Der Blick aus dem Hotel "Bildungsblick" ist an diesem Tag etwas getrübt. Dort, wo das Auge normalerweise über das Windrad in Hamberg hinweg auf die Kulisse der Bayerischen Alpen schweift, legt sich ein dichtes Nebelband über die Wälder südlich von Kirchseeon. An sonnigen Tagen dagegen bietet der Speisesaal in der obersten Etage des Berufsförderungswerks München (BFW) die wohl atemberaubendste Aussicht auf die nähere und fernere Umgebung in der ganzen Marktgemeinde - und glänzende Aussichten hat im übertragenen Sinne auch das BFW selbst. Denn der Kirchseeoner Gemeinderat hat der 50 Millionen Euro teuren Generalsanierung des Campusgeländes jüngst seine Zustimmung gegeben. Damit steht der Runderneuerung einer der größten Bildungseinrichtungen im Landkreis Ebersberg nichts mehr im Weg.
Der Hauptsitz des BFW ist allerdings deutlich mehr als eine reine Berufsschule. Wer an der Cafeteria und am idyllischen Biotop vorbei durch den Haupteingang des neunstöckigen Gebäudes tritt, überquert sogleich die Schwelle in eine eigene Welt - eine Welt der beruflichen Vielfalt. Die Einrichtung ist eines von 27 Zentren für berufliche Rehabilitation in ganz Deutschland. Hierher kommen Menschen, die ihre bisherige Arbeit aufgrund eines Unfalls oder eines körperlichen oder psychischen Schicksalsschlags nicht mehr ausüben können und deswegen eine neue Perspektive suchen. In etwa 90 Ausbildungsräumen können Betroffene eine andere berufliche Richtung einschlagen - das Leistungsspektrum reicht von IT-Berufen über Ausbildungen in Wirtschaft und Verwaltung bis hin zu Tätigkeiten im Gesundheits- oder Sozialwesen.
Auch die Schicksale, die die Menschen nach Kirchseeon verschlagen, sind so vielfältig wie das Berufsangebot der Einrichtung selbst. Am häufigsten seien Muskel- und Skeletterkrankungen die Ursache, warum Arbeitnehmer ihren Job nicht mehr ausüben können, wie Günther Renaltner erklärt. Der Geschäftsführer leitet seit 2017 das BFW in Kirchseeon und hatte in dieser Zeit schon mit verschiedensten Diagnosen zu tun, die einen Berufswechsel nötig gemacht haben. Er erinnert sich etwa an einen Zahnarzt, der sich plötzlich vor Zähnen geekelt hat. "Das sind dann eher psychosomatische Geschichten. Der zweithäufigste Grund, warum Menschen zu uns kommen", sagt Renaltner. Auch eine Köchin, die nichts mehr schmecken konnte, war schon zur Umschulung in der Einrichtung.
Sie alle finden im Kirchseeoner Förderwerk eine neue berufliche und teilweise auch eine tatsächliche Heimat. Insgesamt 700 Ausbildungsplätze stehen zur Verfügung, 450 davon im Internat, also mit dauerhaftem Wohnsitz in der Marktgemeinde. Dazu kommen noch etwa 220 Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit. Ein entsprechend buntes Treiben herrscht deshalb selbst nach Feierabend im Eingangsbereich des Hauptgebäudes. In der Cafeteria sind trotz durchwachsenem Wetters alle Terrassenplätze besetzt, davor stehen Menschengruppen und unterhalten sich, drei Männer tragen gerade einen Kasten Bier in ihre Wohnung. "Auf dem Gelände haben wir eigentlich Alkoholverbot, aber in den Zimmern ist es natürlich erlaubt", sagt Geschäftsführer Renaltner. Die Bewohner sollen sich schließlich wohlfühlen und vom Lernstress erholen.
Und den gibt es im BFW natürlich auch, schließlich absolvieren die Schülerinnen und Schüler - die im Übrigen aus dem ganzen Bundesgebiet nach Kirchseeon kommen - ihre Ausbildung quasi im Schnelldurchlauf. Dauert eine "normale" Lehre auf dem freien Markt in der Regel drei Jahre, sind im BFW alle Kurse auf zwei Jahre ausgelegt. Einen Qualitätsverlust gibt es dadurch Renaltner zufolge aber nicht. Die Ausbildung sei genau gleichwertig und die Abschlussprüfung werde wie bei anderen Lehrlingen auch von der IHK abgenommen. "Für die Menschen ist das natürlich anstrengender, weil das Lernen kompakter ist. Die meisten haben aber schon eine Vorausbildung."
Für die neue berufliche Orientierung bietet das BFW zahlreiche Möglichkeiten, eine davon ist eben das Hotel "Bildungsblick". Wer im obersten Stockwerk des Hauptgebäudes den Aufzug verlässt, findet sich mitten in einer Lobby wieder. An der Wand geparkt steht der Wagen für das Gepäck, auf einem Tisch neben der Rezeption können die Gäste ihren Frühstückwunsch äußern - auch Weißwürste stehen auf der Speisekarte. Etwa 60 Zimmer hat das Hotel, die Gäste - häufig Messebesucher oder Durchreisende - werden von den Auszubildenden betreut. Zur Zeit sei das Geschäft natürlich ein bisschen schwierig, sagt Günther Renaltner, als er durch den Speisesaal mit dem gemusterten Teppichboden und den coronabedingten Abstandsmarkierungen führt. Immerhin eine Handvoll Gäste sei zur Zeit aber da.

