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Vaterstetten:Die Alte Post Parsdorf erscheint in neuer Auflage

Zur Wiedereröffnung wurde der Geschichte des Wirtshauses ein Buch gewidmet. Dieses ist nun als überarbeitete und ergänzte Ausgabe zu haben.

Von Wieland Bögel, Vaterstetten

Dass bayerische Wirtschaften bald nur noch in Büchern existieren, ist eine zur aktuellen Lage passende Befürchtung, die sich hoffentlich nicht bewahrheitet. Dass es genauso schade wäre, gäbe es keine Bücher über bayerische Wirtschaften, zeigt die neue Publikation über die Traditionswirtschaft Alte Post in Parsdorf, die nun erschienen ist. Dabei handelt es sich um die Überarbeitung und Ergänzung eines Buches, das im Juni 2018 zur Wiedereröffnung des nachweislich seit 1443 bestehenden Wirtshauses erschienen ist. Dieses erste Buch, so sagt sein Verfasser, der Eigentümer der Post, Karl "Charly" Müller, hatte eher den Charakter einer Festschrift. Es gibt dort Grußworte von Politikern aus der Gemeinde und dem Landkreis sowie einen Werbeblock am Ende. Auf beides wurde in der neuen Ausgabe verzichtet, trotzdem kostet sie nur fünf Euro mehr, als der erste Band: für 20 Euro kann man die Geschichte der Post entweder dortselbst oder im Rathaus in Vaterstetten erstehen.

Dass man dafür eigentlich mindestens 30 verlangen sollte, wie Müller halb scherzhaft sagt, kann verstehen, wer das doch recht umfangreiche Buch zur Hand nimmt. Auf insgesamt 196 Seiten mit zahlreichen Fotos und Repros geht es sowohl um die Geschichte der Alten Post selbst, als auch um die Geschichte und Geschichten dahinter. Jene der Ortschaft Parsdorf, jene über deren Einwohner, über berühmte Gäste sowie die große Weltgeschichte drumherum - deren Auswirkungen bis in die Gegenwart unter anderem dafür verantwortlich sind, dass es überhaupt ein Buch über die Alte Post und nun sogar ein zweites gibt.

Denn dass das erste als Festschrift 2018 erschien, habe auch am damaligen Vaterstettener Bürgermeister Georg Reitsberger gelegen, sagt Müller. Der Altbürgermeister ist ein versierter Lokalhistoriker, und in der Historie der Gemeinde nimmt das Lokal in Parsdorf eine sehr wichtige Stellung ein: Ohne die Wirtschaft und die damit verbundene Posthalterei wäre im Jahr 1818 wohl nicht die Gebietskörperschaft entstanden, die erst Gemeinde Parsdorf und nun seit 43 Jahren Vaterstetten heißt.

Wie es dazu kam, dass Parsdorf vor 202 Jahren zum Gemeindesitz einer neuen Kommune wurde, welche Bedeutung die Postkutschen für den Ort hatten und wie dies alles mit dem Gasthaus verbunden ist, wird in dem Buch ausführlich beschrieben und erklärt. Genau wie die Hintergründe des Waffenstillstands von Parsdorf, eine im Juli 1800 geschlossene Übereinkunft zwischen den französischen und den österreichisch-bayerischen Truppen, die allerdings nur ein paar Wochen hielt. Napoleon selbst soll dann fünf Jahre später in Parsdorf durchgezogen sein, ob er auch in der Alten Post übernachtete, lässt das Buch offen, verschweigt aber nicht eine ganze Reihe von Prominenten, die im Laufe der Zeit in Parsdorf Station machten.

Dass es diese Station, auch wenn es die Postkutschen oder ihre Nachfolger die Postomnibusse nicht mehr gibt, auch heute noch gibt, hängt eben mit der Gemeindegründung am 26. Juni 1818, dem Altbürgermeister und der Familie Müller zusammen. Vier Jahre, bevor sich dieses historische Ereignis zum 200. Mal jährte, sah es nämlich gar nicht so gut aus für den Ort, an dem es stattgefunden hatte: Die Wirtschaft stand ohne Pächter da, die Kirche als Eigentümerin fand keinen neuen und auch Versuche, das Gasthaus zu veräußern, scheiterten. Wie über den Umweg der Gemeinde die Traditionswirtschaft schließlich in neue Hände kam und das alte Gebäude saniert werden konnte, so dass der 200. Gemeindegeburtstag standesgemäß dort gefeiert werden konnte, ist zum Teil bereits im ersten Buch beschrieben.

Die Einweihungs- und Jubiläumsfeier selbst ist nun zusätzlich in der neuen überarbeiteten Auflage enthalten, zusammen mit zahlreichen anderen Ergänzungen. Etwa dem "Brandschutzkrimi", einer Episode aus der Sanierung des alten Gasthauses, die Karl Valentin als Buchbinder Wanninger nicht besser - oder schlechter - hätte widerfahren können. Dieses Erlebnis habe er der Leserschaft nicht vorenthalten wollen, sagt Müller. Genauso wenig wie einige andere behutsame Ergänzungen. So etwa - immerhin geht es um eine Wirtschaft - ein Regelwerk des Vikars Jeremias Gotthelf für Wirtsleute.

Der Schweizer hatte es zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Versform geschrieben. Ebenfalls neu in der zweiten Auflage sind viele Fotos und Abbildungen, die in die erste Version auch aufgrund der knappen Zeit bis zur Eröffnung noch keinen Eingang gefunden hatten. Eines vom Eröffnungstag zeigt zahlreiche Vaterstettener Kommunalpolitiker, darunter den damaligen Bürgermeister Reitsberger sowie seinen in diesem Jahr gewählten Nachfolger Leonhard Spitzauer. Die Post ist also, auch wenn die Kommune nicht mehr Parsdorf heißt, nach wie vor wichtig für das Gemeindeleben.

Insgesamt bietet das neue Parsdorf-Buch, wie schon sein Vorgänger, viel Überraschendes und Interessantes über, aber vor allem rund um die Alte Post. Die, so sagt Müller, mittlerweile die älteste Wirtschaft in der Region sei, seit vor neun Jahren das Münchner Wirtshaus Hundskugel, erstmals erwähnt 1440, geschlossen hat.

Der Parsdorfer Post bleibt ein ähnliches Schicksal aber erspart, davon ist Müller überzeugt, denn trotz der aktuell schwierigen Lage sei der Betrieb gesichert: "Der Wirt bleibt dabei." Das bestätigt Simon Matzner, der die Post zusammen mit seinem Vater Herbert erst im Januar übernommen hat - dann kam Corona. Gekocht wird in der Küche trotzdem weiterhin, nur derzeit eben wie so oft nur zum Mitnehmen. Wenig überraschend findet sich die Corona-Krise, zumindest ihr Beginn, natürlich auch als Kapitel im neuen Buch, ein weiteres im jahrhundertelangen Auf und Ab der Traditionswirtschaft.

Vielleicht wird darüber ja eines Tages ausführlich in einer dritten Auflage zu lesen sein, wenn die Post längst schon wieder ihren normalen Betrieb aufgenommen hat. Dass er sein Buch irgendwann einmal erneut aktualisiert und erweitert, schließt Müller zumindest nicht aus. "Ich hoffe nur, dass es dann nicht wieder um ein Brandschutzproblem geht."

© SZ vom 11.12.2020/koei
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