty Stromanschlüsse

Sie wollen Mobilität nicht nur neu denken, sondern auch die technischen Voraussetzungen für eine Verkehrswende schaffen: Kurt Loupal vom Aßlinger Start-up "Your Charge" (von links), Elektroinstallateur Simon Wieser, die Teileigentümer Peter Kraume und Peter Schoppik sowie Your-Charge-Geschäftsführer Christian Brandes.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Your Charge" hat in Ebersberg ein Pilotprojekt gestartet: die Gründer präsentieren eine kostengünstige Erleichterung für E-Auto-Fahrer.

Von Andreas Junkmann, Aßling/Ebersberg

Als wären sie das zentrale Nervensystem dieser Tiefgarage, schlängeln sich die weißen Rohre an der unverputzten Betondecke entlang. Und tatsächlich ist der Vergleich zur menschlichen Anatomie gar nicht so weit hergeholt, denn die Leitungen sollen die dort abgestellten Autos künftig - um im Bilde zu bleiben - mit dem lebensnotwendigen Strom versorgen. Fahrzeuge, die mit einem Verbrennungsmotor betrieben werden, spielen in den Überlegungen des Aßlinger Start-ups "Your Charge" keine Rolle. Vielmehr wollen die Gründer ihren Beitrag dazu leisten, die Elektromobilität voranzutreiben - und ihre wichtigste Anlaufstelle dafür sind private Tiefgaragen wie eben jene im Ebersberger Nordosten.

Es klingt fast wie ein Zauberwort, das Christian Brandes beim Ortstermin unter der Erde der Kreisstadt immer wieder ausspricht: Lastmanagement. Das, davon ist der "Your Charge"-Geschäftsführer überzeugt, ist der Schlüssel, um E-Mobilität in der Breite salonfähig zu machen. Dieses Ziel haben sich er und seine beiden Mitstreiter Kurt Loupal und Christoph Polenz auf die Fahne geschrieben, als sie vor rund einem halben Jahr ihre Firma ins Leben gerufen haben. "Wir müssen unsere Mobilität hinterfragen", sagt Brandes. Zwar werde in Zukunft der ÖPNV zunehmen, Individualverkehr werde es aber trotzdem immer geben. "Und der geht nur über E-Autos." Doch auch bei "Your Charge" wissen sie: Ein Elektrofahrzeug wird sich nur jemand anschaffen, der es auch laden kann. Am besten vor der eigenen Haustür.

YourCharge - E-Mobilty Stromanschlüsse

Anwohner Peter Kraume zapft Strom an der Wallbox, die Loupal ansteuern kann.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Gerade an diesem Punkt klafft allerdings derzeit noch eine enorme Lücke zwischen Vorstellung und Realität. Heimische Ladesäulen gelten gemeinhin immer noch als teuer, schwer zu installieren und als potenzielles Überlastungsrisiko für das Stromnetz. Mit diesen Vorurteilen will man bei "Your Charge" aufräumen - und hier kommt eben besagtes Lastmanagement ins Spiel. Die Aßlinger Tüftler haben eine Software entwickelt, mit der eine Vielzahl von Elektrofahrzeugen zeitgleich geladen werden kann, ohne dass man, wie Christian Brandes sagt, nebenan ein Kernkraftwerk bauen müsse.

YourCharge - E-Mobilty Stromanschlüsse

Mitbegründer Kurt Loupal kann auf seinem Laptop die Stromzufuhr steuern.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Idee ist folgende: Theoretisch können in einer Tiefgarage beliebig viele Autos an die dortigen Wallboxen angeschlossen werden, Strom fließt aber nur bis zu einer gewissen Grenze. Die verfügbare Energie soll also gleichmäßig auf alle Fahrzeuge verteilt werden. Ist eines von ihnen ausreichend versorgt, kommt das nächste dran. So sollen am nächsten Morgen alle Autos genügend Saft haben, um den Tag über durchzuhalten. "Und der Anschluss wird nicht überlastet", wie Brandes sagt.

