bedeckt München 24°

Amtsgericht Ebersberg:Häusliche Gewalt

39-Jährige wegen sexueller Nötigung ihrer Ex-Freundin angeklagt

Von Johanna Feckl, Ebersberg

45 Minuten lang las die Angeklagte vor, was aus ihrer Sicht an diesem einem Abend im März 2019 geschehen ist, und wie es dazu überhaupt kommen konnte. Der Vorwurf, der die 39-Jährige vor das Ebersberger Amtsgericht gebracht hat: sexuelle Nötigung und körperliche Misshandlung ihrer Ex-Partnerin. Der Beklagten zufolge sind diese Anschuldigungen jedoch frei erfunden. In Wahrheit sei sie das Opfer ihrer narzisstischen Ex-Freundin, die sie regelmäßig erniedrigt und gedemütigt habe, sodass sie schwerst depressiv geworden sei. Ein Urteil sprach Richter Markus Nikol noch nicht, denn eine wichtige Zeugin konnte nicht am Prozess teilnehmen.

Laut der Anklageschrift, die die Staatsanwältin dem Schöffengericht vortrug, hat die Angeklagte ihre Ex-Lebensgefährtin an einem Abend im März 2019 nach einem Streit auf ein Bett geschubst. Dort habe die 39-Jährige sie festgehalten, entblößt und versucht, sie an den Geschlechtsteilen zu berühren sowie sie zu küssen. Das mutmaßliche Opfer, das als Nebenklägerin auftrat, habe mehrfach gesagt, dass die Beschuldigte aufhören solle und sich körperlich gewehrt - so sei ein Hämatom ab ihrem linken Arm entstanden.

Als "unfassbare Ungerechtigkeit" bezeichnete indes die Angeklagte die Behauptungen. Laut ihren Angaben haben sich die beiden Frauen 2017 online kennengelernt und wurden bald darauf ein Paar. Die mutmaßlich Geschädigte erzählte der Beklagten von ihrer Kindheit, in der sie sexuell missbraucht worden sei. "Ich bin behutsam mit ihr und dem Thema umgegangen." Im August 2018 zog das damalige Paar in eine Wohnung in den nördlichen Landkreis Ebersberg. Erst von diesem Zeitpunkt an habe ihre Ex eine "abgrundtief hässliche Seite" gezeigt: Regelmäßig hätten Erniedrigungen und Schuldumkehrungen stattgefunden, wie die 39-Jährige sagt. Dadurch sei sie in einen "sehr depressiven Zustand" geraten. An einem Abend im November 2018 habe sie nach einem heftigen Streit zu Alkohol gegriffen und sei dann aus der Wohnung geflüchtet. Nach dem Austausch von Whatsapp-Nachrichten habe ihre Ex sie auf der Rückbank ihres Autos gefunden, sie am Sprunggelenk durch die Tiefgarage gezerrt und sie zurück in die Wohnung bugsiert. "Sie hat mich voller Hass beschimpft", so die Beschuldigte. Aufgrund dieser Demütigung habe sie eine Suizidabsicht geäußert. Daraufhin habe ihre damalige Partnerin die Polizei alarmiert und sie in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen.

Im Februar 2019 dann trennte sich die Angeklagte. Zwar lebte das Paar noch weiter in der gemeinsamen Wohnung, jedoch in unterschiedlichen Zimmern. Fast jede Nacht sei sie fortan terrorisiert worden, so die 39-Jährige. Als sie an dem Abend, auf den sich die Anklage bezieht, den Besuch ihrer Mutter angekündigt habe, sei ihre Ex ausgerastet, habe sie beschimpft und wollte ihren Laptop zerstören. "Da bin ich natürlich auch wütend geworden." Sie hätten gerangelt - dabei habe sich die Nebenklägerin das Hämatom zugezogen.

Richter Nikol fragte, wieso die Trennung ausgerechnet an diesem Tag im Februar stattgefunden habe. "Ich kann das heute gar nicht mehr erklären, ich war total abhängig", sagte die Angeklagte. Ungereimtheiten in den Aussagen sahen sowohl der Anwalt der Nebenklägerin sowie eine psychiatrische Gutachterin. Warum sollte die Nebenklägerin erst Wochen nach der Trennung eine Geschichte erfinden und Anzeige erstatten? Wie komme die Angeklagte auf die Idee, sie wäre aus Rachsucht in eine Akutpsychiatrie eingewiesen worden, wenn sie doch eine Suizidabsicht geäußert hatte? Auch wies die Gutachterin darauf hin, dass die Nebenklägerin zehn Kilo leichter als die Angeklagte und fast blind ist, sowie kurz zuvor Verletzungen an der Wirbelsäule erlitten hatte.

Eine Polizeibeamtin las aus dem Protokoll vom Notruf im November: Demnach habe die Angeklagte während des gesamten Tages suizidale Absichten geäußert und sei bereits außerhalb des Balkongeländers gestanden.

© SZ vom 11.05.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB