16. Juli 2015, 10:12 Zugunglück von Oberelkofen Ein Schlachtfeld aus Panzern und Toten

"Man hat die Leichen gerochen, bevor man sie gesehen hat": Das Zugunglück von Oberelkofen am 16. Juli 1945 war eines der schlimmsten in der deutschen Geschichte.

Von Anja Blum

"Es war so wahnsinnig heiß in diesen Tagen", sagt Marianne Donath immer wieder. Noch heute schüttelt die 80-Jährige darüber ungläubig den Kopf. Wahrscheinlich hatte die große Hitze auf unheimliche Weise der bedrückenden Stimmung entsprochen damals, im Juli 1945, rund um Grafing. Doch nicht nur das: Die hohen Temperaturen hatten auch fatale Auswirkungen.

"Man hat die Leichen schon gerochen, lange bevor man sie gesehen hat", erzählt Franz Bauer. Außerdem hätten sich bei der Beerdigung die Sargdeckel immer wieder ein wenig gehoben, wie von Zauberhand. Wohl, weil sich darin wegen der Hitze dermaßen viel Gase gebildet hätten, vermutet Donath.

Mindestens 100 Kriegsgefangene starben beim Aufprall der zwei Züge

Marianne Donath aus Schammach, Franz Bauer aus Grafing-Bahnhof und Lilo Pfeiffer vom Goldberg haben als Kinder den Krieg und die Zeit danach in Grafing erlebt, und dazu gehörte eines der bis heute größten Zugunglücke Deutschlands:

Am 16. Juli 1945 prallte auf der Strecke zwischen Aßling und Grafing ein mit US-Panzern beladener Güterzug ungebremst auf einen stehenden Zug, in dem sich pro Waggon rund 40 ehemalige deutsche Soldaten befanden. Sie stammten aus dem Rheinland und Westfalen und sollten von einem US-Lager in Bad Aibling nach Hannover transportiert und dort entlassen werden. Sie hatten den Krieg überlebt - nun starben mindestens hundert von ihnen bei dem Aufprall oder erlagen wenig später ihren schweren Verletzungen.

Die Zeitzeugen Franz Bauer, Lilo Pfeiffer und Marianne Donath.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

"Die Oberleitung war von den Luftangriffen beschädigt, so dass die Lok zu wenig Strom bekommen hat", erklärt Lilo Pfeiffer. "Deswegen ist der schwere Zug mit den Soldaten irgendwann liegen geblieben." Ihr Vater, damals Eisenbahner in Grafing, soll bereits mehrmals davor gewarnt haben, die Strecke noch zu befahren.

Zur Rechenschaft gezogen wurde später der Fahrdienstleiter aus Aßling, der den Güterzug hatte passieren lassen. Er erhielt eine Gefängnisstrafe. "Der wollte eigentlich aufhören bei der Bahn, das war damals seine letzte Nachtschicht", erinnert sich Pfeiffer an eine weitere Aussage ihres Vaters. "Das war schon tragisch."

Operationen mit dem Taschenmesser

Die Nachricht von dem Unglück verbreitete sich in Grafing wie ein Lauffeuer. Einer der ersten am Ort des Geschehens war Franz Bauer, damals gerade einmal zehn Jahre alt. "Ich bin gleich in der Früh dorthin geradelt und auch ziemlich nah dran gewesen", sagt er. Gekümmert habe das zu diesem Zeitpunkt indes niemanden - "die waren alle ziemlich beschäftigt".

Dem Zehnjährigen, der sich am Abend zuvor noch wegen eines Gewitters unter seiner Bettdecke versteckt hatte, bot sich ein grauenhaftes Bild: ein Schlachtfeld aus Panzern, Zugteilen, Leichen und Verwundeten inmitten der unwegsamen, unberührten Natur rund um die Bahntrasse, die hier durch den Wald führt.

Mehr als hundert Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben.

(Foto: privat)

Mitten auf dem Gleis hatten die ersten Helfer einen Küchentisch aus dem Bahnwärterhäuschen aufgestellt, auf dem sie versuchten, die Verwundeten notdürftig zu versorgen. "Die haben, glaub ich, mit dem Taschenmesser operiert", sagt Bauer. "Das sind Dinge, die man nie vergisst."

Im Gedächtnis geblieben ist dem Grafinger auch, dass der Zug der Soldaten kein Personenzug war, sondern "eher ein Viehtransport". Erst auf Betreiben einiger Politiker habe die Bahn eingelenkt und für die Weiterfahrt der Überlebenden ab München einen ordentlichen Zug bereitgestellt. "Das war wirklich ein Fiasko", sagt Franz Bauer.

