Livestream am Donnerstag:Kann Scheitern sexy sein?

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Moosach Metatheater, KULTUR Meta Theater Moosach: Unter dem Dach des Meta Theater wurden an zwölf Residenzkünstler*innen Stipendien vergeben! Kick-off-Veranstaltung (hybrid)

Jacqueline ist das Alter Ego von Gaston - und hat sehr viel weniger Berührungsängste als der Künstler aus Bruck.

(Foto: Max Ott (oh))

Gaston präsentiert im Alten Kino Ebersberg sein neues Projekt "Jacquelines Song" - ein spannender Selbstversuch.

Von Anja Blum, Bruck

Singen vor Publikum gehört für die allermeisten Menschen zu den Dingen, die sie unter keinen Umständen machen wollen. Das weiß Florian Reinhold alias Gaston Florin ganz genau. "Bei meinen Theaterworkshops zum Beispiel wird das immer ganz oben auf die Not-to-do-Liste gewählt." Und für den Künstler aus Bruck selbst galt bislang genau das gleiche. Obwohl Reinhold in extrem vielen Disziplinen zuhause ist - von der Zauberei über Schauspiel, Impro und Regie bis hin zu Moderation und Coaching - hatte er beim Thema Gesang stets einen blinden Fleck. "Nur wenn es unbedingt sein musste, und auch nur in der dritten Reihe" habe er seine Stimme erhoben, erzählt er, etwa im Chor bei Theaterinszenierungen. Doch Jacqueline sieht das ganz anders: Das französische Showgirl träumt schon lange davon, auf einer großen Bühne zu stehen und das Publikum mit einem Lied zu berühren. Deswegen gibt es am Donnerstag, 2. Dezember, einen Livestream aus dem Alten Kino in Ebersberg: "Jacqueline Song" - eine Premiere und ein spannender Selbstversuch. "Im schlimmsten Fall lachen wir alle, weil ich nicht singen kann."

Livestream am Donnerstag: Gaston und Markus Bachmeier sehen dem Abend mit Spannung entgegen.

Gaston und Markus Bachmeier sehen dem Abend mit Spannung entgegen.

(Foto: Christian Endt)

Jacqueline D'Arc ist das Alter Ego von Gaston, eine Bühnenfigur, die sich quasi verselbständigt hat, wie das halt manchmal so ist mit den Geistern, die man rief. Erfunden hat Gaston Jacqueline für ein Programm mit Figuren der Weltliteratur, die leider dem Rotstift zum Opfer gefallen sind: Die Schwester von Hamlet, die Versöhnung stiften wollte, eine Mephista aus Goethes "Faust" oder eben Jacqueline D'Arc, eine etwas anrüchige Cousine der Heiligen Jungfrau von Orleans. "Sie alle wurden gestrichen - aber Jacqueline hat das gar nicht viel ausgemacht, sie hat in diese katholische Familie sowieso nie so richtig reingepasst", erzählt Gaston und lacht. Mittlerweile verwandelt er sich zu vielen Anlässen in sein weibliches Alter Ego, sei es, um auf der Straße männliches Verhalten zu studieren, um auf der Bühne das Thema Körpersprache zu verdeutlichen oder einfach, um zaubernd das Publikum zu unterhalten. Und nun kommt eben noch Gesang hinzu. Ein altes Wiener Lied, ein Klassiker wie "Sway" oder die "Illusionen" von der großen Hildegard Knef - Repertoire für Jacqueline gibt es genug. "Mit langsamen Balladen tue ich mir allerdings leichter", gesteht Gaston, für schnellere Songs fehle ihm noch die Übung.

Er kann nicht singen, sie glaubt, sie kann

Ja, es ist eine etwas zwiespältige Situation, denn in der Brust dieses Künstlers schlagen tatsächlich zwei Herzen. Er hat Schiss - sie absolutes Gottvertrauen. Er wird in der Garderobe sitzen und bibbern - sie voller Freude die Welt der Musik erkunden. Das Unmögliche möglich zu machen ist zwar seit jeher das Metier des Magiers Gaston, doch in diesem Fall geht es darum, die eigenen inneren Grenzen zu überwinden, scheinbar unveränderliche Glaubenssätze zu hinterfragen. "Ich dachte immer: Ich kann nicht singen. Und dass man auf der Bühne nur etwas tun sollte, das man auch beherrscht", sagt Reinold. Doch diese Annahmen gerieten momentan durchaus ins Wanken, "da hat sich tatsächlich was verschoben". Kann nicht auch das Scheitern sexy sein?

Livestream am Donnerstag: Im Sommer war Jaqueline im Meta Theater Moosach schon bei der Veranstaltung Magie und Musik dabei - nun versucht sie es im Alten Kino alleine mit Musik.

Im Sommer war Jaqueline im Meta Theater Moosach schon bei der Veranstaltung Magie und Musik dabei - nun versucht sie es im Alten Kino alleine mit Musik.