Im BFW können Schüler in die Berufswelt eintauchen, in die sie später wechseln wollen.

Die technischen Berufe etwa arbeiten mit modernsten Geräten, ...

... Kaufleute üben in einer fiktiven Firma.

Geschäftsführer Günther Renaltner (links) und Marketingleiter André Stiefenhofer sind aber auch um Ausgleich zum Lernstress bemüht.

Dafür gibt es unter anderem ein hauseigenes Schwimmbad.
Auf diese ist das BFW auch angewiesen, denn die Einrichtung muss als GmbH wirtschaftlich arbeiten. Hauptkostenträger sind die Deutschen Rentenversicherungen zusammen mit der Agentur für Arbeit und den Berufsgenossenschaften. Insofern ist eine Investition von 50 Millionen Euro, die vor allem in den Neubau der Mensa und in die Generalsanierung des Ausbildungstraktes fließen werden, nicht selbstverständlich und muss vom Förderwerk auch refinanziert werden, etwa eben durch die Einnahmen des Hotels. Die Umbauarbeiten, die im nächsten Jahr starten sollen, sind allerdings dringend nötig. Anders als beim erst vor einigen Jahren sanierten Haupthaus, nagt an der Bausubstanz der 1974 in Betrieb genommenen Nebengebäude inzwischen der Zahn der Zeit. Bis 2027 sollen die umfangreichen Arbeiten laut Plan abgeschlossen sein.
Warum für den Umbau eine Zeitspanne von sieben Jahren angesetzt ist, wird bei einem Rundgang ersichtlich, bei dem die Dimensionen der Einrichtung deutlich werden. Auf einer Fläche von 3600 Quadratmetern bietet das BFW alles, was für eine solide Berufsausbildung nötig ist - und noch viele Angebote darüber hinaus. "Die Leute bei uns bekommen drei Mal am Tag was zu essen", sagt Marketingleiter André Stiefenhofer. Man habe deshalb vor einigen Jahren eine Ernährungsstudie durchgeführt mit dem Ergebnis, dass die Bewohner während ihres Aufenthalts im Schnitt zwei bis drei Kilo zunehmen. Dem kann im hauseigenen Fitnessstudio, in der Turnhalle oder dem 120 Meter langen Schwimmbecken des Hallenbads Abhilfe geschafft werden, das auch von den Schülern des benachbarten Gymnasiums genutzt wird.
Das Hauptaugenmerk aber liegt freilich auf der Ausbildung. Entlang der weitläufigen Flure reiht sich eine Berufswelt an die nächste. So gibt es etwa ein voll ausgestattetes Büro, in dem die fiktive "Bayerische Brau AG" ihre Geschäfte abwickelt. Simuliert wird hier etwa der Arbeitsalltag für Kaufleute im Büromanagement, die mit anderen fiktiven BFW-Firmen aus ganz Deutschland Handel treiben. "Die Büros schicken sich sogar regelmäßig Post zu", sagt Geschäftsführer Renaltner. Deutlich schwereres Gerät als Locher und Tacker wird nur wenige Türen weiter in den Werkstätten für Fein- und Industriemechaniker bedient. Neben den scheinbar unverwüstlichen alten Drehbänken stehen dort auch hochmoderne automatisierte und computergesteuerte Fräsmaschinen - je nachdem, welche Qualifikation die Auszubildenden eben in ihrem künftigen Arbeitsalltag brauchen.
Auf diesen wollen die Ausbilder des BFW auch künftig möglichst viele Menschen vorbereiten. Wenn alles glatt läuft, wird der Unterricht dann nach und nach in den sanierten Räumen stattfinden - damit wäre dann nicht nur der Ausblick vom Hotelspeiseaal aus ein guter, sondern auch der für die Schülerinnen und Schüler bei ihrem Neustart in die Berufswelt.