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Dritte Start- und Landebahn:Hamburg als Vorbild

In München gibt es aktuell pro Nacht gut 60 Flüge zwischen 22 und 6 Uhr, einige wenige davon zwischen 0 bis 5 Uhr.

Eine ähnliche Regelung ist auch für den neuen Flughafen in Berlin vorgesehen.

Und das ist gesundheitsschädlich?

Natürlich, auf jeden Fall. Im Sinne eines präventiven Gesundheitsschutzes müssen wir ein Nachtflugverbot empfehlen. Die Experten streiten nicht darüber, ob Lärm ein Gesundheitsrisiko ist, sondern nur darüber, ab welcher Schwelle.

Flughafenbetreiber und Firmen sagen, Nachtflüge seien unverzichtbar.

Was sagen Sie einer Chemiefabrik, die argumentiert, dass es wirtschaftlich nötig sei, das Trinkwasser zu verschmutzen? Wir können gerne übers Geld reden, nur muss man das gesamtwirtschaftlich betrachten. Es gibt Schätzungen, dass Lärm in Europa pro Jahr Kosten von 40 Milliarden Euro verursacht, wegen der Gesundheitsschäden. Das niederländische Umweltinstitut CE Delft hat mal Kosten und Nutzen überprüft, wenn man am Flughafen London-Heathrow ein Nachtflugverbot einführen würde. Da haben die alles eingerechnet, die Verluste für Firmen, den gesundheitlichen Nutzen. Das Ergebnis war ein Gewinn von einer Milliarde Euro in zehn Jahren.

Nur Schallschutzfenster reichen Ihrer Meinung nach also nicht aus?

Man muss alle möglichen Maßnahmen miteinander kombinieren, aber wichtiger als passiver Schallschutz wie diese Fenster ist der aktive. Der umfasst nicht nur Betriebsbeschränkungen, sondern auch den Einsatz leiserer Maschinen. Sinnvoll sind zum Beispiel Start- und Landeentgelte, die für laute Flieger teurer sind. Wenn die in der Nacht sehr hoch sind, überlegt sich die Firma, ob sie wirklich nachts fliegen will oder ob sie das vielleicht auf den Tag verlagern oder leisere Maschinen einsetzen kann.

Gibt es so etwas wie einen Vorbildflughafen, der da relativ weit ist?

Es lässt sich keiner als leuchtendes Beispiel nennen, es gibt aber welche mit teils ganz guten Maßnahmen. Der Flughafen Hamburg ist relativ ambitioniert, der hat auch schon früh die lärmabhängigen Entgelte eingeführt. Auch in Frankfurt gibt es positive Aktivitäten, das Problem ist dort, dass der Airport praktisch mitten in der Stadt liegt. München ist auch nicht schlecht. Die Lage zum Beispiel ist clever gewählt, weil der Lärm eher wenige Menschen betrifft, auch wenn das die Bevölkerung von Freising und Erding vollkommen berechtigterweise sicher anders sieht. Bei der Frage des Ausbaus muss man sehr genau abschätzen, ob er wirklich erforderlich ist oder ob ein Bedarf herbeigeredet wird. Dafür bräuchten wir in Deutschland eine nationale Flugverkehrsplanung. Es hilft nichts, wenn jeder Flughafen sagt: Wir bauen aus.

So oder so gibt es Menschen, für die Fluglärm Alltag ist. Gibt es für die wenigstens den Trost, dass sich ihr Körper irgendwann daran gewöhnen kann?

Das geht nicht. Es gibt Menschen die sagen: Ich höre die Flieger gar nicht mehr. Das mag schon so sein tagsüber, aber nachts nicht. Da ist das autonome Nervensystem betroffen, das können Sie gar nicht bewusst steuern. Das hat mit der Evolution zu tun. Als wir noch in der Savanne schliefen, war es lebensnotwendig, bei Geräuschen aufzuwachen. Vom Wecker werden Sie ja auch jeden Morgen wach - auch wenn Sie ihn längst kennen.