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Anzing:Wiedergeburt eines Kultlokals

Fast 30 Jahre ist es her, dass Werner Meier das erste Mal im Weinbeisser auftrat. Insofern leistet der Barde nun gerne Geburtshilfe in ein neues Leben.

(Foto: Christian Endt)

Der Anzinger Weinbeisser beweist mit vollem Haus und Liedermacher Werner Meier, dass er nichts von seinem Charme eingebüßt hat

Das Leben, es müsse verbraucht und gefeiert werden, singt Werner Meier. Der Rausch, die Liebe, die Unvernunft - all das gehöre dazu, zu einem echten, erfüllten Leben. Und wo ließe sich das leichter umsetzen als im Weinbeisser? Denn das Anzinger Kultlokal eignet sich noch immer bestens für so ausgelassene wie inspirierende Abende, das hat es am Mittwoch unzweifelhaft bewiesen. Nach einer schier endlos scheinenden Pause ist der Weinbeisser an diesem Abend - unter der Regie seiner neuen Wirte Stefan Oelze und Dirk Zeilmann - in ein neues, wieder prall gefülltes Leben gestartet. Als ausgezeichneter Geburtshelfer erwies sich dabei Werner Meier, ein mit dem Haus eng verbundener Liedermacher und Kabarettist aus dem nahen Ottenhofen.

Wie eh und je sitzen die Gäste in der ehemaligen Stube des Böglhofs dicht an dicht, wirklich kein Plätzchen ist mehr frei. Die Stimmung ist hervorragend. Conny Hoffmann, Gründer und erster Wirt des Weinbeissers, sieht trotz seiner 77 Jahre aus wie das blühende Leben. Mit schwarzem Hut, großer Freude und sichtlich stolz wacht er über das zwanglose Geschehen. Schnell sei dieser Termin ausverkauft gewesen, erzählt er, aber auch die Abende ohne Kleinkunst seit der Wiedereröffnung im Oktober seien gut gelaufen. "Es kommen viele Stammgäste von früher, aber auch einige neue Gesichter, das ist sehr schön." Nach dieser Premiere gehe die Kultur im Weinbeisser nun erst einmal in Winterpause, im Februar starte das Programm, für das Hoffmann zuständig ist, dann wieder.

Im Eck bollert ein Holzofen, das Licht ist gedimmt, auf den grob behauenen Eichenholztischen stehen zahllose Weingläser und Kerzen in hohen Flaschen, die weiß besprüht und so mit einem Sternenmuster verziert sind. Zentrum des Raums sind eine lange, rustikale Holztheke und die Bühne gegenüber. Ob sie noch "die kleinste der Welt" ist, wie sich der Weinbeisser früher augenzwinkernd nannte, darf bezweifelt werden, denn der Raum für Kunst ist im Zuge einer behutsamen Renovierung von 1,5 auf ganze zwei Quadratmeter angewachsen. Doch solche Details sind hier im beschaulichen Ortsteil Obelfing ohnehin nebensächlich, was zählt, ist die Begegnung. Die Begegnung mit den Menschen und mit der Kunst. Beidem kommt man in dieser Stube zum Anfassen nahe.

Das hat zur Folge, dass der Weinbeisser mittlerweile auf fast 30 sehr bunte, bewegte Jahre zurückblickt. Und damit diese nicht in Vergessenheit geraten, soll nun ein Buch über das Anzinger Kultlokal entstehen. "Das haben der Conny und ich heute beschlossen", erzählt Reinhard Grill, der den Großteil dieser Vergangenheit miterlebt und -gestaltet hat, und man erahnt ein breites Lächeln unter seinem weißen Bart. Der ehemalige Lehrer hat zahllose Fotoausstellungen im Weinbeisser organisiert und auch das Leben in der Stube selbst mit der Kamera festgehalten. "Ich habe ein Dutzend Ordner voller Material", sagt er. "Conny beim Einheizen, Conny an der Drehorgel, abstruse Happenings und noch vieles mehr. Wir haben hier so viel erlebt."

Zahllose Anekdoten gibt es aus dem Weinbeisser zu erzählen, schließlich standen auf dieser kleinsten Bühne schon viele ganz Große und solche, die es erst noch werden sollten. Ausnahmen nicht ausgeschlossen. Monika Gruber zum Beispiel habe in ihren Anfängen einmal angerufen und gefragt, ob man die "Kellnerin Monique" wolle, erzählt Hoffmann. Er habe dankend abgelehnt - ohne zu wissen, dass es sich dabei um ihr erstes Kabarettprogramm handelte.

Werner Meier hingegen wurde nie abgewiesen. Er spielte 1988 das erste Mal in Obelfing und seit dem immer wieder - weswegen auch er an diesem Abend erfüllt ist von Gefühlen der Nostalgie. "Ich habe hier auch viele neue Stücke ausprobiert", sagt der Ottenhofener, unter anderem das Lied von der Kuh, die ins Kino gehen will. "Damals wurde im Hof gerade Sommerfest gefeiert, und wir sind nach dem Studio vorbeigekommen", erzählt er. Zu diesem Zeitpunkt hätten er und seine Frau noch überlegt, den elfminütigen Song etwas zu kürzen, seien jedoch nach einer spontanen Darbietung vom Weinbeisser-Publikum eines Besseren belehrt worden. "Gott sei Dank", sagt Meier und lacht, denn heute ist "die Kuh" der Hit seines Kinderlieder-Duos Sternschnuppe schlechthin.

Seine Verbundenheit zeigt Meier auch auf der Bühne, und zwar mit einem Gedicht auf das Lokal, das er bereits vor 20 Jahren verfasste. Darin beschreibt der sympathische Experte für feine Beobachtungen, Selbstironie und liebevolle Seitenhiebe den Weinbeisser als Spiegel der Gesellschaft, des Lebens: Vom Bürgermeister bis zum Gigolo, vom Gscheidhaferl bis zum stillen Wasser - sie alle finden hier, was sie suchen. Sei es Menschlichkeit, Freiheit, Kultur, Rausch oder eine Bühne. Und das ist auch heute noch so. Egal, ob Meier von den Stolpersteinen zwischen Mann und Frau singt, von tanzenden Knödeln und Ü-70-Partys erzählt oder über einen Radiergummi meditiert - das Publikum geht stets fröhlich mit, feiert den Künstler, sich selbst und das Leben. So einfach kann es sein, im Anzinger Weinbeisser.

© SZ vom 02.12.2016
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