Alter Speicher Schariwari feiert Comeback der "Bayerischen Rauhnacht"

Herzstück der"Rauhnacht" sind die Musiker von "Schariwari".

(Foto: Christian Endt)

Die Kirchseeoner Band legt einen fulminanten Auftritt in Ebersberg hin. Allein die Optik ist das Eintrittsgeld wert.

Von Anja Blum, Ebersberg

Dumpfe Schläge, wild klappernde Hufe, Kettengerassel, laut bellende Hunde, pfeifender Wind, ein lauter Knall, durchdringende Schreie: Und schon ist man mittendrin in einer Welt jenseits des Verstands, genau da, wo die Macher der "Bayerischen Rauhnacht" ihr Publikum haben wollen.

Magie lautet das Zauberwort. Denn um Magie geht es, aber magisch ist auch, mit welch' einfachen Mitteln dieses Musiktheater größtmögliche Wirkung erzielt. Sein Team weiß, was es tut, und hat die allergrößte Freude daran, das lassen unzählige Details erspüren. Nach dem rundum gelungenen Comeback im Ebersberger Alten Speicher am Donnerstagabend, einer Premiere nach zwölf Jahren Spielpause, strahlen die Gesichter auf der Bühne heller als der Trommel-Mond über ihnen.

Herzstück der "Bayerischen Rauhnacht" sind die Kirchseeoner Folk-Rock-Band Schariwari sowie der Autor Mathias von Stegmann, und um sie herum hat sich eine Schar hochkarätiger Kreativer zusammengefunden. Kostüme, Bühnenbild, Licht, Choreografie und Ton - all das ist exzellent ausgestaltet und aufeinander abgestimmt.

Allein die Optik ist das Eintrittsgeld wert: Ein moosgrün-nachtblaues Portal eröffnet hier den Blick in einen Zauberwald, zu echten Bäumen gesellen sich wie von Zauberhand imaginierte, teils scheint es, als reiche die Szenerie unendlich in die Tiefe. Mal glühen blaue Lichtlein, mal zucken grelle Blitze, dann herrscht wieder fast Finsternis. Hölle und Himmel, sie liegen hier sehr nah beieinander.

Auch die beiden Hauptdarsteller Maresa Sedlmeir und Johann Schuler sind Glücksgriffe.

(Foto: Christian Endt)

Geister, Hexen, Druden, Engel, Teufel

Kein Wunder, denn der alte Volksglaube rund um Rauhnächte und Perchten ist ein ambivalenter, fußt er doch auf einer Weltsicht, die Gut und Böse gleichermaßen zu ihrem Recht kommen lässt. Das "Mystical" von Schariwari beschwört sie mit Liedern, Geschichten und Tänzen herauf, es hat dafür eine ganz eigene szenische Form gefunden.

Experten für Licht, Ton, Kostüme und Bühnenbild vervollständigen das einmalige Gesamtkunstwerk.

(Foto: Christian Endt)

Das Publikum wird entführt in eine archaische Zeit, in denen die Menschen noch nicht irgendwelchen Apps vertrauten, sondern der Natur eng verbunden waren, sich in kalten, finsteren Winternächten sorgten um Leib und Seele und spürten, dass es auf dieser Welt mehr gibt als das Sichtbare: Geister, Hexen, Druden, Engel, Teufel und noch vielerlei Gestalten mehr. Für die Macher der "Rauhnacht" jedenfalls ist die Kraft der Fantasie der Schlüssel zur Magie, die die Macht des Bösen bricht, eine Schatzkammer, die es zu öffnen gilt - auch heute noch.

Um dies zu visualisieren, lassen sie zwei Fabelwesen aufeinandertreffen: einen Zaubertroll aus dem hohen Norden und ein bayerisches Holzmandl. Letzteres erzählt dem zuagroastn Troll, was es mit den Rauhnächten auf sich hat. Zum Beispiel, dass die Perchten zwar gruselige Gesellen, aber Glücksbringer sind: Sie vertreiben mit ihren wilden Tänzen die bösen Geister, schenken Segen und Fruchtbarkeit. Schlagen sie einem Madl mit der Rute auf den Bauch, wird es bald guter Hoffnung sein, und so hoch wie die Perchten springen, so hoch wird im nächsten Jahr das Getreide wachsen.

Apropos Getreide: Eine der Geschichten dreht sich um den alten Brauch, in den sogenannten Losnächten in die Zukunft zu blicken. Veronika, eine Bauerstochter, will anhand einzeln eingepflanzter Troadkörndl herausfinden, welches Mannsbild das richtige für sie ist - ein Vorläufer der algorithmusbasierten Partnervermittlung? Am Ende wird sie jedenfalls glücklich mit demjenigen, dessen Saat als einzige nicht aufgegangen ist.

