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Artenschutz:Summ, summ, summ!

Feldrandbepflanzungen

Immer seltener sieht es in der Region so aus wie auf dieser Wiese in Grafing, oft fehlt es Bienen an Nektar. Mit ein Grund sind Landwirte, die ihre Felder schon vor der Blüte mähen. Mit dem Beitritt zur Bundesinitiative "Deutschland summt" erhofft sich die Ebersberger Naturschutzbehörde Verbesserungen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Landkreis Ebersberg ruft für 2018 das "Jahr der Biene" aus und plant, einer bundesweiten Initiative beizutreten

In Deutschland zeigt sich ein wachsender Trend hin zur Imkerei. Vor allem jüngere Menschen interessieren sich für das Gewerbe und möchten es kennenlernen. Diese Entwicklung entsteht aus einem großen Problem heraus: dem zunehmenden Wegfall von Nektar- und Pollenquellen, während die Bienen in den vergangenen 15 Jahren immer weniger wurden.

Um dagegen vorzugehen, hat die Naturschutzbehörde des Landratsamts Ebersbergs hierzu gemeinsam mit Landrat Robert Niedergesäß (CSU) ein Projekt ins Leben gerufen, das "Jahr der Biene 2018". Dabei haben sich schon Ende Juni unter anderem Imker, Vertreter der Gemeinden, der Landwirtschaft, der Bildungseinrichtungen zusammengefunden, um mögliche Maßnahmen zu erörtern. Zudem möchte der Landkreis der Bundesinitiative "Deutschland summt" beitreten - Ebersberg wäre damit das erste Mitglied als vollständiger Landkreis.

Johann Taschner von der Ebersberger Naturschutzbehörde bezeichnet diese Gruppe als "Koalition der Willigen", da sie sich gemeinsam für eine Kehrtwende im Umgang mit Agrarflächen, privaten Gärten und öffentlichen Freiflächenaussprechen. Dabei geht es nicht nur darum, den wichtigsten Ansprechpartner für die Förderung der Bienenwelt zu gewinnen, nämlich die Landwirtschaft, sondern auch um die Erkenntnis, dass jeder etwas tun kann. Es soll ein Netzwerk an Freiwilligen gebildet werden, um Impulse, Ideen und Bewusstseinsanstöße weiterzutragen und diese auf konkreten Flächen zu verwirklichen.

Denn auch jetzt noch spricht Richard Hörl vom Imkerverein Forstinning von äußerst mageren Honigerträgen. Dieses Jahr sei es erstmals etwas besser, trotzdem könne man nicht von einer Trendwende sprechen, so Hörl. Das Hauptproblem dabei ist das immer geringer und immer einseitiger werdende Nektarangebot, dies schwäche die Bienenvölker und mache sie anfälliger für Krankheiten, berichtet Hörl. In ganz Oberbayern habe man durch die berüchtigte Varroa-Milbe hohe Verluste an Bienenvölkern zu beklagen. Daher sei es besonders wichtig, dass sich die einzelnen Imker immer "auf dem neuesten Stand" halten und in Vereinen austauschen, sagt Hörl und betont dabei die Wichtigkeit von Kontrollen. Denn selbst wenn Bienen gegen die Milben behandelt würden, könne die Wirkung der Behandlung etwa durch klimatische Faktoren negativ beeinflusst werden. Wichtig wäre, Bienen mit abwechslungsreicher Ernährung zu stärken, etwa durch verschiedene Formen von Pollen und Nektar.

Insgesamt sei man jedoch auf einem "Weg der Besserung", sagt Franz Emmering vom Glonner Imkerverein. Trotz der oft kontraproduktiven Verhaltensweise in der Landwirtschaft, wenn Felder schon vor der Blüte abgemäht werden, seien von der Gemeinde angelegte Blühstreifen als positives Zeichen zu würdigen. Man habe durchaus "die Gefahr erkannt", dennoch sei gerade bei den Landwirten noch ein weiter Weg zu gehen. Insbesondere Wildbienen seien benachteiligt, da sich niemand direkt um sie kümmere. Auch aggressive Schädlingsbekämpfungsmittel wie die nur teilweise verbotenen Neonikotinoide seien besorgniserregend, da ihr Einsatz die Insektenbestände gefährde.

Laut Taschner wäre eine gewisse "biologische Unordnung" notwendig, um sich wieder mehr in Richtung Artenvielfalt zu bewegen. Selbst im eigenen Garten könne man viel erreichen, indem man die Natur einfach mal machen lasse. Öffentliche Randflächen an Straßen oder auf Verkehrsinseln, sollen nicht mitten in der Blüte abgemäht werden, damit sie den Bienen erhalten bleiben. "Selbst wenn sich dann wieder jemand beschwert, dass das nicht ordentlich ausschaut", sagt Taschner. Auf Streuobstwiesen sollen Bäume nachgepflanzt werden. Blütenreiche Pflanzen müsse man an so vielen Orten wie möglich ansiedeln, um Ebersberg zu einem blühenden Landkreis zu machen.

Auch die Äcker müssten anders genutzt werden. Ein kompletter Verzicht auf Pestizide wäre wünschenswert, sei aber realistisch nicht zu verwirklichen, so Taschner. Man könne aber auf öffentlichen Flächen und in Privatgärten auf Agrochemie verzichten, schlägt er vor. Damit wäre seiner Ansicht nach viel gewonnen. Zudem, so Taschner, müsse man Anreize schaffen, um das Anlegen von breiten Blühstreifen zu fördern - die würden sich positiv auf die Insekten- und Vogelvielfalt auswirken. Hierzu wären jedoch Vorgaben der Politik erforderlich.

So besteht laut einer aktuellen vom EU-Abgeordneten Martin Häusling (Grüne) in Auftrag gegebenen Studie seit 2014 die Pflicht für Landwirte, sogenannte "Vorrangflächen" einzuräumen, die fünf Prozent der Anbaufläche betragen und mit Rücksicht auf die Artenvielfalt bebaut werden müssen. Dies gilt jedoch nur für Betriebe ab einer Größe von 15 Hektar und ist damit nur bedingt hilfreich. Durch sogenannte "Verrechnungsfaktoren" kann man sich von diesen Flächen befreien, indem man stattdessen etwa Zwischenfrüchte anpflanzt, die zwar dem Grundwasser zugute kommen, aber keinen "Artenschutzeffekt" erzielen.

Die Erkenntnis der Studie ist, dass man lokal durch gezielte individuelle Maßnahmen vielleicht mehr erreichen kann. Das "Jahr der Biene" mit seiner Auftaktveranstaltung am 23. November soll in diesen schweren Zeiten für Bienen den Fokus auf schnell umsetzbare und naheliegende Lösungsansätze legen. Mit dem Beitritt zur Initiative "Deutschland summt" wünscht sich die Ebersberger Naturschutzbehörde eine freiwillige Verpflichtung der verschiedenen Beteiligten, damit diese weitere Anstrengungen anstoßen und selbst umsetzen können.

Klar ist: Letztlich wird es ohne die Landwirte nicht gehen, so Taschner. Wenn sich auf den großen Flächen nichts wesentlich ändert, werde es langfristig wohl nicht die nötige Motivation geben, auch im Kleinen für den Erhalt der Bienen zu kämpfen.