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Forstinning:Artenvielfalt bedeutet für den Bauern: nur ein Viertel des Ertrages

Landwirtschaft und Biodiversität - Rundgang.

Bei ihrer Exkursion ins Schwabener Moos erkunden Landwirte, Naturschützer und Politiker artenreiche Flächen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wer wie ein Landwirt in Forstinning seine Wiese 30 Jahre lang ungedüngt lässt, bringt Landwirtschaft und Biodiversität in Einklang - bei einem großen Nachteil.

Gemeinsam geht es. Die Ebersberger sind ihrer Zeit voraus. Und: Bauern müssen für artenfreundliche Landwirtschaft entlohnt werden. - Über diese Dinge waren sich die etwa 30 Anwesenden bei der Informationsveranstaltung "Landwirtschaft und Biodiversität - Erzeugung gestalten und Arten erhalten" in Forstinning kürzlich einig. Und das, obwohl verschiedenste Interessengruppen in den Rundgang des Ebersberger Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) über das "Südliche Schwabinger Moos" einbezogen waren.

Bei frühsommerlichen Temperaturen trafen sie sich auf dem Hof der Familie Steiler: Vertreter des AELF, des Bayerischen Bauernverbands, des Landschaftspflegeverbands (LPV) Ebersberg, der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt Ebersberg und des Maschinenrings, Bürgermeister aus Forstinning und Markt Schwaben, ein Jäger, Landwirte und nicht zu vergessen: Landrat Robert Niedergesäß (CSU), der in einem Wasserstoff-Testwagen erschien. Sie alle wollten Flächen vorstellen beziehungsweise besichtigen, die sowohl landwirtschaftlich genutzt werden, als auch der Artenvielfalt dienen.

Vorbei an Feldern und Wiesen, frei herumlaufenden Rehen und Hasen ging es also zur ersten Mustergrünfläche: der Pflegewiese. Die etwa kniehohe Mischung aus Blumen und Gräsern hatte einige Lücken und wurde laut Landwirt Josef Steiler seit 30 Jahren nicht mehr gedüngt. Auch gemäht werde die "sehr artenreiche Wiese" nur ein bis zwei Mal im Jahr, erklärte LPV-Geschäftsführer Josef Rüegg, wobei der Zeitpunkt variiere, je nachdem, wie weit die Blüten seien. 35 bis 40 verschiedene Pflanzen seien es insgesamt, unter ihnen zum Beispiel Schafgarben und Margeriten, Wiesenglockenblumen und Sauerampfer.

Für die Wiesenbrüter sei das gut, weil sie Flächen mit vielen Insekten bräuchten. AELF-Behördenleiter Georg Kasberger ergänzte: "Jede Blüte ist mit bestimmten Insekten verbunden." Auch die lückige, offene Struktur kommt den Wiesenbrütern laut Rüegg zu Gute: Durch hohes, dichtes Gras könnten sich die Küken nicht so schnell bewegen wie die Insekten. Außerdem könnten sie während Regenperioden auf freiem Boden schneller trocknen, erläuterte der Geschäftsführer des LPV.

Landwirtschaft und Biodiversität - Rundgang.

Auf dem Feld wachsen unter anderem Glockenblumen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Artenvielfalt bedeutet für den Bauern: nur einen Viertel des Ertrages

Was für die Artenvielfalt also gut ist, bedeutet für die Landwirte laut Steiler aber vor allem eines: nur einen Viertel des Ertrages, den sie auf artenärmeren Intensivflächen hätten. Zwar werde die Arbeit auf der Pflegewiese durch staatliche Fördergelder bezahlt, nicht aber der Ertragsausfall. Rüegg schlug daher ein etwas anderes Modell vor: "Landwirte sollten für Artenvielfalt bezahlt werden, nicht für einen fiktiven Ertragsausfall." Landrat Niedergesäß, der nach eigenen Angaben den Vorschlag einer leistungsbezogenen Förderung zum ersten Mal hörte, bezeichnete ihn auf Nachfrage als "sympathisch".

Landwirtschaft und Biodiversität - Rundgang.

Eine blühende Mehlprimel.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der zweite Stopp war ein Naturdenkmal. Eine ehemalige Streuwiese mit 120 verschiedene Pflanzenarten, die es vor mehr als 200 Jahren im Schwabener Moos flächendeckend gab, seit der Intensivierung der Landwirtschaft aber nicht mehr, weil die Tiere sie nicht fressen würden, erläuterte Rüegg. Neben ihm tanzten über Fettkraut, Mehlprimel und Geflecktem Knabenkraut Pflanzensamen in der Luft. "Die Politik hat die Landwirtschaft den Weltmarktbedingungen unterworfen", pflichtete auch AELF-Behördenleiter Kasberger bei, während er an einer für die Futtergewinnung optimalen Intensivwiese mit nur zehn bis 15 Pflanzenarten vorbeiging.

An der nächsten Station, der Postwiese, angekommen, erklärte Rüegg, dass auf der ehemaligen Ackerfläche der Gemeinde im vergangenen Jahr eine Blumenwiese ausgesät wurde. "Das Problem für die Blumen sind die Gräser", aber wenn man mindestens 50 Prozent Blumen anlegte, hätten diese eine Chance. Mehr als 70 verschiedene Pflanzenarten gebe es jetzt hier, zentral sei aber, dass die Ausgleichsfläche weiter bewirtschaftet werden müsste, so der Geschäftsführer des LPV.

Auf dem Weg zu den letzten Besichtigungspunkten ergänzte Kasberger, welches Modell das AELF favorisiere: einen zehn Meter breiten Streifen Blühwiese rund um eine Intensivwiese, so dass die Bauern keine Probleme mit der Verwertung hätten. Auch Blühstreifen im Ackerbau fänden hier alle gut, sagte er mit besonderem Blick auf die Naturschützer. "Besser Blühstreifen als nichts", entgegneten diese.

Niedergesäß lobte zum Abschluss das "Klima der Gemeinsamkeit". Seit mehr als einem Vierteljahrhundert arbeite man schon mit dem LPV zusammen, was nicht überall in Oberbayern selbstverständlich sei. Auch ein Runder Tisch mit Landwirten und Naturschützern existiere im Landkreis bereits seit 2014, nicht erst seit dem Volksbegehren "Rettet die Bienen". Genau wie verschiedene Projekte zur Förderung der Artenvielfalt. Ein Problem sah der Landrat aber dennoch: die Flächenkonkurrenz, die sich aus dem wachsenden Zuzug aus der Metropolregion ergebe.