Drogen Kiffen gegen das System

Pascal heißt eigentlich anders. Er will anonym bleiben, weil er demnächst eine neue Ausbildungsstelle antritt.

(Foto: Catherina Hess)

Ein Münchner raucht mehrmals täglich Joints und steht deswegen immer mit einem Fuß im Gefängnis. Seine Rettung sieht er nur im Auswandern.

Von Daniela Gaßmann

Pascal Winkler (Name geändert) bereut nichts. Gäbe der 21-Jährige seinen Namen preis, würde er allerdings seinen Ausbildungsplatz verlieren, und damit den dritten Job. Die Polizei würde wieder an seine Tür hämmern, sie würde wieder die WG durchsuchen und einen Grund finden, um ihm Handschellen anzulegen. Dann müsste Pascal zum fünften Mal vor Gericht.

"Ich bin kein Systemmensch", sagt Pascal, "deswegen nervt mich München". Er sitzt an vier zusammengeschobenen Tischen in dem Gruppenraum, in den ihn das letzte Gerichtsurteil gebracht hat: Betreuung durch den Jugendhilfeverein Die Brücke. Hier fühlt er sich inzwischen wohl.

Dennoch wippt er auf dem Holzstuhl hin und her, der unter seinem Körper winzig wirkt. Pascal, tätowiert und gepierct, Borstenschnitt und Bart, ist nervös. Es ist zwölf Uhr und er hat noch keinen Joint geraucht, weil er verschlafen hat.

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Es gibt viele Dinge, die Pascal unruhig machen, ihn aufregen: Wenn in München Grünflächen zugebaut werden. Dass es in der Stadt nur schlechten Hip Hop und Reggae gibt. Wie schwer es ist, einen neuen Ausbildungsplatz zu finden, wenn man wie er einen Tunnel im Ohr hat, Tattoos und Nasenring. Wenn er sich von der Polizei ungerecht behandelt fühlt oder wenn ihn jemand warten lässt. "Ich muss mindestens alle drei Stunden was rauchen", sagt Pascal, "sonst werde ich ziemlich ungemütlich".

Wegen Körperverletzung musste er schon vor Gericht. Der Vorwurf: Er habe einen Beamten auf der Wiesn geschlagen. Pascals Version: Er sei derjenige gewesen, der zu Boden gedrückt wurde, der ein blaues Auge davongetragen habe. "Das war nicht rechtlich", sagt er.

Wenn man Pascal Winkler fragt, wann er zuletzt angeklagt wurde, zieht er die Luft hörbar ein. "Letztes Jahr", antwortet er so, dass es mehr wie eine Frage klingt. "Oder vorletztes. Die sind bei mir in die Wohnung reingelaufen und haben mich wegen Dealerei angeklagt."

Bisher konnte sein Anwalt ihn jedes Mal vor dem Gefängnis bewahren. Deshalb raucht Pascal weiter am Ostbahnhof, in Giesing, überall. Auch in den Pausen seines Übergangsjobs als Lagerist. Wenn ein Polizist kommt, schluckt er den Joint einfach runter. Das sei kein Problem, weil er den Tabak weglasse.

Für Pascals Betreuer von Die Brücke ist seine Geschichte trotzdem eher ein Erfolg, denn: Wer schon immer gekifft und gedealt hat, höre damit nicht von einem auf den anderen Tag auf. Immerhin habe Pascal Winkler sich geöffnet, seinen Konsum reduziert.

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Mit acht kam seine Mutter in eine psychiatrische Klinik, und er ins Heim. Mit zehn begann er, Bong zu rauchen - auf einem Hügel hinterm Haus, den die Büsche vor den Blicken der Betreuer schützten. Für seinen älteren Mitbewohner übernahm Pascal von da an Laufdienste. "Mit zwölf habe ich meine ersten 100 Gramm bekommen", erzählt er, "die ich selbst verkaufen sollte. Das habe ich auch gemacht. Dann hat es angefangen: mit 14 das erste Mal LSD".

Bald wird Pascal eine neue Ausbildung beginnen, auf Veranstaltungen Bühnen aufbauen. Der Betreuer, den er "Kollege" nennt und "den besten, den ich je hatte", unterstützte ihn bei der Suche. Doch mit dem Kiffen wird Pascal nicht aufhören. Zu wütend macht ihn München manchmal.

Außer dem Fitnesstraining gibt es sonst nichts, was ihn runterbringt. Wenn er und seine Freunde genug Geld gespart haben - in sechs Jahren vielleicht - will er weg aus der Stadt, in den USA ein neues Leben beginnen. "Da drüben ist scheißegal, wer du bist, wie du heißt", sagt er. Und wenn er bis dahin noch einmal Mist bauen sollte, glaubt Pascal, wird ihn sein Anwalt wieder rausboxen.