Absolut hörenswert Entdecker musikalischer Gedanken

Manchmal scheint es, als entstehe die Musik gerade erst im Moment: Oleg Maisenberg beim Kammermusikzyklus in Zorneding.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Pianist Oleg Maisenberg erweist sich bei seinem Soloabend beim Kulturverein im Zornedinger Martinstadl als Klangzauberer und -forscher

Von Rita Baedeker, Zorneding

In einem Interview, das der Pianist und Professor Oleg Maisenberg vor vielen Jahren der Zeitschrift Klavier, dem Magazin der "Steinway-Freunde Austria", gab, sprach er auch über sein zentrales pädagogisches Anliegen: "In erster Linie sorge ich dafür", so Maisenberg, "dass er (der Student) die Idee von diesem Komponisten, von diesem Stück begreift."

Genau das ist es, was der 1945 in Odessa geborene und in Wien ansässige Musiker auch dem Publikum seines Soloabends am Sonntagabend im Zornedinger Martinstadl vermitteln will. Er setzt sich an den Flügel, legt die Hände für einen Moment äußerster Konzentration zusammen und taucht ein in die Tiefen der Komposition und der Klaviatur. Dabei erweist er sich als leidenschaftlicher Entdecker und Chronist des musikalischen Gedankens, deutet Themen und Motive aus, und das ohne eitle Lust an der Verzierung, ohne virtuose Attitüde - und ohne Notenblätter. Manchmal wirkt es gar so, als entstehe die Musik erst im Moment des Spielens.

Oleg Maisenberg war schon mehrere Male Gast in Zorneding. 1967, mit 22 Jahren, gewann er den zweiten Preis beim renommierten Schubert-Wettbewerb in Wien, sein erstes Konzert gab er 1972 zusammen mit dem Geiger Gidon Kremer, 1981 emigrierte er nach Wien und eroberte von da die Konzertpodien der Welt. Oliver Triendl, Pianist und künstlerischer Leiter des Kulturvereins Zorneding-Baldham, hat bei ihm studiert.

Maisenbergs Tastenzauberei reicht von Anschlägen, schwerelos wie ein Windhauch, vom warmen, weichen Legato bis zu hartem, drängenden Staccato. In Mozarts "Fantasie in c-Moll" und vor allem in den "Poemes" von Alexander Skrjabin kreiert der Pianist geisterhaft-schaurige Stimmungen, fremdartige Harmonien und Klänge, die aufleuchten und jäh verlöschen.

Mozart und Skrjabin sind die "Eckpfeiler" des Programms, dazwischen erklingen Werke von Schubert, Chopin und Debussy. Das exquisite Programm schlägt einen Bogen vom Sonatensatz bis zum "Poeme aile", dem "beflügelten Gedicht" von Skrjabin, dessen schwebend-dissonante Melodie sich vom Boden löst. Allen Werken des Abends gemeinsam ist ein Element des Fantastischen und Mystischen, welchem die Komponisten auf jeweils eigene Art Ausdruck verliehen haben.

Den geheimnisvollen Zauber der Nacht hat Frederic Chopin in seinen 21 Nocturnes eingefangen. Maisenberg spielt das 1830 komponierte Nachtstück in Fis-Dur op. 15 Nummer 2, ein Werk, das mit wiegender linker Hand und fließenden Akkorden Bilder der Stille heraufbeschwört.

Claude Debussy wiederum übersetzte unter anderem in seinen 1903 entstandenen "Estampes" ("Stichen") auf Reisen gesammelte Bilder und Klänge in musikalische Impressionen. In "Pagodes" verarbeitete er seine akustischen Eindrücke beim Konzert eines javanischen Gamelan-Orchesters anlässlich der Pariser Weltausstellung. Auch wer diese Musik noch nie gehört hat, erkennt die fernöstliche Klangsprache.

In "La soiree dans Grenade" (Abend in Granada) hat Debussy die Klangtraditionen Andalusiens eingefangen, den Flamenco, die Habanera, das orientalische Erbe. In "Jardins sous la pluie" (Gärten im Regen) schließlich tropft das Wasser im Takt einer Toccata. Oleg Maisenberg fügt durch sein Spiel die Mosaiksteine der Musik zu einem überwältigenden Ganzen zusammen.

Das zentrale Werk des Abends ist Schuberts viersätzige Sonate in c-Moll D 958. Der Komponist schrieb sie als erste von dreien, die in seinem Todesjahr 1828 entstanden sind. Das C-Moll gilt als schicksalhaft-tragische Tonart, der Kopfsatz enthält eine Reminiszenz an Beethoven, der erst eineinhalb Jahre zuvor gestorben war. Das Adagio ist von feierlichem Ernst, das Menuett nuancen- und kontrastreich, das abschließende Allegro mündet in einen rasanten Galopp. Auch Schubert führt den Hörer in "visionäre harmonische Abgründe", wie es im Programmheft heißt.

Bevor Oleg Maisenberg nach Skrjabins ekstatischem Poeme "vers la flamme" und lautstarkem Applaus zwei Zugaben spielt, erwähnt er die schwere Zeit, die er durchmachte (durch einen Autounfall 1997 erfuhr seine rechte Hand eine Behinderung) und spielt erst ein "Prelude für die linke Hand", ebenfalls von Skrjabin, und schließlich noch etwas Wuchtiges von Rachmaninow, gerade richtig, um wieder aufzuwachen aus einem betörenden russischen Traum.

Politische Parteien können von einem solchen Ergebnis nur träumen: Wie Helmut Stocker vom Kulturverein Zorneding-Baldham beim Kammerkonzert im Martinstadl mitteilte, haben sich 73 Prozent derer, die sich an der Abstimmung über die Anfangszeit der Veranstaltungen beteiligt haben, für 18 Uhr entschieden, so wie es in den vergangenen Jahren üblich war, und wie es bis zum Ende der laufenden Saison beibehalten wird. Dafür, den Kulturgenuss mit einem freien Abend verbinden zu können, fand sich also eine eindeutige Mehrheit.