Party machen mit Holly Golightly? Quidditch spielen mit Harry Potter? Oder die Welt kennenlernen mit Rapunzel? Wer keine Zeit und Muße für einen anstrengenden und zeitaufwendigen Filmmarathon hat, der darf sich schnellstens eine Karte für ein Konzert des Grafinger Jugendorchesters besorgen. Das gastiert derzeit mit seinem etwa zweistündigen Programm „Orchestra goes Movie“ in Ebersberg und entstaubt dabei so einige Filmklassiker furios, kurzweilig und mit überraschenden Einlagen.
Die Vorstellung am Sonntagvormittag ist ausverkauft, und während draußen im Klosterbauhof beim Beach-Volleyball das Publikum tobt, kommen auch drinnen im Alten Speicher die Zuhörer langsam in Schwung. Das Konzert startet mystisch, mit leisen Streichern, einem wehmütigen Sopran. „Riverdance“ ist das erste Stück, mit dem Dirigentin – und Herz des Orchesters – Hedi Gruber erst einmal Ruhe in den Saal bringt, um das Entrée dann immer mitreißender werden zu lassen.

Gewitzt und mit der nötigen Coolness singt Stella Wolf vom Pinocchio, der seine Marionettenfäden loswird und endlich frei ist. Das Orchester freut sich mit ihm, swingt, man blickt in ein Meer aus lächelnden Gesichtern. Ein atemberaubendes Accelerando führt schließlich zum furiosen Finale der Coming-of-Age-Erzählung.

Durch das Programm führt, altgedient und mit jugendlichem Charme, Philipp Gassert. Er ist, so erzählt er es jedenfalls, auch noch nach seinem Aufruf vor einem Jahr Single, und wiederholt bei jeder Gelegenheit – und auch solchen, die keine sind – unbeirrt seine Telefonnummer. Grandios auch die Anmoderation zum neuen Outfit: Den rot-weiß karierten Anzug will er von Talk-Fürst Thomas Gottschalk himself geschenkt bekommen haben. Den hat er nämlich zufällig im Englischen Garten getroffen. Der Thomas darf deswegen als Pappfigur mitsamt rot-weißem Anzug gleich mit auf die Bühne.
Man muss nicht alle Filme kennen, um die dazugehörige Musik in vollen Zügen genießen zu können. Unweigerlich tauchen Filmszenen vor dem inneren Auge auf: Etwa wie Kapitän Jack Sparrow von einem Riesenkraken in die Unterwelt gezogen wird. Angetrieben von kühnen Streichern und einem beschwingten Cello-Solo fassen die Piraten wieder neuen Mut, um ihren Anführer zu retten. Plötzlich befindet man sich im Wilden Westen, der Wüstensand weht einem um die Nase, es ist brütend heiß, die Einsamkeit flirrt umher. „Once Upon a Time in the West“ von Ennio Morricone, hierzulande besser bekannt als „Spiel mir das Lied vom Tod“, ist zwar ein Klassiker, doch keineswegs abgedroschen, wie man meinen könnte. Die Mundharmonika darf natürlich nicht fehlen, ihre Töne verhallen in der Stille, die Bläser fügen sich ins Bild ein, dann die Streicher.



Und das GJO wäre nicht das GJO, würde sich die Unterhaltung nicht auch in den gewitzten Arrangements abseits der Musik niederschlagen. Da fällt passend ein Galgen von oben herunter, der Strick wartet auf den Todgeweihten. Aus heiterem Himmel rauschen riesige Wunderkerzen an der Bühne. Und bei „I Wanna Be Like You“, fliegen Bananen durch die Luft, und die Sänger tanzen in Baströckchen. Spätestens wenn der Affenkönig King Louis über die Bühne swingt, ist auch das Publikum im Dschungel angekommen und begleitet Mogli durch die Tierwelt.

Besonders begeistern die beiden Pianisten Jakob Skudlik und Timotheus Lass, die sich an den Tasten abwechseln. Im „Warschauer Konzert“, geschrieben für den Film „Dangerous Moonlight“ aus dem Jahr 1941, startet opulent Skudlik am Klavier, begleitet von den Drums. Der Film handelt von der deutschen Invasion in Polen und der Liebe zwischen einer amerikanischen Reporterin und einem polnischen Pianisten. Bald übernehmen die Streicher das Feld und künden von der Bedrohung, die den Protagonisten bevorsteht, untermauert von schweren Bässen. Grandios arbeiten Orchester und Klaviersolist die Melancholie heraus, die das Stück durchzieht.
Großen Applaus erntet auch Sängerin Larissa Senior, die in wechselnden Roben die Bühne erobert – mal mit „I Will Survive“, mal mit „If I Ain’t Got You“. Ihr Counterpart Matthias Reinelt überzeugt fraglos mit „Bésame mucho“: Souverän führt er durch die letzte Nacht eines Liebespaars in den Tiefen Mexikos, oszillierend zwischen Jazz und Tango.



Der Publikumsliebling, vor allem bei den jüngeren Konzertbesuchern, ist eindeutig das Stück „Under the Sea“ aus dem Disney-Film „Arielle“: Johannes Schackow steht dazu, barfuß und in Hawaii-Style, an der Steel Drum. Die Lichtshow – die übrigens das ganze Programm hindurch stets punktgenau die jeweilige Atmosphäre farblich aufgreift – taucht das Publikum in türkises, karibisch anmutendes Licht. Am Ende des Liedes wartet auf den Solisten eine kleine Überraschung, über die so manches Kind Tränen lachen muss. Warum? Am besten selber anschauen.
Mit etwas Glück gibt es noch Karten für die Konzerte des GJO am Montag und am Dienstag, Beginn jeweils um 19.30 Uhr im Alten Speicher. Infos unter www.jugendorchestergrafing.de.

