Aktion in Ebersberg:Was sich ändern muss

KJR - Lebendige Bibliothek

Irmgard Huber will sichtbare und unsichtbare Hürden abbauen und erzählt von ihren Problemen als "Teilzeitrollifahrerin".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wie geht es einem, wenn man obdachlos wird? Was erlebt man als Mensch mit Behinderung? Über solche Themen können Besucher beim "Vielfalt-Festival" direkt mit Betroffenen sprechen

Von Marie Schmidt, Ebersberg

Die Sonne scheint, die Musikschule Ebersberg gibt ihre Lieder zum Besten, der Kuchen steht bereit. An vielen Biertischen mit weißen Tischdecken lachen Menschen, es wird Kaffee getrunken und sich ausgiebig unterhalten. In einer gemütlich aufgebauten Kulisse findet am Samstagnachmittag das "Vielfalt-Festival" im Klosterbauhof in Ebersberg statt. Als Leitfaden gelten zwölf verschiedenen Themen wie Flucht, Armut, Sexismus und Religion, um die sich an diesem Nachmittag die "living library" drehen wird. In zwei verschiedenen Zeitfenstern haben die Besucher die Möglichkeit, mit den "lebendigen Büchern" zu sprechen, also Menschen, die bereit sind, über ihre ganz persönlichen Erlebnisse Auskunft zu geben.

Um 15 Uhr füllt sich der Platz langsam, trotzdem hofft Leonhard Martz, einer der Veranstalter, auf noch mehr Interesse. Mithilfe eines Megafons macht er auf die Tafel mit den Steckbriefen aufmerksam, an der man sich für ein Gespräch mit einem Gast eintragen kann. Er möchte, dass jeder Geladene in jeder Zeitrunde mindestens einen Partner hat. Schließlich hat es viele von ihnen viel Überwindung gekostet, bei dem Format mitzumachen.

Für Eva-Maria Deistler war es eine "Herzensangelegenheit", an diesem Tag vertreten zu sein und über Obdachlosigkeit zu sprechen. Sie selbst hat schon in verschiedenen Unterkünften gelebt und keinen leichten Weg hinter sich. Sie will erreichen, dass sich endlich etwas ändert: im Landkreis, in Bayern und ganz Deutschland. Dafür ist sie heute hergekommen. Dass Menschen immer noch auf Obdachlose herabschauen und sie in eine Schublade stecken, sei unverständlich, sagt sie. Hier fehle der nötige Respekt, dabei gehe das mit der Obdachlosigkeit so schnell und könne jeden treffen. Deistler ist wichtig, dass andere endlich die Hintergründe von Obdachlosigkeit sehen. Schließlich, sagt sie, sei es ja wirklich nicht so, dass sich jeder Obdachlose beispielsweise wegen einer Drogensucht selbst verschuldet in seiner Situation befinde. Auf dem Wohnungsmarkt müsse sich dringend etwas ändern, unterstreicht die 46-Jährige. Die Mieten seien unbezahlbar, es gebe viel zu wenige Sozialwohnungen - obwohl diese dringend benötigt würden.

Um über ein ganz anderes Thema will Marthe Balzer als lebendiges Buch sprechen. Sie teilt ihre Erfahrungen mit Sexismus, die sie vor allem als junge Mutter machen musste. Als sie ihr erstes Kind bekam, wurde sie darauf reduziert, Mutter zu sein. Als ein Universitätsprofessor sie als "trächtig" bezeichnete, war die heute 42-Jährige sprachlos. Die Geschlechterrollen irritierten sie und so setzte sie sich für mehr Krippenplätze ein, um Frauen mit Kindern ein Leben außerhalb des Mutterseins zu ermöglichen. Schließlich sei Nachwuchs großzuziehen keine Charaktereigenschaft und schon gar nicht allein Frauensache. Mit diesen veralteten Rollenzuschreibungen kann Balzer nichts anfangen und hofft, sie werden sich mit der sich immer weiter wachsenden Diversität auflösen.

Mit der Beteiligung an der jährlich stattfindenden "Slutwalk"-Demonstration in München kämpft Balzer gegen sexualisierte Gewalt. Die Schuld bei sexueller Gewalt immer noch den Opfern zu geben, müsse unbedingt aufhören, sagt sie. Den Menschen müsse gezeigt werden, wer in solchen Delikten Opfer, und wer Täter sei. "Dass immer noch in diesen Geschlechterrollen gedacht wird, ist unsäglich", sagt sie und schüttelt den Kopf.

Auch Irmgard Huber, die in Ebersberg bekannt ist wie ein bunter Hund, wie Besucher sagen, ist da. Freundlich lächelnd sitzt sie auf der Bierbank und trinkt Kaffee. Neben ihr steht ihr Rollstuhl, dahinter klemmen zwei Krücken. Huber kann nämlich laufen, manchmal sogar bis auf den Aussichtsturm, wie sie erzählt. Trotzdem braucht sie oft ihren Rollstuhl oder die Krücken. Wie weit sie gehen könne, sei tagesabhängig, manchmal habe sie mehr Kraft, mal weniger. Sie ist froh, noch selbständig sein zu und ihr Auto benutzen zu können. Huber ist also an diesem Tag gekommen, um auf die Probleme der Rollstuhlfahrer - und der "Teilzeitrollifahrer", wie sie es selbst nennt - aufmerksam zu machen. Zu enge Bürgersteige, Autos, die darauf parken, unebene Straßen und Hügel: All das kann zum Problem werden, vor allem, wenn man ganz allein unterwegs ist. Die 53-Jährige engagiert sich für mehr Inklusion und möchte Hürden abbauen.

Zum Abschluss der vom Kreisjugendring und mehreren anderen Organisationen getragenen Veranstaltung ist das Publikum, bestehend aus Groß und Klein, aufgefordert, die Erfahrungen des Tages auf einer Leinwand aufzuschreiben. Hier soll nochmal reflektiert und sich ausgetauscht werden. Über ein Projekt, das in Zukunft noch mehr ausgebaut werden könnte, wie Marthe Balzer hofft.

© SZ vom 20.09.2021
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