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Altes Kino Ebersberg:Familientreffen

Das Alte Kino stemmt sich mit Humor und Einsatz gegen die Schließung, so wird aus der "Vollbremsung" eine Eigenproduktion. Den zweiten Teil gibt's am Donnerstag.

Von Anja Blum

Ein kabarettistischer Heimatabend. Ja, das war sie, die erste Teil-Lockdown-Produktion des Alten Kinos. Die Ebersberger Bühne hat die Kleinkunstfans im Landkreis wie so oft in ihr zweites Wohnzimmer eingeladen - nur diesmal per Bildschirm. Richtig gemütlich war der Raum für diesen Abend eingerichtet, mit Kronleuchter, Kanapee und Wäscheständer, man hatte offensichtlich die Requisitenkammer geplündert. Sogar ein kleines Modell des Hauses, einst von Architekt Helmut Mayer gebaut, hatte Bühnenchef Markus Bachmeier von Zuhause mitgebracht. Klar, wenn im Saal kein Publikum anwesend sein darf, ist viel Platz für Dekoration.

Außerdem bot die Wohnzimmeratmosphäre den richtigen Rahmen für ein Programm - angekündigt war "ein Kaleidoskop der Unterhaltung mit kurzen Filmen, Musik, Rede, Elan und Spielfreude" - das vor allem für die Fans des Alten Kinos ein Genuss gewesen sein dürfte - Heimatabend eben. Man durfte einen Blick hinter die Kulissen dieser Ebersberger Kleinkunstwelt werfen, sich über allerhand Insiderwitze freuen (Zuschauerpuppe "Gustave" war der "Star des Abends"), vielen altbekannten Gesichtern begegnen und ganz persönlich per Chat mit dem Team des Alten Kinos interagieren. Und nicht nur das: Auch zwischen den Zuschauern gab es "Gespräche", fast wie bei einem Online-Familientreffen.

Zu erleben gibt es Quizfragen, Liveszenen, Gitarrenmusik und jede Menge Einspieler

Letztendlich geht es dem Verein Altes Kino auch genau darum: den Kontakt zum Publikum zu halten, präsent zu sein, selbst in diesen schwierigen Zeiten, in denen Kultur eigentlich nicht sein darf. Deswegen hat das Team entschieden, innerhalb weniger Tage eine Eigenproduktion auf die Beine und sich damit gegen die Auswirkungen der Pandemie zu stellen. Der Titel bringt es denn auch auf den Punkt: "Vollbremsung - Das Alte Kino spielt mit". Am Donnerstag, 19. November, wird es die nächste Ausgabe geben. Außerdem hat das Team diverse andere Kanäle geöffnet: Man kann ihm nun auf Instagram folgen, unter (08092) 202 55 Whatsapp-Nachrichten schicken oder, wer es lieber analog mag, etwas in einen Koffer am Eingang legen. Nachrichten, Geschenke, Videos - alles sei willkommen, heißt es. "Ihr versüßt uns diese schlimme Zeit, vielen Dank!"

Rahmenhandlung des Abends ist denn auch, dass das Team zur Untätigkeit verdammt und überdies im Alten Kino eingesperrt ist - der Chef kann seinen Schlüssel nicht finden. Das Publikum darf Tipps geben, wo das gute Stück sich vielleicht befindet, und außerdem Quizfragen beantworten. Zum Beispiel: Wo im Landkreis stürzte 1959 ein Flugzeug ab? Richtig, in Dichau! Als Belohnung für die richtige Antwort öffnet sich eine der vielen Türen im Alten Kino, hinter denen jeweils eine Überraschung wartet. Als Moderatorin fungiert Violetta Ditterich - ohne Punkt und Komma, dafür mit umso mehr Charme - und Gitarrist Jeremy Teigan steuert atmosphärisch dichte Zwischenspiele bei.

Zu sehen gibt es diverse Liveszenen vom Team, vorproduzierte Einspieler sowie Material, das Freunde des Alten Kinos beigesteuert haben. Lina Haschler glänzt als völlig überdrehtes und ebenso unfähiges Social-Media-Fittness-Häschen, Uschi und Wastl, alias Ursula Treffer und Sebastian Schoepp, präsentieren "Alte neueste Nachrichten", eine Ansammlung geistiger Zumutungen, die in einem einfachen Tipp gipfelt: "Gucken sie lieber was Lustiges!" Babsi Lux, Filmbeauftragte des Alten Kinos, entführt die Zuschauer in ihr reich dekoriertes "Vorführkammerl" und zeigt, wie könnte es anders sein, einen heiter-bösartigen Kurzfilm zum Thema Karriere. Kabarettist Alexander Liegl wiederum, Ex-Valtorta-Mitglied aus Kirchseeon, hat sich im Stuhllager eingerichtet und es in eine Art Textarchiv verwandelt. Inmitten zahlloser Zettel nimmt er das Thema "Sankt Martin" auf's Korn, steigert sich bis zur irren Atemlosigkeit hinein in paranoid-absurde Gedanken. So ein Druck, immer müsse man teilen, so Liegl, dabei stimme diese blöde Geschichte hinten und vorne nicht. Von wegen Heiliger: Der Römer habe überhaupt nichts abgeben wollen, vielmehr habe der Bettler den Mantel entzwei gerissen. "Am Ende hatten beide Nierenprobleme und sahen aus wie zwei Kasperl!" Nur deswegen fange nach Sankt Martin immer gleich der Fasching an.

Fast historisch mutet das Material an, das Zauberer "Gaston" aus Bruck und seine Fertigen Finger dem Alten Kino zur Ausstrahlung überlassen haben: In dem Filmchen geht es um einen leidlich faszinierenden Kartentrick, der in der gepflegten Barrunde hervorragend funktioniert, am bayerischen Stammtisch aber kläglich scheitert. Ein großes Prosit auf die Gemütlichkeit! Exklusives Highlight des Abends aber ist "Männer ohne Grenzen": eine bislang unveröffentlichte Serie von bayerischen Kabarettisten. Alleine die Liste der Beteiligten sagt alles: Andreas Giebel, Michael Altinger, Alexander Liegl, Christian Lerch und Matthias Kiefersauer. Die erste Folge beginnt mit einem Schnüffler und einer wilden Story zwischen Kneipe und Klassenzimmer. "Dieser Pilot ist großartig, wurde aber nie gesendet", erklärt Bachmeier. Man darf also gespannt sein, wie es am kommenden Donnerstag weiter geht.

Livestream: "Vollbremsung - Teil 2", Eigenproduktion des Alten Kinos, am Donnerstag, 19. November, um 20.30 Uhr. Tickets unter (08092) 255 92 05 oder www.kultur-in-ebersberg.de, Preis frei wählbar.

© SZ vom 16.11.2020

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