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Mitten in Grafing:"Aber das sind doch Menschen!"

Szenen auf der griechischen Insel Lesbos Mitte September 2020.

(Foto: AFP)

Kriege, Flüchtlinge, Waldbrände, Viren: Was tun? Für manche Erkenntnis braucht es keine Politiker sondern die Analyse der eigenen Kinder.

Kolumne von Anja Blum, Grafing

Selbstverständlich freuen sich Eltern, wenn der Nachwuchs Interesse zeigt am Weltgeschehen, wenn er ab und zu über den Rand der eigenen Brotzeitbox hinausblickt. Doch gerade in diesen Zeiten kann eine Tageszeitung wie die Süddeutsche in den Händen von Kindern durchaus eine Herausforderung sein. Die Corona-Gefahr, Kriegsgeschehen, brennende Wälder, gestrandete Wale, darbende Flüchtlinge - das alles ist starker Tobak für junge Gemüter. Doch man muss sich nicht sorgen - sondern kann, wenn man sich einlässt auf ein solches Gespräch, vielleicht sogar noch etwas lernen über einfache Antworten auf schwierigen Fragen. Und zwar ganz ohne Verschwörung.

Wenn sie die Königin von Deutschland wäre, erklärt die achtjährige Tochter im Brustton der Überzeugung, dann würde sie Ausschau halten nach ein paar "starken, harten" Verbündeten und demjenigen, der da Stunk machen will, sofort eins auf die Mütze geben. "Dann ist gleich wieder Friede auf der Welt." Breites Grinsen. Ob das eine sehr frühe, aber durchaus ernst zu nehmende Bewerbung fürs Bundeskanzleramt ist? Oder zumindest für den Posten der Außenministerin? Vermutlich eher nicht.

Na ja, so einfach sei das nicht, Politik zu machen, wendet denn der zwölfjährige Bruder auch gleich ein, schließlich sei es eine große Verantwortung, für ein ganzes Land entscheiden zu müssen. "Das kann man alleine eigentlich gar nicht schaffen", sagt er. "Oh ja", denkt man da etwas sarkastisch bei sich, "deswegen müssen sich die Ministerien auch immer so viele externe Berater ins Haus holen". Doch dieses Fass ohne Boden soll jetzt nicht auch noch vor den Kindern geöffnet werden.

Und da geht es auch schon weiter. Warum in aller Welt die Flüchtlinge denn in den Lagern auf den griechischen Inseln bleiben müssten, fragt der Sohn. "Weil Europa sie nicht haben will", lautet die erste, schnelle Antwort - die dem Filius selbstverständlich nicht genügt. "Aber warum denn?", hakt er nach. "Weil die Leute Angst haben vor den Flüchtlingen." Da werden die Augen plötzlich ganz groß. "Aber das sind doch nur Menschen!"

© SZ vom 30.09.2020/koei

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