Angebot für Flüchtlinge:Hilfe bei der Orientierung im neuen Leben

Caritas Asylsozialberatung Veronika Holzinger

Früher hat Veronika Holzinger eine Clearingstelle für junge Flüchtlinge geleitet - eine wichtige Erfahrung für ihre neue Stelle in Grafing.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Veronika Holzinger ist seit Anfang März Leiterin der Caritas-Asylsozialberatung. Sie will sich nicht nur für ihre Klienten einsetzen, sondern auch ihr Team vor Überlastung schützen

Von Yvonne Münzberg, Grafing

Die Menschen, die zu Veronika Holzinger kommen, haben schon viel erlebt: eine Flucht in ein fremdes Land, oft viele Monate in Gemeinschaftsunterkünften, Unsicherheit und Ungewissheit. Ein Leben, in das sie sich erst neu einfinden müssen. Den Asylsuchenden Orientierung zu geben, ihre vielen Fragen zu beantworten, ihnen bei Problemen mit Anträgen - oder mit dem Leben in Deutschland generell - zur Seite zu stehen, das ist die Aufgabe von Veronika Holzinger und ihrem Team. Seit Anfang März ist Holzinger neue Leiterin der Asylsozialberatung der Caritas Ebersberg. Und obwohl sie sich noch in der Einarbeitungsphase befindet, fühlt sich Holzinger mit dem neuen Team und der neuen Aufgabe sichtlich wohl.

Eigentlich stammt Veronika Holzinger aus Landshut. Nach ihrem Studium der Sozialpädagogik war sie mehrere Jahre bei der Caritas Rosenheim sowie bei der Stiftung Attl in Wasserburg am Inn beschäftigt, hat dort zunächst in der Behindertenhilfe gearbeitet. Eine anspruchsvolle, aber auch meist planbare Arbeit, sagt Holzinger. Ab 2014 leitete sie die Clearingstelle für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge. Dabei, so die Sozialpädagogin, habe sie sehr intensive Erfahrungen machen dürfen. Stressig war das allemal - oft hatte Holzinger das Gefühl, die Arbeit würde einfach zu viel. "Ich musste mir erst einmal darüber klar werden, was ich wollte", erinnert sich die junge Frau.

Deswegen nahm sie sich schließlich ein Jahr Auszeit, blieb ihrer Berufung aber auch in diesen Monaten treu. Sie fing an, Persisch zu lernen und schrieb sich für das Masterstudium Interkulturelle Bildung ein. In dieser Zeit wurde Holzinger auch klar, dass ihr die Beratungsarbeit liegt, sie jedoch gewisse Rahmenbedingungen braucht. Der vakante Leitungsposten in Grafing versprach beides, also bewarb sie sich. Ihr Aufgabenfeld umfasst jetzt die Leitung und Betreuung des Beraterteams, das Asylsuchenden zur Seite steht.

Noch begleitet Holzinger ihre Mitarbeiter zu Gesprächen, beobachtet, um Fragen zu klären. Schließlich gebe es auch viele unausgesprochene Regeln im Arbeitsalltag, hinter die man als Neuling erst einmal kommen müsse. Außerdem sei es wichtig, wieder und wieder nachzufragen, wie es läuft, wie es dem Team geht, erklärt Holzinger. Es gäbe schließlich immer "kleine Schrauben", an denen gedreht werden könne, um das Arbeitsklima zu erhalten. Denn die Belastung der Berater ist teilweise immens. In der Diskussion um Flüchtlinge wird das oft vergessen - die Arbeit derjenigen, die sich der Fälle annehmen und die Asylsuchenden begleiten. In der Hauptstelle in Grafing soll das bisher fünfköpfige Team unter der neuen Leitung deswegen erweitert werden, die Nachfrage für das Beratungsangebot nimmt schließlich nicht ab.

Zusätzlich kommt die Umsetzung der Beratungs- und Integrationsrichtlinien, BIR, die 2019 fest eingeführt werden sollen. Eine Herausforderung für alle Beratungsteams, aber inhaltlich, das sagt auch Christine Deyle, Fachdienstleiterin Soziale Dienste, sind diese sinnvoll: Migrations- und Asylberatung werden dadurch vereint, es entsteht kein Bruch mehr zwischen beiden Beratungsphasen. Für das Team bedeutet das, mehr Zeit und Energie beispielsweise in Fortbildungen zu investieren. Aber wenn man mit Holzinger spricht, merkt man: Diese Zeit investiert sie gerne. Die Beratung selbst sei sowieso ein "Fass ohne Boden", denn die Menschen, die hier ein neues Leben anfangen müssten, hätten ja oft bereits ein halbes Leben hinter sich. "Da kann man nicht einfach sagen: Punkt 17 Uhr, jetzt ist Feierabend, und die Leute vor der Tür stehen lassen."

Gleichzeitig gilt es aber auch, die Balance zu halten, schließlich sei man kein ständig verfügbarer Notarzt, sondern immer noch Berater. Darauf hat Holzinger als Leiterin selbst ein Auge, lobt aber auch das Gesamtkonzept mitsamt Fürsorge und Betreuung der Mitarbeiter an der Caritas Ebersberg. So würden etwa Yoga, gemeinsames Kochen oder Singen angeboten. Alles Maßnahmen, die die Mitarbeiter auch außerhalb ihrer jeweiligen Fachteams zusammenbringen und somit die Kollegialität stärken würden.

"Wir leben in einer Gesellschaft, in der leistungsorientiertes Denken vorherrscht. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass es auch eine Welt gibt, in der nicht alles der Leistung bedingt ist", mahnt die junge Frau. Eine große Herausforderung bei der Flüchtlingsarbeit ist beispielsweise, wie so oft, die Bürokratie. Für alles bräuchte man einen Zettel - das stünde teilweise einfach nicht im Verhältnis. Theorie und Praxis passen also oft nicht zusammen. "Manchmal verstehen wir bestimmte Formalitäten selber nicht, wie sollen es dann erst unsere Klienten verstehen?", fragt Holzinger.

Allgemein wünscht sich die junge Frau mehr Verständnis auf beiden Seiten. Dabei geht es aber nicht nur um Einheimische und Flüchtlinge, sondern um jeden Bürger, "ob schwarz, weiß oder behindert", solche Unterteilungen sollten sowieso egal sein. Für Inklusion, die funktioniert, muss jeder bei sich selbst anfangen, prüfen, wo vielleicht Vorurteile und Ängste liegen.

Vor kurzem wurde Holzinger dazu eingeladen, einem muslimischen Bekannten beim Beten zuzusehen - eine spannende und vor allem neue Erfahrung für die Leiterin. Sie selbst hätte sich nicht getraut zu fragen, ob sie dabei zusehen könne. Das zeigt: Jeder hat Berührungsängste, die durch die richtige Kommunikation aber verschwinden können. Genau das gefällt der jungen Frau an ihrem neuen Job so gut: Verschiedene Kulturen kennenzulernen, dabei Berührungsängste zu verlieren, Neues dazuzulernen, eben die ganze Welt zu Gast zu haben.

© SZ vom 11.04.2018
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