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Oldtimer-Werkstatt in Anzing:Wo die Herzen von Oldimer-Fans höher schlagen

Der Auszubildende Max Hermann geht mit einer gewissen Ehrfurcht an die Arbeit, doch auch mit Begeisterung. Privat fährt er einen Alfa Romeo Spider Fastback, in der Arbeit hat er es mit historischen Ferraris und Maseratis zu tun.

(Foto: Christian Endt)

Im Autohaus Schuttenbach und Mirbach in Anzing kümmern sich Spezialisten um historische Auto-Klassiker.

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch biegt Gereon Methner in die Einfahrt eines abgelegenen Hofes in Südfrankreich ein. Im Kofferraum: eine Viertelmillion Euro. Nervös schaut er auf sein Handy - es hat keinen Empfang mehr. Als er aufblickt, sieht er neun Männer mit finsterer Miene auf sich zukommen. Doch was wie eine Krimiszene anfängt, stellt sich letztlich als ganz harmlos heraus: Die kräftigen Gestalten auf dem Hof führen nichts Böses im Schilde, sie sind nur neugierig. Neugierig auf den Mann aus Deutschland, der wegen eines wertvollen Luxusautos den weiten Weg in den Süden auf sich genommen hat.

Heute schüttelt Methner den Kopf, wenn er an diese Szene denkt. "Es war schon irre, ich bin damals mit mehr als 200 000 Euro durch die Gegend gefahren", sagt er. Der gebürtige Rheinländer und Rennsportfan wollte in der Provence sichergehen, dass ihm niemand die Limousine streitig machen würde, sollte sie ihm denn zusagen. Um sich den Wagen im Glücksfall gleich sichern zu können, hatte er, wie in so einem Fall für ihn üblich, kofferweise Bargeld dabei. Damit ist es heute vorbei, mit vollen Geldkoffern fährt Methner längst nicht mehr durch die Gegend. Doch die Leidenschaft für hochklassige Oldtimer ist geblieben. Heute ist Gereon Methner, ganz lässig in Hemd und Jeans, Verkaufsleiter des Autohauses Mirbach und Schuttenbach in Anzing - und jeden Tag umgeben von edlen Luxusautos verschiedener Epochen.

Es überrascht anfangs etwas, dass sein Arbeitgeber, das Autohaus Schuttenbach mit dem angeschlossenen Oldtimerhändler Mirbach in Anzing, auf den ersten Blick so gar nichts mit der abgehobenen Welt zu tun hat, in der sich Methner beruflich bewegt. Zwar stehen hier vor allem Luxusautos - von modernen Hybrid-SUVs über schnittige Sportwagen aus den Sechzigern bis hin zu historischen Gefährten aus der Vorkriegszeit -, doch bei der Reparatur haben die Anzinger mit ganz bodenständigen Problemen zu kämpfen.

Als Methner durch die geräumigen Werkstätten des ehemaligen Autohauses König führt, bleibt er an einer Hebebühne stehen. Hier schraubt Azubi Max Hermann, 20, an einem Ferrari Lusso, ein Sportwagen aus den Sechzigern im Wert von knapp einer Million Euro. Der Tank ist durch eine Explosion beschädigt worden, sodass sie ein maßgefertigtes Ersatzteil in Auftrag geben mussten. Dieses ist heute angekommen, doch beim Einbau mussten die Oldtimerspezialisten feststellen, dass der neue Tank um einige Zentimeter zu breit ist.

Der Tank soll abgesägt und dann zusammengeschweißt werden, um ihn schmaler zu machen

Zusammen mit den Mechanikern und einem Vertreter des Besitzers erörtert Methner, was zu tun ist. Sie könnten das Teil zurückschicken und auf ein neues warten, aber das könnte sich über Wochen hinziehen, was der Verkaufsleiter dann erst mal dem Kunden erklären müsste - keine gute Option. Deswegen entschließt man kurzerhand, selbst Hand anzulegen. Der Tank soll abgesägt und dann wieder zusammengeschweißt werden, um ihn ein Stück schmaler zu machen - eine mühselige Präzisionsarbeit, bei der nichts schiefgehen darf.

Solche "Fleißarbeiten", für die die Mitarbeiter eine Extraportion Ausdauer und Engagement mitbringen müssen, sind bei Schuttenbach an der Tagesordnung und erschweren die Suche nach passendem Nachwuchs. Denn der ist eine Welt gewohnt, in der sich Autos technisch kaum noch voneinander unterscheiden und ein signifikanter Teil der Werkstattarbeit am Laptop stattfindet. Nicht viele Teenager haben da noch Lust, Schweißen zu lernen oder sich in die Feinheiten eines Rennmotors aus den Dreißigerjahren einzuarbeiten.

