Als sich im Mai 2014 der damals neue Grafinger Stadtrat zu seiner konstituierenden Sitzung trifft, trägt Josef Wieser (Freie Wähler), neuer Dritter Bürgermeister und dienstältester Stadtrat, einen dicken Blumenstrauß in den Sitzungssaal. Den übergibt er der neuen Bürgermeisterin Angelika Obermayr (Grüne) und sagt: 25 verschiedene Blumen seien das, so verschieden wie jeder in der neuen Runde. Aber zusammen würden sie doch ein schönes Bild abgeben - auf dass es im Stadtrat auch so würde.
Wenn im Mai 2020 abermals ein neuer Stadtrat zusammentritt, wird diese so typische Wieser-Empathie fehlen. Nach 42 Jahren sitzt er dann erstmals nicht mehr in der Runde. Bei den Wahlen vor ein paar Wochen verzichtete er auf die Kandidatur. Konsequenterweise. Sonst hätten ihn die Grafinger wohl wieder gewählt. Vom Listenplatz 18 auf Platz vier, von der "16" auf Platz drei, alles schon passiert.
Wiesers Antwort auf das Warum kommt in zwei Ebenen. "Ich hatte vor einiger Zeit eine schwere Herz-Operation", erzählt er bei sich zuhause in der Bergstraße am Küchentisch. Dazu hält er seine flache Hand sanft vor die Brust. "Da bekommt man einfach eine andere Einstellung zum Leben." Da würden Augenblicke mit Familie oder Freunden kostbarer.
Die zweite Ebene ist eine ganz praktisch-demokratische. "Ein Stadtratsgremium muss immer möglichst lebensnah sein." Senioren oder solche, bei denen es nicht mehr lange dorthin ist, säßen genug im Stadtrat, sagt der 68-Jährige. "Da muss ich doch nicht einen Platz besetzen, auf dem sich jemand Jüngeres wahrscheinlich gewinnbringender einbringen kann."
Überhaupt, die jungen Leute. Und der Sport. "Die Nachwuchsmannschaften aus den Vereinen brauchen einfach Unterstützung", sagt Wieser. Wo Hilfe nötig war, hat Wieser es immer schnell mitbekommen. Oft von den eigenen Kindern, acht sind es, die vom Fußball-, Eishockey- oder Tennistraining heim kamen. Oder sich gerade auf den Weg dorthin machten.

Längst sind aus den Kindern Erwachsene geworden. Drei führen die Geschäfte des Autohauses weiter, das Wieser als gerade einmal 21-Jähriger von seinem erkrankten Vater übernommen hatte. Als Innungsbester macht Wieser seinen Karosseriebaumeister. Mit 27 Jahren sitzt er im Meisterprüfungsausschuss. "Dass man im Leben zusammenhalten muss, dass die Familie über allem steht, dafür war gerade diese Zeit prägend."
Wiesers Firma wächst und wächst. Heraushängen lässt er es nie, im Gegenteil. Jemand, der ihn seit Jahrzehnten gut kennt, sagt: "Er tut Gutes - aber redet nicht drüber. Andere tun Gutes - und reden viel zu viel drüber." Konservativ sei der Wieser senior, gar fast schon klerikal. Aber nie bevormundend, nie besserwisserisch, nie drohend. Auf die Motivation des Gebens und Unterstützens angesprochen wirkt Wieser geradezu demütig. Das sei doch einfach nur im christlichen Sinne.
Die Haltung setzt sich im Stadtrat fort. "Ich will so vor meinem Gegenüber stehen, wie ich es mir wünsche, dass er vor mir steht", sagt er. Aufrichtig. Respektvoll. Ehrlich. Es klingt wie Kants Kategorischer Imperativ, aufs Wesentliche entschlackt und frei ins Verständliche übersetzt. Genügsam ist Wieser sowieso. Statt nach Bora Bora geht's im Urlaub in die Pfalz, nach Italien oder in die Berge.
In den Gremien der Stadt gehört er zu den Ruhigen und Besonnenen. "Es kommt nicht drauf an, wie viel man redet, sondern was man redet", findet er. Viel wichtiger sei eine unvoreingenommene Herangehensweise an politische Themen. "Wie soll ich vor einer Diskussion schon meinen, das Beste zu wissen?" Das müsse sich doch in ihr erst noch herauskristallisieren. "Man muss überzeugen. Intern, in der Fraktion, im ganzen Stadtrat - oder man muss sich überzeugen lassen."
Die ebenfalls scheidende Bürgermeisterin Angelika Obermayr (Grüne) ist voll des Lobes für den Mann, der sechs Jahre als einer ihrer Stellvertreter wirkt. "Der Beppi ist ein Stadtvater im eigentlichen Sinn, ein großer Kümmerer." Ein Mann, auf den Verlass sei, gerade dann, wenn es wichtig werde, nach der Messerattacke in Grafing Bahnhof zum Beispiel. "Da ist er sofort hergekommen, um seine Hilfe anzubieten." Seine Ehrungsbesuche hätte er stets genutzt, um nach Sorgen und Nöten zu fragen. Die habe er dann sofort in die Stadtverwaltung gemeldet. Oder direkt ins Bürgermeisterinnenzimmer.

Aktives Vereinsleben, lebendiger Marktplatz, die Städtepartnerschaft mit St. Marcellin. Es sind stets die großen Leitlinien, für die Wieser eintritt. "In den Details brauchen die Stadträte gar nicht besonders mitreden. Das wissen die Leute, die direkt damit zu tun haben, doch viel besser." Ein Straßenbauer würde sagen: In Wiesers Vorstellung hat sich die Lokalpolitik um die Leitplanken zu kümmern. Er selbst sagt: "Wichtig ist nicht der Stadtrat oder seine Partei. Wichtig ist das Wohl der Stadt."
Kein Wunder, dass ihm Parteipolitik und Egoismen zusehends zuwider werden. So sehr, dass er nach über 30 Jahren seine Mitgliedschaft bei der CSU kündigt. Vor etwas mehr als zehn Jahren war das. Die christlich-sozialen Werte würden dort nicht mehr als notwendige Grundlage angesehen, schreibt er in der Erklärung zum Austritt.
"Was bleibt übrig, wenn man C und S weglässt?", fragt er und antwortet. "Ein U, das für Union stehen soll, aber jeglicher Grundlage entbehrt und deshalb nur noch eine Ansammlung von Personen mit teilweise konträren und nur individuell motivierten Interessen ist." Freilich ist Wieser viel zu sehr Elder Statesman, als dass er öffentlich irgendwelche Namen nennen würde. Er, aber auch weite Teile der CSU, bringen das Kunststück fertig, die Trennung nicht im stadträtlichen Hickhack fortzuführen.
Und nach dem 28. April, an dem der aktuelle Stadtrat das letzte Mal zusammentritt? Er habe 17 Enkelkinder, antwortet Wieser. "Es ist einfach eine Freude, ihnen beim Großwerden zuzuschauen."