50 Jahre nach dem ersten "Rooftop Concert" Geistesblitze von ganz oben

Die Klassiker der "Beatles" in der warmen Frühlingssonne: 50 Jahre nach dem Rooftop-Concert der Fab Four erweist "Mardi Gras" ihnen auf dem Dach des Deliano-Hauses eine Reverenz - zur Freude von etwa 500 Zuhörern.

(Foto: Christian Endt)

"Mardi Gras" auf dem Dach des Deliano-Hauses: Die "Wasserburger Samstage" starten mit einem anregenden "Beatles"-Revival

Von Ulrich Pfaffenberger, Wasserburg

Es war eine gute Idee, am Samstagvormittag eine halbe Stunde vor Beginn des Rooftop Concerts auf der Wasserburger Hallstatt zu sein. Es wäre eine bessere Idee gewesen, eine Stunde vorher dort anzukommen. Dann hätte man sich gemütlich in eines der Cafés setzen und das zuhause eingesparte Frühstück nachholen können. So aber hatte man die Wahl, sich an eine Wand zu lehnen, sich gegenseitig Halt und Stütze zu sein - oder in einer Nebenstraße einen Stuhl zu borgen, "bringe ich danach gleich zurück", um in komfortablem Zustand den Songs der Beatles zu lauschen, die da von hoch über der Stadt herabschweben sollten. Komfort, muss das sein? Man kann darüber streiten, aber es ist nun einmal so, dass nicht nur die Songs der "Fab Four" 50 Jahre älter geworden sind, sondern das Publikum auch. Da steht es sich nicht mehr einfach so 90 Minuten lang, um gute Musik zu hören.

Auch manch anderen Bruch mit den Traditionen von anno '69 konnte man beim Revival des legendären letzten, spontanen Live-Konzerts der Beatles auf dem Dach des Apple-Corps-Hauptquartiers in London feststellen. Beginnend damit, dass die Mehrheit der sichtbaren Apple-Produkte vom namensgleichen US-Hersteller stammte, aber man sich vergeblich nach Hippie-Klamotten umsah. Deren Verkauf war, wie andere Pläne mit der Apple-Marke, ja schon unter den Beatles gescheitert... Sonstige Begleiterscheinungen des damaligen Zeitgeistes blieben ebenfalls verborgen, es sei denn, man zählt einen Caffe Latte zu den bewusstseinserweiternden Genussmitteln.

Anders als am 30. Januar 1969 wärmte Frühjahrssonne die geschätzt 500 andächtig Lauschenden auf dem Platz. Anders als damals kam das Publikum bestens vorbereitet zum Konzert, das die Band Mardi Gras als Kulturexport aus dem Landkreis Ebersberg in die Inn-Stadt liefern wollte. Die Erwartungshaltung war groß und allgegenwärtig, im Stimmen- und Menschengewirr auf dem Platz waren Songtitel aufzuschnappen, auf die sich der eine oder die andere wohl schon freuten. "Let it be" war da genauso zu hören wie "Yellow Submarine" oder "She loves you". Was man eben so kennt und woran man sich gern erinnert.

Mit dem untrüglichen Gespür für Stimmungen und Gefühle, wie es nur über mehr als 38 Bühnenjahre in Partykellern, Festzelten und Gemeindesälen erfahrene Musiker mit sich bringen, lösten Mardi Gras souverän die Herausforderung zwischen Nostalgie und Gegenwart. Einerseits erreichten sie das mit punktgenauer Imitation des mehrstimmigen Beatles-Gesangs, der das kollektive Hörgedächtnis prägt. Derlei ist nicht nur legitim, derlei darf man sogar verlangen. Interessant dabei der Seitenaspekt der gealterten Stimmen, Anlass für ein anregendes "Was wäre wenn..." Andererseits erlaubten sie sich kleine Zugeständnisse daran, wie Pop und Rock im Live-Konzert heute wahrgenommen werden: bei den langsamen Titeln den Pitch etwas herunter, bei den flotten Melodien etwas herauf. Das ging dann bei Titeln wie "Lady Madonna" und "Get back" dem Publikum auch prompt in die Beine: Beide Male sah man kleinere und größere Grüppchen in der Menge den Tanzrhythmus aufnehmen.

Respekt und Anerkennung hat sich die Band mehrfach verdient. Das Stamm-Trio aus Rudi Baumann, Karl-Heinz Mayer und Bernd Delakowitz, am Samstag verstärkt um Flori Mayer und Helmut Zeller, lieferte nicht nur einen gut sortierten, sauber instrumentierten Auftritt ab, der gerade unbekanntere und selten gehörte Titel wie "She's leaving home" oder "Across the Universe" die verdiente Aufmerksamkeit bescherte. Sie widmeten auch Gassenhauern wie "Let it be", "We can work it out" oder "Ticket to ride" die nötige Aufmerksamkeit und Präzision, die einem Weltkulturerbe gebührt. Fein abgestimmte Rhythmuswechsel, punktgenaue Einsätze und ein liebevoller Umgang mit John Lennons kunstvollen Klangfiguren: Es ist schon erstaunlich, wie dicht und komplex die Beatles die zweieinhalb Minuten Single-Länge seinerzeit bepackt haben - und gar nicht mehr erstaunlich, warum ihre Musik fast schon ein Menschenleben überdauert hat, ohne das die darin enthaltenen Geistesblitze ihre Leuchtkraft verloren hätten.

Die Akustik der Hofstatt erwies sich als tadellos, vermutlich haben auch die Tonmeister eine Glanzleistung vollbracht, die den Platz beschallten. Angesichts der vielen, reflektierenden Mauern bestehende Zweifel erwiesen sich als unberechtigt, der Arena-Charakter verstärkte dafür die jubelnde Begeisterung der Zuhörer so gut, dass sich die Band auf dem Dach gleich mehrfach dafür bedankte. So gesehen ist das Ganze, mit etwas Abstand, durchaus eine Wiederholung wert.