Süddeutsche Zeitung

Alte Brennerei in Ebersberg:Experimentierfeld für alle

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In Anlehnung an ein legendäres avantgardistisches Projekt in München startet der Ebersberger Kunstverein einen "Aktionsraum 2": Im Herbst sollen die Folgen der Pandemie von allen Seiten beleuchtet werden

Von Anja Blum

Es seien schwierige, aber auch sehr spannende Zeiten momentan, findet Peter Kees. "Für viele ist vor allem die Ungewissheit dramatisch", sagt der Aktionskünstler aus Steinhöring. Gerade die Kulturschaffenden hätten es sehr, sehr schwer. "Außerdem beschleunigen sich die gesellschaftlichen Veränderungen auf ungeahnte Weise." In Kees' Augen aber sollten die Menschen dies nicht einfach geschehen lassen, sondern die Entwicklungen aufmerksam beobachten, sie kritisch hinterfragen, vielleicht sogar neue Denkweisen ausprobieren und alternative Lösungsansätze suchen. Deswegen ergreift er als Beirat des Ebersberger Kunstvereins nun die Initiative: Peter Kees möchte die Alte Brennerei im Herbst in einen "Aktionsraum 2" verwandeln. Was das sein soll? Kurz gesagt, ein völlig offenes "Experimentierfeld".

1969 riefen Eva Madelung (Mäzenin), Peter Nemetschek (Künstler/Fotograf) und Alfred Gulden (Schriftsteller/Filmer) als avantgardistisches Kollektiv in München den legendären "Aktionsraum 1" ins Leben, einen Ort für junge Künstler, "an dem herkömmliche kunstbetriebliche Werk- und Präsentationsformen vermieden werden sollten, um den neuen performativen, institutions- und gesellschaftskritischen Bestrebungen in der Kunst einen öffentlichkeitswirksamen Auftritt zu ermöglichen", wie Kees schreibt. In einer leer stehenden Fabrikhalle fanden ein Jahr lang an die 50 Projekte mit Aktions-, Konzeptkunst und Arte Povera statt.

Der Aktionsraum fungierte dabei auch als Experimentierfeld für partizipative und kommunikative Projekte, die das Publikum miteinbezogen und der Vermittlung von Kunst in Form von Vorträgen und Diskussionen Rechnung trugen. Das Scheitern von Projekten gehörte dabei für die Teilnehmer ebenso zu möglichen neuen Erfahrungen wie die Ignoranz oder Anfeindung durch Teile der Öffentlichkeit und der Behörden. Zu den legendärsten Aktionen gehörten die "Zerreissprobe" von Günter Brus und ein "Abreaktionsspiel" von Hermann Nitsch.

In Erinnerung an jenes bahnbrechende avantgardistische Projekt ruft Peter Kees nun also beim Ebersberger Kunstverein den "Aktionsraum 2" aus. Teilnehmen können alle Interessierten aus dem gesamten Münchner Raum, Künstler wie Nicht-Künstler, Unzufriedene und Ängstliche, Zweifler, Propheten, Optimisten und Träumer. "Alle sind eingeladen, sich - in welcher Form auch immer - zu den gegenwärtigen gesellschaftlichen Veränderungen zu verhalten", erklärt der Initiator. Ob Digitalisierung, eine sich verändernde Arbeitswelt, ein rasant wachsender Kapitalismus oder zunehmende soziale Problemstellungen: Die wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie müssten verhandelt werden. Dabei gehe es um Austausch und Impulse, das primäre Ziel sei nicht eine Ausstellung im klassischen Sinn. Der "Aktionsraum 2" verstehe sich eben vielmehr als Experimentierfeld, in dem die gegenwärtigen Themen künstlerisch oder auch nichtkünstlerisch aufgegriffen werden können.

"Es wird Raum geboten für Aktion, Diskurs, Kunst, Vortrag, Diskussion, Performance, Film und vieles mehr", so Kees, es werde nicht kuratiert und jede Form sei zugelassen. So soll es zum Beispiel unter dem Titel "Stammtisch der Stille" eine Installation geben, eine "Kundenbefragung" als Performance und einen Vortrag zum Thema "Künstler als Prophet". Alle Aktionen möchte Kees dokumentieren und anschließend auf einer Website präsentieren.

Der "Aktionsraum 2" findet von Samstag, 26. September, bis Sonntag, 4. Oktober, in der Alten Brennerei, der Galerie des Ebersberger Kunstvereins im Klosterbauhof statt. Der Raum ist leer, Beamer, Tonanlage und diverses Werkzeug sind aber vorhanden. Peter Kees wird das gesamte Projekt organisieren, begleiten und moderieren. Er schreibt: "Da der Aktionsraum angesichts der Corona-Krise kurzfristig ins Leben gerufen wurde, stehen für alle Akteure leider keine finanziellen Mittel zu Verfügung, jedoch Support im Sinne von Beratung, technischer Unterstützung und Öffentlichkeitsarbeit." Wer teilnehmen möchte, wird um Anmeldung per Mail an post@peterkees.de mit einer kurzen inhaltlichen wie formalen Skizze oder Stellungnahme wenn möglich bis zum 18. September gebeten. Die geltenden Hygienebestimmungen müssen zwingend beachtet werden. Fragen beantwortet Peter Kees auch unter (0176) 48 53 24 40.

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Quelle:
SZ vom 14.08.2020
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