(Foto: Christian Endt)

Ins Rollen kam das Projekt "Jacqueline singt" wie so viele neue künstlerische Konzepte wegen Corona. Im ersten Lockdown habe er trotz seines vielfältigen Schaffens um Sichtbarkeit ringen müssen, sagt der Brucker. "Der Flaschenhals bei mir war: alles live!" Deswegen habe er sich mit digitalen Formaten anfreunden wollen, ein Handy am Besenstiel machte schnell "Gaston TV" möglich. Und dann sei eben die uralte Idee wieder aufgepoppt, Jacqueline singen zu lassen - weil das "eigentlich zu ihrer DNA gehört". Als Coach mute er den Menschen ja auch einiges zu, nun sei er eben selbst mal wieder dran gewesen, das sichere Terrain zu verlassen. "Es ging darum, singen zu lernen und dabei die Frage nach der Perfektion einmal neu zu verhandeln." Ein Stipendium für freies künstlerisches Forschen unter dem Dach des Moosacher Meta Theaters bot dazu den passenden Rahmen und Austausch unter Gleichgesinnten. Außerdem wollten die Künstler herausfinden, wie es gelingen kann, digitale Räume zu bespielen und zu beleben. Insofern darf auch Gastons Publikum an dem Experiment teilhaben: 30 Folgen von "Jacquelines Song" sind inzwischen online.

Improvisation schlägt Perfektion

Zunächst sah das Konzept vor, verschiedene Musiker zu treffen, von ihnen zu lernen und am Ende einen gemeinsamen bunten Abend zu gestalten. Doch zu reisen und enge Kontakte zu haben erschien Reinhold bald zu riskant, also reduzierte sich der Prozess auf Gesangsunterricht und die Zusammenarbeit mit einer Band. Doch die Pandemie erschwert vieles derart, dass die Reise nun noch nicht zu Ende sein soll: Reinhold versteht den Auftritt am Donnerstag als eine Art Zwischenstation, als einen Werkabend. Denn erstens wird kein Publikum im Saal anwesend sein, was die Emotionalität des Geschehens doch einschränkt, und zweitens ist das Zusammenspiel mit den Musikern noch nicht wirklich erprobt: Der Gitarrist Norbert Bürger springt mit seinem neuen Trio für das leider verhinderte Ensemble von Martina Eisenreich ein. Jacqueline wird zur Musik singen, erzählen und improvisieren. Sicher ist also nur: Das Publikum erwartet eine Fusion von Klang, Magie und Spiel - einzigartig, unglaublich und vielleicht sogar unvergesslich.

Jaqueline lernt singen

Gesangslehrer Götz Hünnemeier hat Jaqueline ein paar Grundlagen beigebracht.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Für Gaston jedenfalls steht inzwischen fest: "Üben hilft tatsächlich." Außerdem sei auch an der alten Weisheit, dass singen glücklich mache, tatsächlich etwas dran. "Ich habe das ganz deutlich gespürt!" Wenn er als Jacqueline ganz im Gesang aufgehe, dann mache ihm das Abgeschnittensein durch Corona weniger aus, sagt Reinhold. "Die Situation ist zwar noch dieselbe, aber die Wahrnehmung verändert sich." Nicht aufgeben, sondern freudvoll weiterzumachen, das sei nach wie vor die Devise. Insofern freut sich der Brucker, durch dieses Projekt sein Spektrum erweitert, ein neues Ausdrucksmittel gefunden zu haben. "Einfach mal ein Lied anstimmen zu können, ist immer ein toller Farbtupfer." Und was ist mit dem Scheitern? "Ich gehe stark davon aus, dass es mich beim Singen rausdrehen wird", gibt Gaston zu. Doch das sei nicht so schlimm, als Improkünstlerin könne Jacqueline mit solchen Situationen immer umgehen. Und auch beim Zaubern habe er bereits Pannen erlebt, im Sinne davon, "erwischt" zu werden. Einmal sei ihm vor 700 Magierkollegen ein Trick ganz übel missglückt, erzählt Gaston, ein eigentlich "unsichtbares" Ei aus Plastik sei da die ganze Treppe runter und den Mittelgang entlang gekullert. "Da hab ich gesagt: ,Ich weiß nicht, wieso ihr jetzt klatscht' - und gleich noch mehr Lacher und Applaus bekommen." Ein guter Abend beruhe also nicht allein auf Perfektion. "Mir ist es am wichtigsten, möglichst viele Beziehungen aufzubauen. Und da gehört eben auch das Verkacken manchmal dazu."

Livestream "Jacquelines Song" mit Gaston und Norbert Bürger am Donnerstag, 2. Dezember, um 20.30 Uhr aus dem Alten Kino Ebersberg. Tickets für den Livestream für 2 bis 24 Euro gibt es auf alteskino.tv.

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