Kritik:Quietschbunter Riesenspaß

Lesezeit: 1 min

Dua Lipa zeigt bei ihrem Auftritt in der Münchner Olympiahalle, dass ihr die Pop-Zukunft gehört.

Von Stefan Sommer, München

Irgendwann, das ist ja klar, wird es Ballons von der Decke regnen. Man hätte das Luftballonnest nicht unter das Hallendach gehängt, nicht mit schwarzem Stoff zu verhüllen versucht, wenn es nicht irgendwann doch auf die Köpfe unter sich herunterplumpsen soll. Wie eine Piñata, die nur nicht mit Bonbons gefüllt ist, hängt dieses quietschbunte Versprechen da oben. Aber wann passiert es? Zu Purple Disco Machines "Body Funk", das Hot Streaks queere Hymne von 1983 sampelt, erscheint Dua Lipa mit großem Tamtam auf der Bühne, doch die Ballons fallen nicht. Im neonpinken Aerobicdress powerwalkt die Sängerin vor einer Screenwand, auf der Flamingos in VHS-Ästhetik zwitschern, doch die Ballons fallen nicht. Sie singt, summt, shakt, stöhnt, seufzt. Doch die Ballons fallen nicht.

Auf Europatournee für ihr Album "Future Nostalgia" hat sie die Olympiahalle ausverkauft. Ihre Entscheidung die Platte im März 2020 während der ersten COVID-19-Welle zu veröffentlichen, hätte himmelhoch schiefgehen, die Tracks nicht für tourfreundlichere Zeiten zurückzuhalten, eine Karrieredelle, ein Fall in die Bedeutungslosigkeit für Dua Lipa werden können. Das Meisterwerk, das "Future Nostalgia" ist, bekam so doch die Aufmerksamkeit, die es verdiente. Und machte die sechsundzwanzigjährige Londonerin, die Tochter von Kriegsgeflüchteten, zur globalen Ikone. Drei Grammys und Billionen Streams, Kooperationen mit Haute-Couture-Labels und eine Single mit Sir Elton John scheinen nur der Anfang einer dieser Popstarbiografien zu werden, wie sie nur wenige Musikerinnen einer jeden Generation schreiben.

Ihr Sound zwischen Kylie Minogue und Ballroom zwischen Olivia Newton-John und Dragshow funktioniert auch auf großer Bühne. Dua Lipa ist Hedonismus und Hommage an die Pioniere des House, ja, in der Olympiahalle aber auch Haltung. Eine diverse Crew, die sie Tänzerin für Tänzer vorstellt, die Regenbogenflagge, die sie sich über die Schultern legt, das konsequente Unterlaufen meist männlicher Erwartungen an weibliche Heterosexualität in der Performance, all das imaginiert, wie eine sensiblere Gesellschaft aussehen könnte. Vor allem: fröhlicher. Das Konzert ist ein Rausch, Dua Lipa eine Popvirtuosin. Und das nicht erst, wenn im Hit "One Love" auch endlich die Ballons von der Decke fallen. Der Filmemacher Jean-Luc Godard habe einmal behauptet, für einen Film bräuchte man ein Mädchen und einen Revolver. Für ein Konzert wohl nur Dua Lipa und Ballons.

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