Es ist erstaunlich, was ein Kunstwerk auslösen kann. Sogar, dass ein anderes Kunstwerk dadurch berühmt wird. Momentan sieht man das am Song „The Fate Of Ophelia“, über den sogar in der „Tagesschau“ berichtet wurde. Weil nämlich der US-Pop-Megastar Taylor Swift zu Beginn des Videos der Single als „Tableau Vivant“ einem Bild entsteigt, das dem Ophelia-Gemälde von Theodor Heyser im Museum Wiesbaden doch wie ein Pinselstrich dem anderen gleicht. Statt urheberrechtliche Bedenken zu äußern, freut sich der Museumsdirektor Andreas Henning freilich über die „kulturverstärkende Wirkung“ des Swift’schen Kunsttipps – und über den Strom Tausender Swifties, die das Bild auf einmal im Original sehen wollen.
Was hat das jetzt mit der bayerischen Band Dreiviertelblut zu tun? Jede Menge, auch wenn das nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, denn das betreffende Kunstwerk versteckt sich auf der Innenseite des Klapp-Covers der Vinyl-Ausgabe vom Album „Prost Ewigkeit“. Darauf sieht man den Sänger Sebastian Horn in einem blauen Kleid rücklings in einem Gewässer dümpeln, wie einst Ophelia in Shakespeares Tragödie „Hamlet“.
Auch dieses unheimliche Bild des Wiener Fotografen Daniel Sostaric ist von einem Ophelia-Gemälde inspiriert. Allerdings dem berühmteren, nämlich dem von John Everett Millais aus dem Jahre 1852. „Das hat mich schon im Kunstunterricht fasziniert“, erinnert sich Sebastian Horn, „für mich war es der Inbegriff des schönen Dahinscheidens der Liebe halber, das hat voll in meine Grufty-Welt gepasst.“ Außerdem freute sich der stets an Botanik interessierte Horn an der symbolträchtig sprießenden Fauna auf dem Bild: die Weiden für die Trauer, die Rosen für den Übergang von Liebe zu Tod, der Fenchel für Schmeichelei und Betrug …
In einem zugewucherten Weiher in Aumühle bei München gab es dann vor allem Blutegel, es war „arschkalt“ in der Novembernacht, aber Horn wollte aus einer Laune heraus das Gemälde spontan re-inszenieren – der Ophelia-Mythos, das „elegische Loslassen, der Gemütsstrom“, das hatte für ihn viel mit der Entstehung des Albums „Prost Ewigkeit“ zu tun gehabt. Auch Horns Dreiviertelblut-Partner Gerd Baumann stieg – im Dirndl – ins Wasser, fror, erinnerte sich an sein Lied „Ophelia“, das er mit Anfang 20 für eine Theater-Inszenierung geschrieben hatte, entfacht für eine Schauspielerin.

Künstler, die viel Kunst kennen, nicht nur die eigene, sind oft die inspirierendsten. Es ist immer eine Schau, mit Dreiviertelblut in die Moorweiher der Seele einzutauchen. Gerade ist die wunderbare Band wieder auf Tour: am 26. November und 7. Januar im Lustspielhaus, am 31. Dezember in den Kammerspielen (28.11. Roth, 3.12. Unterschleißheim, 4.12. Ebersberg). Und wie Shakespeares Welt entspringen auch dem Dreiviertelblut-Kosmos weitere Protagonisten, etwa das Trio Brustmann Schäfer Horn mit seiner urwüchsigen Volksmusik (13.11., Unterschleißheim, 14.11., Fürstenfeldbruck, 21.11. Garching). Oder Horns Kabarett mit Matthias Kellner als d’Bavaresi (15.11., Dorfen, 25.11., Regensburg, 30.11., Ingolstadt).
Filmmusikprofessor Gerd Baumann hat derweil im Restaurant Humboldt’s in der Au die Reihe Tiny Concerts ins Leben gerufen, die nun Matze Brustmann (Balloon Pilot) fein kuratiert. Und mit seinen Partnern vom Milla Club hat er zudem im Fat Cat gerade das süße Milla Café eröffnet, in dem auch bald regelmäßig Konzerte – vor allem von Künstlern aus dem Subkulturzentrum – bei freiem Eintritt steigen.

Gerade im Herbst sind solche Gefühlsverstärker „aufkommender Dunkelheits-Melancholie“ (Baumann) sehr willkommen. Künstler zum ophelischen Abdriften treibt es gerade zuhauf in die Stadt, beispielsweise Calum Scott, bekannt von „Britain’s Got Talent“ und als Backstage-Coach von „The Voice of Germany“, der auf dem Album „Avenoir“ über dunkles Wasser rudert (11.11. Olympiahalle). Oder den seelenvollen Songwriter Alex Diehl (12.11., Backstage), den stets selbst zu tröstenden Liedermacher Philipp Poisel (21.11., Fat Cat), den großen Piano-Balladen-Barden Tom „Another Love“ Odell (14.11.) oder die Neuköllnerinnen Marlène Colle und Kristina Koropecki, die sich als Paula Paula auf ihrer „Tendermess“-Tour in München beim Münchner Kneipenchor Verstärkung gesucht haben (20.11., Live Evil).
So ganz lapidar wie der Name der Band okay.danke.tschüss (21.11., Muffathalle) sollte man das ganze Leid aber nicht abhaken. Ophelia mag in Wahnsinn und Trauer untergegangen sein, aber Taylor Swift entsteigt dem düsteren Gemälde und wird Showgirl, und bei Dreiviertelblut steht Baumann für den dümpelnden Sänger als Retter in der Not bereit.

