Der griffige Slogan „Live Laugh Love“ (lebe, lache, liebe) hat es als Motto eines erfüllten Lebens ganz vortrefflich durch die Jahrzehnte geschafft. Basierend auf dem Gedicht „Success“ der Lyrikerin Bessie Anderson Stanley aus dem Jahr 1904, in dem diese jenem Mann Erfolg im Leben zuspricht, „who has lived well, laughed often, and loved much“, findet sich die platte Alliteration heute in diversen Haushalten als ermunternd dekoratives Wandtattoo oder Motivationsposter wieder.
Da ist sie eigentlich ganz gut aufgehoben. Doch der im besten Sinne eigenwillige Rapper Earl Sweatshirt wäre nicht der im besten Sinne eigenwillige Rapper Earl Sweatshirt, würde er nicht auch dieses phrasenhafte Sprüchlein einem neuen Twist zuführen können. Und so lautet der Titel seines im August 2025 erschienenen neuen Albums, auf dessen Cover er uns mit blinzelnden Augen und einem gewaltigen Joint im Mundwinkel entgegenblickt, tatsächlich genau so: „Live Laugh Love“.
Für einen wie Thebe Neruda Kgositsile, so der bürgerliche Name des Mannes aus Los Angeles, ist das trotzdem mindestens ungewöhnlich. Steht der als Earl Sweatshirt doch für sehr vieles, nur nicht für zwangsoptimistische Plattitüden aus der Deko-Welt. Aufgewachsen als Scheidungskind der US-amerikanischen Bürgerrechtsprofessorin Cheryl Harris und des renommierten südafrikanischen Poeten und politischen Aktivisten Keorapetse Kgositsile, ist der Rap für ihn bis heute ungleich mehr Ventil für Widrigkeiten seelischer Natur als Mittel zur Selbstüberhöhung.
Die schmerzliche Abwesenheit und der Tod des nach Südafrika zurückgekehrten Vaters im Jahr 2018; das Schulschwänzen und die Flucht in die Kifferei nach der Aufnahme in „Tyler, the Creators“ erlauchtes Hip-Hop-Kollektiv Odd Future im Teenageralter; der bald darauf von der Mutter veranlasste Aufenthalt in einer Erziehungsanstalt auf Samoa; oder der Rückzug in die Selbstisolation nach der überfordernden Wucht der ersten Erfolge – all das umkreiste dieser Hochbegabte mit einer metaphorisch kühnen und assoziativ geprägten Sprachsensibilität jenseits jeder Nabelschau.
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Wer seit seinem Debüt „Doris“ von 2013 bei ihm dranblieb, konnte ihn bei einem Reifeprozess begleiten, der auf dem 2022 erschienen „Sick!“ schließlich in der Vaterschaft des Protagonisten dieser Tracks mündete. Und so liegt denn auch „Live Laugh Love“ das Bestreben, ein guter Vater zu sein und diese Rolle mit einer positiven Grundeinstellung zum Leben anzugehen zugrunde – was einen zugleich freilich nicht vor Angst, Unsicherheit und Sorgen feit. Gut also, dass er sich im süß verwehten „Tourmaline“ das Gelübde abnehmen lässt, „to keep my feet grounded for my sweet child“, also sprichwörtlich mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben, was für Hip-Hop-Artists ja gerne mal zu den eher schwierigen Disziplinen zählt.
Doch wer mit solcher Konsequenz in sich hineinhorcht und dabei auch noch derart lässig-avantgardistische Soundlandschaften zwischen Soul und Jazz zusammensampelt und -loopt, dass sich sogar das hyperkritische Online-Musikmagazin Pitchfork regelmäßig in den Staub wirft, sollte eigentlich auch das mit den Füßen auf dem Boden hinbekommen. Denn wie heißt es doch im selbstversichernden „Crisco“? „Things I thought would shake me to my core, just made me hotter.“ Sehr frei nach Friedrich Nietzsche also: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“
Sweatshirt, Mittwoch, 4. Februar, 20 Uhr, Backstage, Reitknechtstraße 6

