Altes Handwerk:Badekarren für Luxushotel

Andreas Hauck aus Baiern ist einer der letzten Wagner - und erhält ungewöhnliche Aufträge

Inga Rahmsdorf

Es war schon eine ungewöhnliche Anfrage. Da standen eines Tages Vertreter eines norddeutschen Luxushotels auf dem alten Hof in Baiern. Ob Andreas Hauck auch Badewagen bauen könnte, so im alten Stil, fragten sie. Mit Badewagen kannte Hauck sich bis dahin nicht aus, doch der 54-Jährige ist außergewöhnliche Aufträge gewohnt, und er ist es gewohnt, neue Dinge auszuprobieren und sich fehlendes Wissen selbst anzueignen. So fuhr Hauck auf die ostfriesische Insel Norderney, schaute sich alte Badewagen an, die dort am Strand stehen, besuchte das Inselmuseum, das auch über die Geschichte der Badekarren berichtet - und sagte schließlich zu.

Andreas Hauck, Baiern, Wagner

Historisches Äußeres, modernes Innenleben: Die Badewagen, die der Bairer Andreas Hauck gebaut hat, sollen in einem norddeutschen Luxushotel als Sauna und Ruheraum dienen.

(Foto: Gunhild Hauck/privat)

Sechs Monate später stehen zwei Badewagen, vollständig handgearbeitet, auf dem Hof in Baiern, fertig für den Transport in das norddeutsche Luxushotel. Dort sollen sie als Sauna und Ruheraum genutzt werden. Die schmiedeeisernen Räder hat Hauck schon abmoniert, damit sie am Freitag besser auf den Sattelschlepper passen. Hauck kommt aus seiner Werkstatt, die in einer alten Scheune auf dem Hof untergebracht ist. Er arbeitet schon an seinem nächsten Projekt, einer alten Kutsche, die er für einen Sammler restauriert. "Ich liebe die Arbeit", sagt er. Wenn er könnte, würde er davon leben, Kutschen und Badewagen zu bauen, alte Räder herzustellen, Schlitten mit schmiedeeisernen Belägen zu versehen. Doch sich und seine Familie ernähren, dafür reichen die Aufträge und die Bezahlung der handwerklichen Arbeit noch nicht aus, und so hat Hauck auch noch eine Firma, die Schallschutzwände baut.

Bei den Badewagen hat sich Hauck an den historischen Vorbildern orientiert, die im 19. Jahrhundert die Strände säumten. Die Proportionen hat er weitgehend übernommen, doch seine Meisterwerke sind größer, die Wände sind isoliert und einer der beiden Wagen hat zudem ein großes Fenster - das es wohl zu vergangenen Zeiten nicht gab, hätte es doch damals dem grundsätzlichen Prinzip der Badewagen widersprochen. Denn einst dienten die Holzkarren, die ein wenig wie Bauwagen mit riesigen Kutschenräder aussehen, gerade dazu, die Blicke auf delikate Angelegenheiten abzuschirmen und Anständigkeit und Prüderie auch in den Sommerurlauben zu wahren. So wurden die Wagen damals als Umkleidekabinen genutzt, aber auch mit den Damen darin von Pferden ins Wasser gezogen, damit die weiblichen Badegäste züchtig und vor den Blicken der Herren geschützt im Meer planschen konnten.

Es gibt nicht mehr viele Menschen, die das können, was Hauck kann. Er ist Wagner, ein Beruf, der heute fast ausgestorben ist. In einer großen Scheune auf dem Hof von Hauck stehen fünf alte Kutschen, bei denen der Wagner jedes Detail, von den Schmiede- bis zu den Holzarbeiten, selbst gefertigt hat. Hauck hat sich das Handwerk fast ausschließlich selbst beigebracht. Als er und seine Frau sich vor 20 Jahren den alten Hof kauften, verwirklichte er auch einen Jugendtraum, schaffte sich Pferde an und erstand eine alte Kutsche. Die Räder waren jedoch kaputt und als Hauck niemanden fand, der sie reparieren konnte, machte er sich daran, sich das Handwerk selbst beizubringen. 1997 hat die Handwerkskammer ihm seine Prüfung abgenommen, einen Meister kann er nicht machen, denn den gibt es in Deutschland gar nicht mehr.

© SZ vom 24.11.2011
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