Holzmasken, die zum Fürchten sind

Bemerkenswert ist die Bandbreite der dramaturgischen Dynamik: Sie reicht von ganz reduzierten, poetischen Szenen - etwa wenn das Holzmandl aus seinem dicken, altehrwürdigen Buch vorliest, oder wenn Bandleader Günther Lohmeier ganz alleine ein Lied interpretiert - bis hin zu höchst opulenten, wilden Bildern.

Wenn die Musiker ihre gruseligen Holzmasken tragen, wenn Tänzer Eric Brown als Gevatter Tod oder Frau Luz die Bühne dominiert, wenn der Sound anschwillt, das Licht flackert, dann ist die Rauhnacht da. Das Publikum kann sich weder dem einen noch dem anderen entziehen, wie gebannt es ist, zeigt sich in einem teils nur langsam anschwellenden Applaus - so als wachten die Zuhörer im ausverkauften Saal gerade auf aus einem kollektiven Traum.

Ein zeitlos schönes Stück über alpenländische Mystik ist diese neue "Bayerische Rauhnacht", etwas weniger volkstümlich inszeniert als zu ihren Anfängen vor 20 Jahren, und behutsam modernisiert. Die Songs von Schariwari kommen teils ein wenig rockiger daher, die Dialoge hat Mathias von Stegmann mit spitzer Feder und viel Humor dem Zeitgeist angepasst.

Der Zaubertroll zum Beispiel stellt sich als "genderneutrales" Wesen vor, worüber sich das Holzmandl sogleich köstlich amüsiert: "Ach, ihr Preißn seids jetzt des vierte Geschlecht?" Immer wieder frotzeln sich die beiden Hauptdarsteller - die man schlicht als phänomenale Glücksgriffe bezeichnen muss.

Die junge Synchronsprecherin Maresa Sedlmeir erweist sich als Naturtalent mit sagenhafter Bühnenpräsenz, ihr Zaubertroll in Schwarz-Weiß ist hanseatisch, quietschlebendig und fast ein bisschen punkig. Johann Schuler wiederum, bekannt durch viele bayerische Filme und Bühnen, agiert bis in die Haarspitzen souverän. Viel mehr cooler Hund als Märchenopa bietet er dem frechen Troll einen würdigen Widerpart als autoritärer Hüter alpenländischen Brauchtums.

Frau Percht

Wie tief dieses mit den existenziellen Fragen und Gefühlslagen des Lebens verbunden ist, zeigt der Abend eindrucksvoll. Zum Beispiel mit dem Song über ein "Hexenweib", eine alte Frau, die einst ob ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten, ihrer magischen Kräfte wegen aus der Gemeinschaft der Menschen verbannt wurde, und deren letzte Kerze nun abbrennt. Dem Besuch des Teufels, der sie holt, steht sie gelassen gegenüber: Er soll sie nur schnell wegbringen, aus dieser "furchtbaren Welt".

Ebenfalls extrem berührend ist ein Lied aus Sicht einer verstorbenen Kinderseele, die in schmerzhaften Anrufen an die Mutter um Frieden, um Erlösung fleht. Frau Percht, so heißt es, nimmt sich der Ungetauften an. Auch den Sünder im Angesicht des jüngsten Gerichts mimt Sänger Lohmeier beim "Geisterreigen" höchst dramatisch, die Hände in schwere Ketten gelegt, den "Meister" mit Totenkopfmaske erwartend. Schuld und Sühne, "es wird die Zeit zur Ewigkeit", das geht fürwahr unter die Haut.

Am Ende erklatscht sich ein begeistertes Publikum mit kraftvollem, rhythmischem Applaus eine Zugabe, aber auch die Macher des Spektakels sind sichtlich bewegt. Allen voran Lohmeier, nach dessen Melodie der ganze Saal zu guter Letzt pfeift. Es sei einfach fantastisch, wie viele wunderbare Menschen sich an der "Rauhnacht" beteiligten, sagt er - und dass er nun auf weitere zehn Jahre hoffe. Ein Wunsch, mit dem er an diesem Abend ganz gewiss nicht alleine ist.

Weitere Vorstellungen: Sonntag, 9. Dezember, 18 Uhr im KuKo Rosenheim, Tickets unter (08031) 365 93 65; Dienstag und Mittwoch, 1./2. Januar, 20 Uhr, Bürgersaal Ergolding; Tickets beim Landshuter Männerladen unter (0871) 294 75.