E-Scooter sind praktisch, aber nicht ungefährlich. Seit 2020 werden deutschlandweit schwere E-Scooter-Unfälle im Traumaregister der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie registriert. Die ausgewerteten Daten der ersten drei Jahre zeigen alarmierende Auffälligkeiten: Unter den Verletzten sind viel mehr Männer als Frauen und meistens ist Alkohol im Spiel. Über 80 Prozent der Schwerverletzten mussten auf der Intensivstation behandelt werden. 26 Personen starben. Michael Zyskowski, habilitierter Unfallchirurg und Oberarzt am TUM-Universitätsklinikum Rechts der Isar leitet dort die Forschungsgruppe für Verkehrssicherheit. Der 43-Jährige ist Mitautor der Studie. Er hätte einige Ideen, wie schlimme Unfälle vermieden werden könnten. Man erreicht den gebürtigen Wiener zwischen zwei OPs am Telefon.
Herr Zyskowski, welche Fälle haben Sie als Unfallchirurg auf dem Operationstisch?
Michael Zyskowski: Alle, die über die Notaufnahme zu uns kommen: viele Sportverletzungen, die Oma, die sich den Schenkelhals beim Sturz über den Teppich gebrochen hat, Verkehrsunfälle jeglicher Art.
Sie haben also auch Verletzungen von E-Roller-Unfällen?
Sehr viele. Allein von der Einführung des E-Scooter-Verleihs in München im Sommer 2019 bis nach dem Oktoberfest 2019 waren es um die 60 Patienten, nur bei uns in der Klinik. Zum Oktoberfest explodierten die Zahlen damals, da gab es ja auch noch kaum Regeln. Der Verleih war von politischer wie verkehrsplanerischer Seite wohl unterschätzt worden. Man hätte sich besser über Auffälligkeiten in den europäischen Nachbarländern informieren können. In Österreich waren die Leih-E-Scooter zum Beispiel schon ein Jahr früher auf den Straßen als hier.
Ihre Studie hat ergeben, dass E-Scooter-Unfälle klare Muster zeigen.
E-Scooter werden häufig für den Heimweg aus Clubs oder Bars benutzt und hier überwiegend von Männern. Frauen nehmen wohl eher ein Taxi oder Uber. Nachtfahrten sind problematisch, weil die Sicht eingeschränkt ist, dazu kommen Alkohol, fehlende Fahrerfahrung, jugendlicher Übermut, Leichtsinn, da übersieht der Fahrer vielleicht einen kleinen Stein, der im Weg liegt oder die Bordsteinkante und schon ist es passiert.
Wie sehen solche Verletzungen aus?
Es kommt immer auf den Zustand der Person an, die den Unfall hatte. Wenn es ein schwer alkoholisierter Mann ist, kann das böse ausgehen. Betrunkene stürzen in der Regel ohne Schutzreflexe, also ohne sich abzufangen, mit Körper und Gesicht auf den Boden - wie ein Baum. Meistens ist ein kleines Hindernis im Weg, da reicht schon ein niedriger Randstein von zwei oder drei Zentimetern, an dem man hängen bleibt, sodass man kopfüber nach vorne fällt. Entsprechend sieht man dann gehäuft schwere Kopfverletzungen. Bei Unfällen unter Tags, die nicht im alkoholisierten Zustand passieren, gibt es ganz „normale“ Verletzungen: am Schlüsselbein, am Unterarm, am Ellbogen oder auch mal schwere Stürze aufs Knie. Solche Verletzungen kennen wir vom Fahrradfahren seit Jahrzehnten.
Benutzen Sie selbst auch manchmal einen Leih-E-Scooter oder schrecken Sie die vielen Unfälle ab?
Ich fahre regelmäßig. Zwar keine langen Strecken, manchmal nur ein paar Häuserblocks zur U-Bahn oder von der U-Bahn zum Spielplatz, wenn ich von der Arbeit komme, damit ich schneller bei meinen Kindern bin. Es ist ein tolles Verkehrsmittel, um zügig irgendwohin zu kommen. Aber die Regeln müssten strenger sein.

Sie sind also nicht für ein generelles Verbot dieser kommerziellen E-Scooter wie etwa in Paris?
Auf keinen Fall. Dann könnten wir auch das Autofahren in der Stadt verbieten, das ist auch gefährlich, vor allem für Fußgänger. Aber Lkw würde ich im Stadtbereich verbieten. Es wundert mich immer wieder, dass in München richtig große Lastwagen durch die Straßen fahren dürfen. Ich finde, es ist an der Zeit, die draußen zu halten und mit Kleintransportern die Waren ins Zentrum zu den Firmen zu bringen. Ein großer Lkw ist wirklich eine Bedrohung für kleinere Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer, Fußgänger und auch für E-Scooter-Fahrer. Sie müssten zumindest gesetzlich verpflichtet sein, einen Totwinkel-Assistenten zu haben.
Sie behandeln also auch solche Fälle?
Zwar nicht so viele wie von E-Scooter-Unfällen insgesamt, aber das sind Fälle, die so schwerwiegend sind, dass sie einen nachhaltig berühren und unvergessen bleiben. Mit den digitalen Mitteln, die auf dem Markt sind, könnten Unfälle mit Lastwagen in der Stadt verhindert werden. Aber das kostet halt Geld.
Und wie könnte man E-Scooter-Unfälle verringern?
Als allererstes müsste man die Fahrten unter Alkoholeinfluss unterbinden. Der E-Scooter gehört zu den am besten digital kontrollierten Verkehrsmitteln, die wir haben. Die Leih-Scooter kann man wunderbar tracken: Man weiß, wer fährt, man kennt die Uhrzeit, man kennt den Standort. Man könnte um Clubs herum ein Parkverbot machen und überlegen, ob man die Reaktionstests beim Entsperren des E-Scooters nachts an Wochenenden, die manche Anbieter ja schon haben, auf jede Nacht ausweitet und sie verschärft.