YourCharge - E-Mobilty Stromanschlüsse

Das Konzept von "Your Charge" basiert auf einem Zusammenspiel von Hard- und Software.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ihre bislang vor allem theoretischen Überlegungen können die Entwickler in einer Tiefgarage im Ebersberger Eggerfeld austesten. Dort hat sich eine Eigentümergemeinschaft dazu entschlossen, die Voraussetzungen für eine Lade-Infrastruktur zu schaffen. Das ist alles andere als selbstverständlich und ein Glücksfall für das Aßlinger Start-up. Noch verhindert ein Passus im sogenannten Wohneigentumsgesetz vielerorts die Errichtung von Ladesäulen in Großgaragen. Denn wer in einer Miet- oder Eigentumswohnung lebt und seinen Stellplatz aufrüsten möchte, braucht dafür die Zustimmung der Vermieter oder der Eigentümergemeinschaft - und zwar von ausnahmslos allen Beteiligten.

Auch in Ebersberg war nicht jeder Eigentümer mit den Plänen für eine E-Infrastruktur einverstanden, man habe aber eine Lösung gefunden, wie Peter Kraume sagt. Er ist einer von bislang zwei Anwohnern, an dessen Parkplatz bereits eine Wallbox installiert ist, die übrigen könnten ohne größeren Aufwand nachgerüstet werden. Dafür, so Kraume, ist die Eigentümergemeinschaft in Vorleistung gegangen. Die Kosten für die Infrastruktur werden über einen jährlichen Fixbetrag zurückgezahlt. "Je mehr mitmachen, desto günstiger wird es", sagt Kraume, der darauf hofft, dass das Ebersberger Modell weitere Eigentümergemeinschaften inspirieren könnte. Denn bis das neue Wohneigentumsgesetz in Kraft tritt, das es dann auch Einzelpersonen erleichtern soll, eine Zapfsäule zu errichten, werden wohl noch einige Monate vergehen.

In "Your Charge" haben die Ebersberger Bewohner schließlich auch einen Partner gefunden, der sie bei ihrem Vorhaben begleitet. Bei Elektrofirmen sei die nötige Expertise so oft gar nicht vorhanden, sagt Kraume. Christian Brandes, der sich selbst als leidenschaftlichen E-Auto-Fahrer bezeichnet, und seine Kollegen wollen hingegen, dass das Laden von Elektrofahrzeugen so einfach wird wie das Laden von Handys - und auch ähnlich erschwinglich.

Die Tiefgarage in Ebersberg ist rund 40 Jahre alt, dennoch waren alle Voraussetzungen für das Ladenetz bereits vorhanden. An der 35 Kilowattstunden starken Zuleitung brauchten die Techniker nichts zu verändern, lediglich ein neuer Zählerkasten musste her. Die Verkabelung der kompletten Garage - also jenes zentrale Nervensystem - hat 8000 Euro gekostet, für das Lastenmanagement sind nochmals 3000 Euro fällig. Die Gesamtsumme teilt sich die Eigentümergemeinschaft.

Wer schließlich seinen Stellplatz tatsächlich an das Netz anschließen möchte, muss zusätzlich noch rund 300 Euro für die Restverkabelung und 1300 Euro für die Wallbox bezahlen. Das Interesse an diesem Baukastenprinzip scheint durchaus vorhanden zu sein, beim Ortstermin in Ebersberg stößt ein weiterer Anwohner dazu, der mit dem Gedanken einer Zapfsäule auf seinem Parkplatz spielt.

Und auch Geschäftsführer Brandes berichtet von einer hohen Nachfrage, die das Start-up bereits in seinen ersten Monaten erreiche. "Es ist ein wahnsinniges Interesse an dem Thema da", sagt der Gründer. Vom neuen Wohneigentumsgesetz, das im Dezember aufgelegt werden soll, versprechen sich die Aßlinger nochmals einen zusätzlichen Schub, denn sie sind überzeugt: "Parken ist das neue Tanken."

© SZ vom 01.10.2020/koei
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