Umweltaktion Elf Länder, 9000 Kilometer: Zornedinger Biker sammelt Plastikmüll

"Mir war es wichtig, meinen Traum mit etwas zu verbinden", sagt der passionierte Motorradfahrer.

(Foto: Christian Endt)

Falk Skeide macht eine Ostseeumfahrung mit dem Motorrad. An jeder seiner 25 Stationen will er Abfall sammeln. Am Samstag geht es los.

Von Viktoria Spinrad

Falk Skeide lief auf dem Fußballfeld, da gab es plötzlich einen peitschenartigen Knall. Die Achillessehne war gerissen. Die Folge: zwei Monate Ruhepause. Für den 43-jährigen Zornedinger kam der hektische Arbeitsalltag zum Erliegen. Stattdessen zog etwas anderes ein: die Zeit. Zeit zum Lesen, Zeit zum Nachdenken. Also nahm der Familienvater mit den großen Augen und dem Bart ein Buch in die Hand: "The Big Five for Life - was wirklich zählt im Leben" von John Strelecky. Eine amerikanische Geschichte darüber, dass jeder seine fünf Ziele im Leben kennen soll. Was ist der Zweck der eigenen Existenz? Er begann nachzudenken. Dann schmiedete er einen Plan.

Eineinhalb Jahre später, ein Nachmittag in Zorneding. "Ich kann es kaum erwarten", sagt Skeide. Heute ist er nicht mehr im Krankenstand, sondern auf heißen Kohlen. Am kommenden Samstag soll sie losgehen, die große Tour. 30 Stationen in 30 Tagen, eine 9000-Kilometer-Fahrt durch elf Länder. Das Ziel: das Nordkap, eine vorgelagerte Insel Norwegens, einer der nördlichsten Punkte Europas. Im Winter ewige Dunkelheit, jetzt im Sommer ewige Sonne. Dort hinkommen will er aber nicht etwa mit dem Flugzeug oder dem Zug - sondern mit seiner Harley Davidson. Eine lange Spazierfahrt auf 64 PS und 1450 Kubikzentimetern Hubraum entlang der Ostsee, mit iPad, Kamera und Gopro im Gepäck. Denn die Fahrt soll nicht nur dem reinem Hedonismus dienen.

Um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden hat Skeide ein Projekt gegründet: die "Plastikmüll-Piraten". Die Piraten, das sind die Zornedinger Kinder, die Skeide in den Kindergärten und Schulen für das Thema sensibilisieren will. 300 Plastikmüll-Piraten gibt es schon: die Kindergartenkinder haben mit ihm ein Aufklärungsvideo gesehen, darüber gesprochen, wie man Plastikmüll vermeiden kann und zum Schluss einen Jutebeutel in die Hand bekommen, den Skeide eigens bedrucken lässt. Heraus gehen sie mit dem Auftrag, selber Verantwortung zu übernehmen für die Umwelt. "Kinder sind diejenigen, die Themen ohne Blick auf den eigenen Vorteil verfolgen", sagt Skeide, der beruflich als Ingenieur tätig ist.

Wenn es nach ihm geht, sollen die Kleinen die Großen erziehen - zum Beispiel, indem sie beim Einkauf darauf achten, kein eingepacktes Obst und Gemüse in den Einkaufswagen zu legen. Mit den Jutebeuteln sollen die Kinder auch bald in den Sommerferien losziehen und Bilder von sich beim Plastiksammeln machen. Diese sollen ausgestellt werden. Zudem plant er, selber an jeder seiner 25 Stationen Plastikmüll zu sammeln und davon in seinem Blog "skeideontour" zu berichten - deshalb die Ausrüstung.

Warum gerade der Kampf gegen das Plastik? "Ich habe das Gefühl, dass das Thema einfach nicht da ankommt, wo die Entscheider sitzen", sagt Skeide. Das Thema gehe in der aktuellen Berichterstattung völlig unter. Zumal große Stiftungen wie Greenpeace nur schwer in das Alltagsverhalten der Verbraucher eingreifen könnten. "Es geht darum, im Kleinen anzufangen", sagt er.

Skeide ist in Zorneding kein Unbekannter. Er ist einer der Gründungsmitglieder des Helferkreises. Bei der Bürgerversammlung im vergangenen November warb er leidenschaftlich für mehr Flüchtlings-Engagement der Zornedinger. Der gebürtige Sachse hat noch die DDR erlebt, eine Gesellschaft, in der man gemeinsam mit wenig auskam. Vielleicht auch deswegen attestiert er sich ein Helfersyndrom. "Das ist Fluch und Segen zugleich", sagt Skeide und lacht. Das Helfersyndrom hat auch zur Folge, dass das Haus, in dem er mit seiner Frau und der neunjährigen Tochter lebt, in den viereinhalb Wochen seiner Reise alles andere als leer sein wird. Wenn er losknattert, seinen Traum zu erfüllen, werden zwei Kinder aus Weißrussland bei ihm zuhause Kur machen: Kinder aus dem Tschernobyl-Gebiet, die sich von dem verstrahlten Gebiet erholen sollen. Die Anzinger Initiative holt die Kinder und Jugendliche nach Bayern, "da wird auch meine Tochter etwas abgelenkt sein", sagt Skeide.

Am kommenden Samstag geht es los. Erst nach Prag, dann durch Polen quer an die Ostsee, das Baltikum, dann in das Land, auf das sich gerade die Sportkameras der Welt richten: Russland. Von dort reist er weiter durch Finnland, über den Polarkreis nach Norwegen in Richtung des berühmten Nordkap, wo die Sonne jetzt im Sommer gar nicht untergeht.

"Das war schon immer mein Traum", sagt Skeide. Zwei weitere Highlights warten auf dem Rückweg: die FV17, die berühmte, 600 Kilometer lange Küstenstraße durch Norwegen - ein Bikertraum. Und: die Trollstigen. Eine Bergstraße im Zickzack, 14 Prozent Steigung, elf Haarnadelkurven, Norwegens meistbefahrene Landschaftsroute. Alexandra Skeide sitzt auf dem Sofa und lächelt. Ob sie sich Sorgen machen werde, wenn ihr Mann durch Europa düst? Alexandra Skeide wiegt den Kopf. "Ob er nun mit dem Motorrad zur Arbeit fährt oder durch Europa, ist ja das selbe", sagt sie nüchtern. Sie fände es viel schlimmer, "es immer im Kopf zu haben, dass er es nie gemacht hat".

Auch Skeide lächelt. Wäre es mit Blick auf den Naturschutz nicht konsequenter, das Fahrrad aufzupumpen statt die Harley dröhnen zu lassen? "Mir war es wichtig, meinen Traum mit etwas zu verbinden", entgegnet Skeide. Niemand könne alleine die Welt verändern. "Man muss sich eben ein Thema heraussuchen." Auch nach seiner Rückkehr wolle er sich weiter engagieren, vielleicht zum Plastikmüll, vielleicht zu etwas anderem. "Hauptsache, man macht etwas." Ein anderes seiner Big Five wird ihn sowieso noch eine ganze Weile begleiten: Das Ziel, einfach ein guter Vater zu sein.