Deswegen ist man bei Schuttenbach froh, jemanden wie Max Hermann gefunden zu haben. Der 20-Jährige ist im zweiten Ausbildungsjahr Lehrling zum Kfz-Mechatroniker und hat Respekt vor der Arbeit an historischen Autos. "Man hat mehr Schiss, dass etwas kaputt geht", gibt er zu. Diese Ehrfurcht scheint für Max aber mehr Ansporn als Hemmnis zu sein, denn auch privat lebt er sein Interesse an historischen Gefährten aus. Schon als Jugendlicher fuhr er ein "uraltes" Mofa, mittlerweile hat er sich selbst einen Alfa Romeo Spider Fastback, ein kleines, elegantes Cabriolet, restauriert. Überhaupt scheint es diese private Begeisterung zu sein, die die meisten hier über die alltäglichen Unwägbarkeiten im Umgang mit historischen Modellen hinwegsehen lässt.

Die Pflege dieser alten Schätze scheint bei Schuttenbach eher Männersache zu sein. Frauen begegnen einem außerhalb der Verkaufsräume nur auf den Autokalendern, welche die Werksräume schmücken. So einer hängt auch bei Steffen Sieber, der vor mehr als 30 Jahren als Lagerist angefangen und zwischenzeitlich in England gelebt hat. Er verfügt über ein internationales Netzwerk an Kontakten, über das er auch an Ersatzteile für besonders seltene und exotische Automodelle kommt. Um schneller zu sein, wickelt er Lieferungen auch nachts ab und schläft dafür unter der Woche in einer eigenen Wohnung über der Werkstatt. Was seine Familie am Ammersee dazu sagt? "Die müssen damit klarkommen", sagt der Autoliebhaber, der schon mehr als 200 Fahrzeuge besessen hat.

"Wir hatten mehr als 100 Mitarbeiter"

Von der Werkstatt führt Gereon Methner in den Eingangsbereich, der irgendwie ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt. Durch den Marmorboden und die holzvertäfelten Wände fühlt man sich die späten Achtzigerjahre zurückversetzt. Es wirkt fast, als ob diese Räumlichkeiten für ein Stück Geschichte stehen, von der sich der Betrieb und vielleicht auch seine Kundschaft noch nicht so recht trennen wollen.

Denn als Auto König, der Vorgänger des Autohauses Schuttenbach, 1991 von Riem nach Anzing zog, war das Autohaus eine bayernweit bekannte Anlaufstelle für Oberklasseautos. "Wir hatten mehr als 100 Mitarbeiter", erinnert sich Geschäftsführer Wolfgang Deutinger. In seinem Büro zeigt er Fotos damaliger Kunden. Darunter Fernsehmoderator Thomas Gottschalk, die Fußballikonen Sepp Maier und Franz Beckenbauer sowie der Münchner Modedesigner Rudolph Moshammer.

Nach der Finanzkrise brach dem Autotempel der Umsatz weg, und die Firma ging pleite. Ein Rettungsversuch durch den wohlhabenden Ingenieur Andreas von Schuttenbach hatte nicht lange Erfolg, schon 2012 konnten die Löhne nicht mehr bezahlt werden. "Es waren einfach zu viele Leute und zu wenig Arbeit", resümiert Deutinger. So stand er vor der schweren Entscheidung, entweder eine erneute Pleite zu riskieren oder seine Mitarbeiter nach wenigen Jahren erneut vor die Tür zu setzen. In seiner Not beschloss der Bauernsohn, aufs Ganze zu gehen und wandte sich an den ehemaligen BMW- und VW-Vorstand Bernd Pischetsrieder, den er aus Oldtimerkreisen kannte. Dieser willigte ein, den Betrieb zu übernehmen, allerdings unter der Bedingung, dass Deutinger sich mit Eigenkapital beteiligte.

Seit dem Einstieg Pischetsrieders versucht man bei Schuttenbach und dem angeschlossenen Oldtimerhändler Mirbach nun, sich deutschlandweit und international als Spezialist insbesondere für klassische englische und italienische Modelle einen Namen zu machen. Dass der einstige Spitzenmanager sein Vertrauen in Deutinger steckt, ist für ihn keine Selbstverständlichkeit. "Das ehrt mich, macht mich stolz, treibt mich voran", sagt er. Gleichzeitig spürt er jedoch auch die hohe Erwartungshaltung, die damit wohl verbunden ist. "Wir sind nicht zufrieden, auch wenn wir uns um Aufträge derzeit keine Sorgen machen müssen", schätzt er die aktuelle Lage ein.

Am wichtigsten sind ihm aber keine kühnen Geschäftspläne, sondern eine Ware, die kein Geld bezahlen kann: außergewöhnliche Leute wie Gereon Methner oder Azubi Max Hermann, die hier nicht nur arbeiten, sondern auch ihre Liebe zum klassischen Automobil ausleben wollen.

© SZ vom 04.01.2020/koei
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