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Anzing:Feuriges Spiel

Weinbeisser - Classic meets Boogie Woogie

"Classic meets Boogie" heißt das Programm, mit dem Pianist Peter Heger und Drummer Edi Kerbaumer den Weinbeisser beehrten.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Pianist Peter Heger und Schlagzeuger Edwin Karbaumer bringen das Publikum im Anzinger Weinbeisser mit Boogie-Woogie zum Toben

Brechend voll war der urige Weinbeisser in Anzing wieder einmal, denn zu Gast war ein Urgestein der Boogie-Woogie-Szene: am Piano Peter Heger, seines Zeichens Klavierlehrer an der Kirchenmusikschule Erding, begleitet von Edwin Karbaumer am Schlagzeug, der seinen Lebensunterhalt ebenfalls als Musiklehrer verdingt. Gleich vorweg: Das Publikum tobte. Von Beginn an lies man sich von den fetzigen Boogie-Woogie-, Jazz-, und Ragtimenummern anstecken und zu allerbester Stimmung verführen. Nahezu jeder wippte mit, am Ende wurde sogar getanzt. Und so war es kein Wunder, dass zum Abschied ein Zuckerl nicht ausreichte: Die beiden Musiker mussten gleich zwei Zugabenserien zum Besten geben. Dabei woben sie so manches Wohlbekannte in ihre kräftig swingenden Nummern ein. Ob Kinderlieder, den traditionellen schottischen Folksong "My Bonnie is Over the Ocean" oder das Schlaflied "Guten Abend, gut Nacht" - allerlei Evergreens wurde da hineinimprovisiert, und das Publikum im Weinbeisser sang begeistert mit.

Vom ersten Titel an überzeugten die beiden Gäste mit einem bestechenden Musikantentum. Kein Wunder also, dass das Publikum hingerissen war. Dass dabei auch Anklänge aus dem klassischen Repertoire zu Gehör kamen, hat vielleicht damit zu tun, dass Heger einst ein klassisches Musikstudium absolviert hat - auch wenn an diesem Abend nur auf allzu bekannte Stücke zurückgegriffen wurde, etwa das Kopfsatzthema aus Mozarts vorletzter Sinfonie g-moll, Nr.40, Beethovens "Für Elise" oder das erste Präludium aus Bachs "Wohltemperiertem Klavier". Selbstredend wurden diese Zitate schnell verjazzt und schon überlagerten die typischen rollenden Bässe in der linken Hand, in der rechten stürmische Off-Beat-Figuren die ursprünglichen Tonweisen. Tempo und gnadenlose Anschläge gaben dem Ganzen den Rest, das Spiel wurde zu einer wilden Jagd, bei der man kaum mehr Luft bekam. Dieser Drive riss das Publikum natürlich mit, und so gab es nicht nur einmal tosenden Applaus.

Wie sagt Heger über sich selbst? Diese Art der Musik sei für ihn eine Lebensauffassung und Ausgleich zu all den Unwägbarkeiten des Lebens. Spaß jedenfalls hatte man, denn die beiden Herren hatten Feuer mitgebracht. Ob Oldies, Ragtime-Nummern, bei denen man sich in die Zeit des Stummfilms zurückversetzt fühlen konnte, Jazz, Ausflüge nach Russland oder klassischer Boogie-Woogie. Der übrigens, so erzählte Heger seinem Publikum, sei in den ersten Zügen Amerikas entstanden. Dort saß im Barwagen ein Pianist und jedes Mal, wenn der Zug über eine Schwelle fuhr, ruckelte es - daraus sei der typische Rhythmus entstanden. Tatsächlich keimte Boogie-Woogie als Klavierstill Anfang des 20. Jahrhunderts in Amerika auf, abgeleitet aus dem Blues.

Mit herrlicher Ironie wurde auch die unsäglich schnulzige "Ballade Pour Adeline" von Richard Clayderman aufgegriffen: Absichtlichen Verspieler und harmonische Fehlgriffe waren wie boshafte Fingerzeige auf die Einfältigkeit dieses Klavierstücks. Aber auch das endete - wie hätte es auch anders sein sollen - in hitzigen Rhythmen und impulsiven Klängen.

Dass es den beiden Musikern gelang, das Publikum zum Mitsingen zu bewegen, ohne dabei das üblich Anmimationsgehabe zu bemühen, spricht für sich. Dennoch, ein paar hübsche Gags bauten sie natürlich auch ein, etwa die Ankündigung, Cashs "You are my sunshine" durch alle Tonarten zu führen. Bei jedem Wechsel stand der Mann am Klavier dann auf - und forderte Jubel. Den vollständigen Quintenzirkel durchschritt er dabei trotz leidenschaftlicher Modulationen freilich nicht. Einzig bei den Zitaten aus der Klassik hätten die beiden gern auch mal den Bereich des Allbekannten verlassen können, da gibt es schließlich reichlich Material. Sei's drum, zwei wunderbar unbelastete Stunden hat der Abend allemal beschert.

© SZ vom 23.09.2017
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