Lilo Pfeiffer, die wie Marianne Donath ein Jahr älter ist als Bauer, kann sich noch gut daran erinnern, wie wenig später im Grandauer Hof die Leichen hastig in Särge gelegt wurden. "Beine rein, Kopf rein, Marke dazu - fertig." Dazwischen hätten die Arbeiter immer wieder einen Schluck aus ihren Schnapsflaschen genommen. "Anders wäre es wahrscheinlich nicht gegangen", mutmaßt Pfeiffer.

Ihre Freundin Marianne Donath hat die Beerdigung der Soldaten unterhalb der Oberelkofener Kirche noch heute klar vor Augen. Die Zeremonie habe ein paar Tage nach dem Unglück stattgefunden, weil auf die Schnelle nicht so viele Särge verfügbar gewesen seien, erinnert sie sich.

Besonders viele Trauergäste seien nicht anwesend gewesen, "aber - ich weiß nicht genau, warum - wir Kinder mussten dort hin und kleine Sträußchen in die Gräber werfen." Dabei habe sie dann eben die sich bewegenden Sargdeckel gesehen.

Streng erzogen und hart im Nehmen

"Ja, so etwas haftet, das sitzt ganz tief", sagt Bauer. Auch die damals zwölfjährige Anne Huber habe diese Beobachtung gemacht - und erzähle noch heute immer wieder davon. Und trotzdem: Einen traumatisierten Eindruck machen Bauer, Pfeiffer und Donath nicht, im Gegenteil, ihr Grundtenor im Gespräch ist fröhlich. "Wir hatten ja auch vorher schon viel erlebt, waren streng erzogen - und hart im Nehmen", sagt Donath.

Nichtsdestotrotz sind diesen Grafinger Zeitzeugen die Denunziation bis zum Schluss, all die Nöte der Bevölkerung, die Tiefflieger, die Plünderungen und die Gewaltakte zwischen Einheimischen, Flüchtlingen und Besatzern bis heute gegenwärtig. "Damals sind wir barfuß über die stoppeligen Felder, um Kartoffeln und Ähren nachzuklauben - das tat weh!", sagt zum Beispiel Donath.

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Und Pfeiffer erzählt, wie eine Lehrerin die Grundschüler bei Fliegeralarm immer erst noch ein Hitler-Lied singen ließ, bevor sie nach Hause laufen durften. "Einmal bin ich schon davor weggerannt, da hat sie mir später fast das Ohrwaschl ausgerissen."

Doch auch schöne Geschichten von kindlichen Abenteuern wissen diese Grafinger zu erzählen. Bauer etwa klingt noch heute begeistert, als er von einem Hitler-Zug erzählt, der am Bahnhof abgestellt war. "Da waren drei Flaks drauf, und die Sitze waren aus Leder." Für die Buben ein gefundenes Fressen: Sie schnitten zahlreiche Streifen raus - für ihre Steinschleudern.

Kriegsgräberstätte mit Infotafel und Gästebuch

Von dem Zugunglück von Elkofen aber ist Franz Bauer bis heute so tief berührt, dass er sich seit 20 Jahren wie kaum ein anderer für den Erhalt von Soldatenfriedhöfen und das damit verbundene Gedenken engagiert.

Historische Aufnahme der Unfallstelle zwischen Aßling und Oberelkofen am 16. Juli 1945.

(Foto: privat)

Bei der jährlichen Haussammlung für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Oberbayern war der Grafinger schon der erfolgreichste Sammler - und zwar viermal hintereinander, von 2009 bis 2012.

Ganz besonders am Herzen liegt Bauer freilich der Soldatenfriedhof östlich der Oberelkofener Kirche, der Ort, wo die Toten des Zugunglücks begraben wurden. Durch eine Allee aus erhabenen Bäumen gleich nach der Bahnunterführung gelangt man dorthin. Heute befindet sich hier eine wunderbar angelegte Kriegsgräberstätte samt Denkmal, Infotafel und Gästebuch.

Bauer kümmert sich mit um die Gestaltung und Pflege der Gedenkstätte, sorgt dafür, dass die Blumen nicht verdorren. Erst kürzlich hat er wieder einen langen Dankesbrief von einer der betroffenen Familien erhalten, dafür, dass er die Erinnerung an dieses sinnlose Sterben lebendig hält.

Auch zum Jahrestag heuer, am Donnerstag, 16. Juli, um 19 Uhr wird es in Oberelkofen wieder eine Gedenkfeier geben. Bauer wird dabei sein. Auf jeden Fall.

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