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Aßling/Grafing:Lebendiges Gedenken

Oberelkofen Gedenken an Zugunglück.

Der Grafinger Pfarrer Anicet Mutonkole-Muyombi segnet die Gräber der 95 Unfallopfer bei der Gedenkstätte in Oberelkofen. Drei der Toten konnten nie identifiziert werden.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Eine Zeremonie erinnert an den 75. Jahrestag des schweren Zugunglücks bei Aßling

Von Florian Kappelsberger, Aßling/Grafing

"Das bedeutet mir ganz viel", sagt Franz Bauer und nickt andächtig. Im Juli 1945 hatte er als zehnjähriger Junge nach dem Eisenbahnunglück bei Aßling den Unfallort besucht, was einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen habe: die zerstörten Holzwaggons, das Leid der Verletzten, der Geruch der Leichen. Diese Erinnerung sei noch heute lebendig, erklärt er sichtlich bewegt, deshalb sei ihm das Gedenken an diese Katastrophe enorm wichtig.

Franz Bauer ist der einzige Zeitzeuge, der an diesem Donnerstagabend an der Gedenkzeremonie anlässlich des 75. Jahrestages des Unfalls teilnimmt. Unter prasselndem Regen wird auf der Kriegsgräberstätte Oberelkofen der 106 deutschen Soldaten gedacht, die etwa sechs Wochen nach Kriegsende bei diesem Zugunglück ihr Leben verloren haben. Organisiert wird die Veranstaltung vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Zusammenarbeit mit der Stadt Grafing und weiteren örtlichen Krieger- und Reservistenvereinen. In diesem Jahr kann die Gedenkfeier aufgrund der Coronapandemie nur im kleinen Rahmen stattfinden; für die Angehörigen der Toten, die nicht daran teilnehmen können, wird die Zeremonie deshalb aufgezeichnet.

"Damals gab es eine Verkettung von unglücklichen Umständen", erinnert Christian Bauer (CSU), Bürgermeister von Grafing. Am 16. Juli 1945 sollte für mehr als 1200 entlassene Soldaten aus dem Kriegsgefangenenlager in Bad Aibling, die hauptsächlich aus dem Rheinland und Westfalen stammten, die Rückkehr in die Heimat beginnen. Aufgrund von Schwankungen in der Stromspannung blieb der Transport von dreißig Güterwaggons allerdings nahe Aßling auf der Strecke liegen. Nach einem Missverständnis gab der zuständige Fahrdienstleiter den Gleisabschnitt über den Streckenfernsprecher für einen Transportzug aus Rosenheim frei, der fünfzig amerikanische Sherman-Panzer enthielt. Dieser raste bei Aßling dann nahezu ungebremst in den stehenden Kriegsgefangenentransport, wodurch die hinteren sechs Waggons vollkommen zerstört wurden. Viele der Insassen wurden schwer verletzt, mehr als 100 von ihnen starben, darunter auch ein amerikanischer Soldat.

Nachdem Graf von Rechberg das Grundstück für eine Grabstätte zur Verfügung stellte, wurden 95 der Unfallopfer in der Nähe der Kirche von Oberelkofen begraben; drei von ihnen konnten bis heute nicht identifiziert werden. Im Jahr 1948 wurde ein Denkmal für die Opfer des Eisenbahnunglücks errichtet, bis heute pflegen der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und weitere lokale Vereine die Gedenkstätte. Christian Bauer möchte am 75. Jahrestag des Zugunglücks dessen Opfern gedenken sowie allen Opfern der Schrecken des Zweiten Weltkrieges. Jeder trage heute eine Verantwortung, betont er, damit so etwas nicht mehr passiert.

Anicet Mutonkole-Muyombi, Pfarrer der katholischen Gemeinde Grafing, spricht ein Gebet zu Ehren der Toten und segnet die Gräber. Dann ergreift Artur Klein das Wort, Bezirksgeschäftsführer des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Er bedauere, dass aufgrund der Coronakrise von einer größeren Gedenkveranstaltung abgesehen werden musste, bedankt sich angesichts der Widrigkeiten aber umso mehr für das Engagement der Bewohner des Landkreises. Kriegsgräberstätten wie in Oberelkofen haben in seinen Augen eine eindringliche Botschaft an alle Generationen: "Dankbar zu sein, dass Europa seit 75 Jahren in Freiheit leben und gedeihen kann." Es wird den Opfern des Zugunglücks gedacht, sowie allen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft. Klein erinnert an jene, die unter Gefangenschaft und Vertreibung gelitten haben, oder aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Überzeugung oder einer Behinderung verfolgt und ermordet wurden. Er bezieht sich zudem auf die Konflikte der Gegenwart, auf die Opfer von Kriegen und Bürgerkriegen, Terrorismus und jeglicher Art von Gewalt und Verfolgung. "Wir trauern mit allen, die Leid tragen, um die Toten und teilen ihren Schmerz", fasst Klein zusammen. Daraus erwachse die Pflicht, sich für Frieden und Versöhnung einzusetzen, sowohl zuhause als auch im Rest der Welt. Es ertönt das militärische Trauerlied "Der gute Kamerad", daraufhin zerreißen drei Salutschüsse die verregnete Stille.

Im Anschluss an die Zeremonie betont Artur Klein seine Dankbarkeit gegenüber den Bewohnern der Gemeinde und den örtlichen Vereinen, die in der Pflege der Gedenkstätte mitwirken und das Andenken erhalten. Dieses Engagement bilde heutzutage allerdings eine Ausnahme, denn vielerorts gerate das Gedenken an die Toten des Zweiten Weltkriegs zunehmend Vergessenheit und verschwinde aus dem kollektiven Bewusstsein. Diese Entwicklung werde durch den Tod der letzten Zeitzeugen, die zwischen 1939 und 1945 als Soldaten gekämpft haben, weiter verstärkt. "Das Gedenken muss sich etwas anpassen", fordert Klein deshalb. Man müsse die Erinnerung an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges auch an die nächsten Generationen weitergeben. Gedenkstätten wie in Oberelkofen seien deshalb auch wichtige Orte der Begegnung: Anhand der Gedenksteine könnten Jugendliche und junge Erwachsene einen Bezug zum Schicksal der Toten herstellen, die oft kaum älter als sie selbst waren. Dadurch schaffe man ein Bewusstsein für das enorme Glück, in einem Europa ohne Kriege aufzuwachsen, sowie für die Verantwortung, diesen Frieden zu bewahren. Eine weitere Gefahr sieht er in der Verklärung der Geschichte durch radikale politische Strömungen, welche die gefallenen Soldaten heroisieren. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge verstehe seine Mission nicht in einem Heldengedenken, sondern in einem Gedenken an die Toten und die Schrecken des Krieges; daraus folge die Botschaft, in Frieden zu leben. Eine Umdeutung der Geschichte und eine Vereinnahmung des Gedenkens durch derartige politische Parteien lehnt er deshalb entschieden ab: "Diese Menschen wollten nicht unbedingt Helden sein, diese Menschen wollten weiterleben."

© SZ vom 18.07.2020

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