Schlaganfall- und Demenz-PräventionWeniger Pflegejahre, mehr Lebenszeit

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An der Spitze der Initiative (von links):  Klaus Pürner, Stellvertretender Vorsitzender und Finanzvorstand, Geschäftsführerin Birgit Krause und Vorstandsvorsitzender Bernhard Nimmrichter
An der Spitze der Initiative (von links):  Klaus Pürner, Stellvertretender Vorsitzender und Finanzvorstand, Geschäftsführerin Birgit Krause und Vorstandsvorsitzender Bernhard Nimmrichter Michaela Pelz
  • Das 2001 im Landkreis Ebersberg gestartete Präventionsprogramm Invade soll durch Hausarztuntersuchungen Schlaganfälle und Demenz bei Menschen ab 50 Jahren verhindern.
  • Nach 25 Jahren zeigt die Evaluation bei über 10.000 Teilnehmern eine um sechs Prozent geringere Sterblichkeit und zehn Prozent weniger Pflegebedürftigkeit.
  • Durch das Programm konnten 1600 Pflegejahre eingespart werden, was bei jährlichen Kosten von 10.000 Euro pro pflegebedürftiger Person erhebliche Einsparungen bedeutet.
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Auf Initiative von AOK und Ärzten aus dem Landkreis Ebersberg entstand 2001 das Präventionsprogramm Invade. Es soll verhindern, dass Schlaganfälle und Demenzerkrankungen überhaupt entstehen. Nach 25 Jahren ist es Zeit für eine Bilanz.

Von Michaela Pelz, Ebersberg

Wie soll man wohl die Wirksamkeit einer Vorbeugungsmaßnahme beurteilen – etwa bei einem Schlaganfall oder einer Demenz? Schließlich geht es um etwas, das nicht eingetreten ist. So zumindest könnte man als Laie denken. Doch was im Einzelfall zwar nicht belegbar ist, lässt sich durch Statistik zweifelsfrei beweisen. Vorausgesetzt, es gibt einen Vergleich.

Wie schon beim Start des 2001 im Landkreis Ebersberg von der AOK Bayern initiierten Leuchtturmprojekts „Invade“. Die „Intervention gegen vaskuläre Hirnerkrankungen und Demenz“ ist ein Präventionsprogramm, das in Hausarztpraxen eingesetzt und wissenschaftlich begleitet wird – mit dem Ziel, Schlaganfälle und Demenz zu verhindern. Die Teilnahme ist freiwillig: Zielgruppe waren zunächst Menschen ab einem Alter von 55 Jahren, später wurde die Altersgrenze auf 50 Jahre gesenkt.

Als Kontrollgruppe dienten gleichaltrige AOK‑Versicherte aus dem Landkreis Dachau, der Ebersberg in Lage und Struktur sehr ähnelt. Kern des Projekts sind umfassende Untersuchungen: Laborwerte, EKG und Blutdruckmessungen, bei Bedarf ergänzt durch eine 24‑Stunden‑Langzeitblutdruckmessung und einen Ultraschall der hirnzuführenden Blutgefäße. Zusätzlich erhalten die Teilnehmer Beratung und Betreuung durch speziell geschulte Präventionsassistentinnen.

Vor 25 Jahres war es ein absolutes Novum, medizinische Fachangestellte für eine Zusatzausbildung zu qualifizieren. Und das war nicht die einzige Besonderheit. „Damals befand sich die Prävention noch in den Kinderschuhen, die Behandlung der Risikofaktoren war uneinheitlich und wenig geregelt“, erklärt Klaus Pürner. Der stellvertretende Vorsitzende des Vereins Invade war damals Oberarzt der Kardiologie am heutigen Kreisklinikum Ebersberg München-Ost und hat das Programm von Beginn an begleitet.

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Dann entstand die Idee, wissenschaftliche Erkenntnisse in den Alltag zu übertragen. Dafür taten sich die Ebersberger Mediziner Hans Gnahn und Claus Briesenick mit Hans Förstl, dem langjährigen Direktor der Psychiatrie am Klinikum Rechts der Isar, sowie mit Horst Bickel von der Psychiatrischen Epidemiologie der TU München zusammen. Sie sahen die Chance für eine gemeinsame Vorbeugung der Volkskrankheiten Schlaganfall und Demenz – weil beide, so Bickel, „auf denselben vaskulären Risikofaktoren beruhen“, also etwa Bluthochdruck, Übergewicht, Rauchen und Bewegungsmangel.

