Am Gymnasium Grafing Dickhäuter in der Badewanne

Ein Mitarbeiter ist von den Besuchern des Zoos irgendwann derart genervt, dass er alle Tiere freilässt und die Menschen einsperrt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die jungen Darsteller der Theatergruppe bestechen bei dem etwas sperrigen Stück "Der Zoo" mit Präsenz

Von Victor Sattler, Grafing

Die Party-Meile der Stadt ist "abgegrast", deshalb treiben sich die Figuren der Handlung eines schönen Tages alle im selben Zoo herum. Die Wölfe, die dort leben, finden das, was dann folgt, aber eher "zum Heulen". Bereits als die Lehrerin Caroline Reh vorab zum Publikum sprach, war der Startschuss für alle Tier-Wortspiele gefallen, mit denen das Stück "Der Zoo" von Kerstin Specht nur aufwarten konnte. Die Theatergruppe des Gymnasiums Grafing hatte sich damit einen Stoff vorgenommen, der sie schnell von ihrem Platz an der Spitze der Nahrungskette herunterholte, immer wahnwitziger verwischten die Schüler die Grenze zwischen Mensch und Tier.

Dabei sind alle Charaktere von vornherein recht primitiv und triebgesteuert; sie würden am liebsten nur "poppen", wie sie es auf dem Discovery Channel gesehen haben. Die eine hat mehr Falten als ein Affe im Gesicht, der andere einen Fleck auf der weißen Hose wie einen Pavianhintern. Obendrein essen sie dann auch noch Fisch aus einem Eimer, pinkeln im Freien und werden von einem Voyeur fotografiert, der sonst nur schwere Unfälle knipst, hier aber ein seltenes Naturspektakel vor die Linse bekommt. Kurz darauf könnte schon niemand mehr sagen, warum man eigentlich Kindergeld erhält, aber eine Hundesteuer zahlen muss.

Das wäre vielleicht noch alles gut gegangen, doch einer von ihnen setzt der Schöpfung die Krone auf: Tierpfleger Max (im Wechsel: Justus Emmerich, Julia Pollak und Thalie Schröter) hat sich in das Nashorn verliebt, dem er regelmäßig Samen abnehmen muss. Beim "Prostata-Krabbeln" war es um ihn und den Dickhäuter geschehen. Sehr zum Entsetzen seiner Freundin Alice (Lola Spiegl), die nichts von seinen Neigungen wusste und die, wenn überhaupt, auf Wölfe abfährt, ihrer Bommelmütze nach zu urteilen. Weil Max außerdem vom Zoo gefeuert wurde und schon lang einen starken (hier berechtigten) Menschenhass hegt, setzt er seine Zoo-Kollegen außer Gefecht und steckt die nervigen Besucher ins Nashorngehege. "Ihr seid dran - das heißt: drin!", verkündet er seinen eingesperrten Opfern diabolisch. Die Tiere hat er im Umkehrschluss alle freigelassen. Wie bei Dürrenmatt geht nun draußen ein schwarzer Panther um und verbreitet genug vagen Schrecken, dass alle sich in ihre anomische Situation fügen.

Leider konnte man am Abend einige Male merken, dass auch die Schüler sich Autorin Specht und Lehrerin Reh eher gefügt hatten. Sie waren über Wochen mit dem fremdgewählten Text beim Proben alleingelassen worden, weil ihre Lehrerin verhindert gewesen war. Einige der schwurbligen Sätze wurden zu Recht mit leichtem Stirnrunzeln vorgetragen: "Es geht in einer Beziehung immer um ausgeglichene Konten", sagt etwa ein Siebtklässler, weil sein fester Freund in der Sauna gesichtet wurde und er jetzt gleich auf einen Quickie in die Wohnung eines anderen Typen mitgehen soll. Die Autorin wirft außerdem mit Todesfällen und dunklen Vergangenheiten um sich, selbst eine Andeutung von Kindesmissbrauch haut sie raus, als gäbe es kein Morgen, an dem man das noch kreativ verwerten könnte. Aber nichts davon wird je von der Handlung aufgefangen, alles steht im Raum.

Das Ensemble konnte dafür nichts und gab sein Bestes. Richtig aktiv wurden die jungen Darsteller, als sie alle zusammen eingesperrt waren und nun die gesamte Fläche bespielen durften: Publikumsstühle, Stufen, Eisenstangen und ein Podest füllten sie mit ihrer Präsenz erfolgreich aus. Die Badewanne, wie die Aula genannt wird, sei zwar "authentisch unfertig" und erinnere sie an einen Plattenbau, hat aber immerhin eine Fußbodenheizung - so, wie es Nashörner am liebsten mögen. In ihrer Gefangenschaft sind die Figuren gezwungen, aneinander zu kleben, als wären sie "Putzfische". Dadurch finden sie sich in neuen Konstellationen zusammen, spenden sich gegenseitig Trost, Sex, Umarmungen und viele Reflexionen über das Leben da draußen. Als das Gatter wieder offen steht, hat es niemand mehr besonders eilig, in die grausame Freiheit zurückzukehren.