Durch die Röhre Unterwegs mit der U-Bahn-Fahrschule

Azubi Severin Stahlmann bei der Übungsfahrt im U-Bahn-Simulator.

(Foto: Robert Haas)

Mit Tempo 80 durch die kargen Tunnel im Münchner Untergrund: Severin Stahlmann probiert sich mit 18 Jahren schon als U-Bahnfahrer.

Von Marco Wedig

"Bitte nicht zusteigen, dies ist eine Sonderfahrt. Bitte nicht zusteigen, dies ist eine Sonderfahrt." Severin Stahlmann muss die Durchsage wiederholen, weil ein Fahrgast partout in den Wagen der U-Bahn-Fahrschule einsteigen will. "Das war wieder einer mit Kopfhörern auf den Ohren." Stahlmann klingt wie ein alter Hase, als er das sagt.

Dabei ist er erst 18 Jahre alt - eigentlich zu jung, um in diesem Führerstand zu sitzen. Denn das Mindestalter für die Ausbildung zum U-Bahnfahrer liegt normalerweise bei 21, anders bei der Ausbildung zur Fachkraft im Fahrbetrieb. Mit 16 fing Stahlmann an, schnupperte mal beim Kundenservice und mal im Stellwerk rein. Jetzt, im dritten Lehrjahr, darf er endlich auf die Schiene. Schon als Kind faszinierten ihn die Technik, das Fahrgefühl und die Geräusche.

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Nun sitzt er selbst an den Hebeln. Links: der Totmann zum Ein- und Ausschalten des Motors. In der Mitte: der Sollwertgeber, mit dem Stahlmann zwischen verschiedenen vorbestimmten Geschwindigkeiten hin und her schaltet. Und rechts: das Führerbremsventil. Im regulären Betrieb würde Stahlmann nicht so viel schalten müssen. Zu 95 Prozent übernimmt die Linienzugbeeinflussung die Steuerung. Fällt sie jedoch aus, muss der Fahrer eingreifen. Für diesen Fall üben sie in der Fahrschule.

Mit 80 Stundenkilometern geht es durch den Tunnel der Linie U 6. Stahlmann nennt sie seine Heimatlinie. Sein Blick ist konzentriert nach vorne gerichtet. Es ist eine karge Unterwelt, die so nur der U-Bahnfahrer zu sehen bekommt. Macht ihm das eigentlich nichts aus, in Zukunft vielleicht den ganzen Tag unter Tage zu sein? Stahlmann schüttelt vehement den Kopf.

Und auch keine Sorge, dass der Job irgendwann wegfällt? Stichwort: automatisiertes Fahren. Auch was das angeht, ist Stahlmann zuversichtlich. "Da müssten in München schon sehr viele Vorkehrungen getroffen werden, damit die U-Bahnen wie in Nürnberg irgendwann komplett fahrerlos fahren." Bernhard Robl, Ausbildungsleiter der MVG, sagt dazu: "Bis dato ist ein konventioneller Fahrbetrieb mit Fahrpersonal schlichtweg wirtschaftlicher."

Und so bildet die MVG zur Zeit 18 Menschen zum U-Bahnfahrer aus. Früher war der Job eine reine Männerdomäne. Vielleicht wegen der Schichtarbeit, vielleicht wegen der Technik, mutmaßt Michael Spoerl. Doch als Ausbilder weiß er: "Es gibt mal Männer, die die Technik nicht verstehen und mal Frauen."

Den Job kann jeder und jede machen. Eine Voraussetzung ist allerdings ein Muss: die deutsche Sprache. Der Fahrer muss auf Funksprüche reagieren und verständliche Ansagen an die Fahrgäste geben können. Das bedeute aber auch, dass ein zu starker bayerischer Akzent problematisch sein könnte, sagt Ausbildungsleiter Robl.

Stahlmanns Durchsagen sind klar verständlich. "Wie ein Profi", sagen seine Mitschüler. Manche seiner Freunde finden es schade, dass Stahlmann in Zukunft nicht mehr jedes Wochenende Zeit haben wird. Er antwortet dann: "Ich mache das, was ich immer schon machen wollte."

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