Die AOK erkannte früh die Chance, durch Prävention die Krankheitslast zu senken – und damit mittel- bis langfristig auch Leistungsausgaben zu reduzieren, wie der damalige Vorstandsvorsitzende Helmut Platzer betont. Trotz beträchtlicher Widerstände gelang es, das Projekt zunächst als Modellversuch und später als dauerhafte Leistung der Kasse zu etablieren. Schon die ersten Evaluationen bestätigten signifikante Präventionserfolge. Seit 2024 profitieren auch AOK-Versicherte aus dem Landkreis Erding von dem Programm – sofern sie das 50. Lebensjahr erreicht haben und ihre Hausarztpraxis sich beteiligt.

Helmut Platzer, hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2018, war bei der Einführung von Invade Vorstandsvorsitzender der AOK Bayern.
Helmut Platzer, hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2018, war bei der Einführung von Invade Vorstandsvorsitzender der AOK Bayern. Steffen Leiprecht/AOK

Warum ist Invade so bedeutsam? Zunächst wegen der langen Laufzeit. Grundlage dafür ist die kontinuierliche Arbeit eines Netzwerks von mittlerweile mehr als 60 Ärztinnen und Ärzten. „Vor 25 Jahren war der Hausarzt der Ansprechpartner schlechthin“, sagt Bernhard Nimmrichter, Vorstandsvorsitzender von Invade, der das Programm in seiner Praxis ebenfalls durchführt. Der Internist und Hypertensiologe sieht die „kleinen, kurzen Wege“ nach wie vor als Teil des Erfolgs.

Der zweite Faktor ist die hohe Zahl der Beteiligten – mehr als 10 000, wie aus der Auswertung der Jahre 2013 bis 2020 hervorgeht. Dass sie so lange dabeibleiben, führt Nimmrichter darauf zurück, dass das Programm „für die Patienten mitläuft, als wäre es die Normalversorgung. Wenn es zu komplex wird, steigen sie aus.“ Und, ja, die beteiligten Praxen koste es Zeit und Manpower.

Pflegebedürftigkeit und Sterblichkeit wurden signifikant gesenkt

Dem gegenüber stehen jedoch die Ergebnisse. Auch die mittlerweile erfolgte zweite Evaluation spricht eine deutliche Sprache: „Die Sterblichkeit lag um sechs Prozent und der Eintritt von Pflegebedürftigkeit um zehn Prozent unter den Erwartungen. Die Anzahl der Pflegejahre konnte um 1600 reduziert werden“, erläutert Forscher Bickel. „Bei jährlichen Kosten von rund 10 000 Euro pro pflegebedürftiger Person kann man sich die Ersparnis leicht selbst ausrechnen.“ Er wundere sich, „warum gerade jetzt, wo die Finanzierung von Pflege ständig in der Diskussion ist, Ergebnisse aus Studien wie der unsrigen nicht stärker zur Kenntnis genommen werden“.

Die Fachwelt hingegen hat das sehr wohlgetan – dafür steht der 2020 verliehene, renommierte Hufeland-Preis, wie Invade-Geschäftsführerin Birgit Krause berichtet. Und auch jetzt ist das Projekt noch längst nicht abgeschlossen. Zum einen werde es kontinuierlich nach neuesten Erkenntnissen um weitere Fragestellungen erweitert. Zum anderen begrüßt Invade ausdrücklich die Teilnahme weiterer Probanden sowie eine Vergrößerung des Praxen-Netzwerks. Denn, so Klaus Pürner: „Wir sind stolz, dass für die Menschen und die Lebensqualität etwas erreicht wurde.“ Diesen Präventionsgedanken wolle Invade gerne weitergeben.

Hans Förstl bringt es so auf den Punkt: „Die Machbarkeit wurde durch die Studie selbst belegt. Aufgrund der Endpunkte Mortalität und Pflegebedürftigkeit ist sie höchst realistisch.“ Sein Fazit: „Schaut her, es ist machbar, führt es überall ein!“

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