Sie wären also für strengere Reaktions- oder Entsperrtests, wo man etwa auf seinem Handy schnell Gegenstände erkennen und wegdrücken muss?
Ja. Man könnte aber auch gleich ein Nachtfahrverbot in gewissen Arealen überlegen: entlang der Feierbanane, 089-Bar, Rote Sonne und im Glockenbachviertel, nachts über Geofencing keine E-Scooter mehr. Durch den Englischen Garten kann man ja auch nicht oder zumindest nur mit deutlich reduzierter Geschwindigkeit fahren. Das ist digital machbar. Man könnte nachts auch die Geschwindigkeit von 20 auf 15 km/h drosseln. Auf längere Sicht müssen Städte ohnehin über die Infrastruktur der individuellen Mobilität nachdenken. München ist eine Fahrradstadt und wird das immer mehr. Obwohl die Fahrradinfrastruktur hier schon nicht schlecht ist, könnte sie deutlich besser sein. Zusätzlich plädiere ich dafür, Randsteine wirklich superflach zu machen. Das käme auch Rollstuhlfahrern zugute.
Auf Gehwegen sind E-Roller ohnehin verboten, aber was denken Sie über das Nebeneinander von E-Scootern und Fahrradfahrern auf Radwegen?
Die Anpassung der Infrastruktur muss ein verträgliches Nebeneinander von normalen Rädern, Lastenfahrrädern, E-Bikes und E-Scootern möglich machen. Die Zahlen von E-Bike-Unfällen sind ja in den vergangenen Jahren exorbitant gestiegen, da wird die Personengruppe immer älter. Der durchschnittliche beim E-Bike-Fahren Verunfallte, der schwerverletzt auf der Intensivstation liegt, ist 65 plus, männlich und trägt keinen Helm. Eventuell hat er noch blutverdünnende Medikamente an Bord und eine Herzerkrankung, freut sich aber, dass er E-Bike fahren kann. Nur, das wiegt um die 18 Kilo, und dem Fahrer fehlen die koordinativen Fähigkeiten eines 20-Jährigen. Die Geschwindigkeit aber ist durch die Trittunterstützung ziemlich hoch. Da kommt noch einiges auf uns zu.
Sollte es weniger E-Scooter geben?
Ich wäre eher für eine ganz strenge Reglementierung von nur ein, zwei Anbietern pro Stadt, die man hart an der Kandare haben kann. Man muss sie mit klaren Auflagen belegen. Etwa nur moderne E-Scooter mit einem größeren Vorderreifen als Hinterreifen zulassen. Denn mit einem größeren Vorderreifen rollt man leichter über Hindernisse. Ich würde auch ein flächendeckendes, wissenschaftlich fundiertes „Alkoholfahrten-Verhinderungskonzept“ verlangen. Und die Anbieter müssten nachweisen, dass sie nicht an Minderjährige verleihen. Bei mir im Viertel stehen 16-Jährige zu dritt auf einem Scooter und mieten mit der Kreditkarte von Mama oder Papa. Solche Auflagen und Maßnahmen sollten seriösen Leih-Anbietern eigentlich entgegenkommen. Auch das wilde Parken ist problematisch, wenn man mit Kinderwagen nicht mehr durchkommt und die Scooter ein Hindernis für Menschen mit Sehbeeinträchtigung darstellen. Mit entsprechenden Verträgen könnte man schon einiges bewirken. Man müsste mit Sicherheitsexperten und Städteplanern ein nachhaltiges ein Konzept erarbeiten.
Wie denken Sie über eine Helmpflicht?
Als Unfallchirurg kann ich nicht sagen, dass eine Helmpflicht schlecht ist. Wenn es logistisch machbar ist: Ja. In Australien ist es machbar, da hängt an jedem Leih-E-Scooter ein Helm. Es gibt noch einen anderen Aspekt: Fahrradfahren lernen wir als Kinder. Der E-Scooter aber war plötzlich im Straßenverkehr. Deshalb sollte man erst damit üben - auf der Theresienwiese oder einem leeren Parkplatz, irgendwo in einer sicheren Umgebung. Ich habe als Kind ja auch nicht direkt auf der Landsberger Straße das Fahrradfahren angefangen. Es schaut zwar superleicht aus und macht Spaß, aber man muss sich anders verhalten als auf einem Fahrrad. Das kann man leicht mit nur einer Hand lenken, wenn es einen mal an der Nase juckt. Nehme ich aber die Hand vom Lenker eines E-Scooter, bin ich schnell gestürzt, da die Biomechnik eine andere ist und die Fahrpraxis fehlt.
Und können Sie den Menschen als Unfallchirurg dann helfen?
Ja, natürlich. So gut wie jede Fraktur heilt. Die erste Frage, die sich stellt: Kann man konservativ behandeln oder muss operiert werden. Sollte operiert werden müssen, determiniert die Schwere der Fraktur, die Erfahrung der Behandelnden und die Haltung des Patienten das Ergebnis. Ob alles wieder richtig gut wird, entscheidet aber auch die Haltung des Patienten. Es gibt den guten Spruch über Heilung: Die Operation macht 40 Prozent aus, 60 Prozent ist die Einstellung des Patienten in der Nachbehandlung. Wird die Physiotherapie wie verordnet gemacht? Wie ist die Grundstimmung des Menschen? Wenn man optimistisch in die Zukunft blickt und sich um seinen Körper kümmert, dann haben die Verunfallten meiner Erfahrung nach ein deutlich besseres Ergebnis nach einer Operation.

