Drehbuchautor :Der Vermittler

Daniel Speck hat tunesische und schlesische Wurzeln. Er kennt den Kulturen-Clash. Sein erster Roman "Bella Germania" erzählt das Zusammenwachsen von Italien und Deutschland. Das sei eine Erfolgsgeschichte, die Mut mache

Von Martina Scherf

Ciao, dottore! Tutto bene?" Tommaso Ferraro begrüßt den Gast im Café mit Handschlag. Der "dottore" ist nicht wirklich ein Doktor, aber seit Daniel Specks Roman auf dem Markt ist, ist sein Ansehen bei den Italienern am Roecklplatz enorm gestiegen. Franco, der Friseur nebenan, erzählt allen Kundinnen davon: Da hat einer unsere Geschichte geschrieben. Speck mag diese Ecke im Schlachthofviertel, unweit des Großmarkts, wo noch Spuren der alten Zeit zu finden sind. Wo er auf Typen und Szenen stößt, die ihm Vorlagen für seine Bücher liefern.

Eine Migrationsgeschichte wollte er schreiben, aber eine mit längerem Atem. Und was eignet sich besser, um das Zusammenwachsen zweier Kulturen zu beschreiben, als die Geschichte der Italiener in München? Deren Einwanderung nach dem Krieg sei ein Erfolgsmodell, sagt der 46-Jährige. "Sie zeigt auch: Europa ist ein Wunder, das die Menschen vollbracht haben." Das war anfangs keineswegs abzusehen. "Spaghettifresser, Makkaroni, Papagalli haben sie uns genannt", sagt Tommaso und grinst, bevor er wieder in seiner Eisdiele verschwindet. Und heute? Nennt sich München stolz die nördlichste Stadt Italiens.

Drehbuchautor : Er hat unsere Geschichte geschrieben, sagen die Italiener am Roecklplatz über Daniel Speck.

Er hat unsere Geschichte geschrieben, sagen die Italiener am Roecklplatz über Daniel Speck.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Bella Germania" (Fischer Verlag) ist eine italienisch-deutsche Familiensaga über drei Generationen. Julia, eine junge Münchner Modedesignerin, erhält eines Tages Besuch von einem alten Mann, der vorgibt, ihr unbekannter Großvater zu sein. Sie wird neugierig - und enthüllt Kapitel für Kapitel die Geschichte ihrer Familie. Diese beginnt 1954: Der Großvater, damals junger Ingenieur, reist nach Mailand, um für BMW die Technik der Isetta zu studieren und den Lizenzvertrag auszuhandeln. Die Isetta, Symbol des deutschen Wirtschaftswunders - ist eine Italienerin. Der Deutsche verliebt sich aber nicht nur in die Stadt und das Auto, sondern vor allem in eine Sizilianerin, deren Familie auf Arbeitssuche in Mailand gelandet war. Als er nach München zurück muss, verspricht die Geliebte nachzukommen und beugt sich dann doch - mit einem Kind in ihrem Bauch - dem Druck ihrer Familie. Sie heiratet einen Mann aus ihrem Dorf und verheimlicht die wahre Vaterschaft. Dafür macht sich ihr Bruder auf den Weg nach München - als einer der ersten "Gastarbeiter".

Es beginnt ein Drama aus Schicksal, Schuld und Verstrickung. "Jede Familie existiert auf der stillen Übereinkunft, dass eine Sache nicht ausgesprochen wird. Meistens die wichtigste", heißt es im Buch. Bei der Familie Marconi aus Sizilien sind es gleich mehrere Geheimnisse. Sie stehen auch für den Anpassungsdruck der Migranten. "Sie wollen es unbedingt schaffen, wollen sich einrichten im fremden Leben, damit es ihre Kinder einmal besser haben", sagt der Autor. Die Wunden und Entbehrungen spürt noch die nächste Generation.

Italienische Arbeiter in München, 1960

Voller Hoffnung landeten die ersten italienischen Gastarbeiter 1955 am Hauptbahnhof.

(Foto: SZ Photo)

Speck hat einen Eiskaffee bestellt. Tommaso gießt den heißen Espresso übers Vanilleeis. Zuerst zieht die schwarze Flüssigkeit Furchen ins Eis, dann verschmelzen langsam die Farben. Der Autor mag es, hier zu sitzen und die Leute zu beobachten. Er spricht fließend Italienisch, könnte selbst gut als Italiener durchgehen.

Für seinen Roman hat Speck gründlich recherchiert, nicht nur in München, auch in Mailand und auf Salina, einer kleinen Insel vor Sizilien, wo Julias Großmutter geboren ist. Die Isetta und ihr eleganter großer Bruder, der Iso Rivolta GT, spielen wichtige Rollen - auch der RAF-Terrorist Andreas Baader protzte mit dem schicken Wagen. "Ein tolles Auto, oder?", sagt Speck und ruft ein Foto auf seinem Handy auf, "es wurden nur 792 Stück davon gebaut."

Als Drehbuchautor weiß Speck, wie man eine Geschichte aufbaut und die Spannung hält. Der Grimme-Preisträger schrieb die Bücher zu Erfolgsfilmen wie "Meine verrückte türkische Hochzeit", "Zimtstern und Halbmond" oder "Maria, ihm schmeckt's nicht!". Aber ein Roman, "das ist schon eine andere Nummer", sagt er. Doch es ist ihm gelungen, das Tempo zu halten, bis zur letzen der 617 Seiten. Bilder und filmreife Szenen - der Ingenieur, wie er auf dem Motorrad seiner Geliebten hinterher düst, die ihm von der Plattform der Mailänder Straßenbahn zuwinkt - wechseln sich mit eindringlichen Dialogen ab. Die Autos, die Mode, die Bahnhöfe und Markthallen schaffen Atmosphäre, die deutschen "Krauti" und die italienischen "Maccaroni" verheddern sich beim Aufeinandertreffen in Missverständnissen.

Paar begutachtet BMW-Isetta

Die Isetta war ein Symbol des Wirtschaftswunders.

(Foto: dpa)

Auch "Bella Germania" war zuerst als Drehbuch geplant, bis der Produzent ihm sagte: Da musst du einen Roman draus machen. "Das wollte ich ja schon immer, jetzt war die Zeit reif", sagt der Autor und blinzelt in die Herbstsonne. Verfilmt wird die Geschichte aber doch: als Dreiteiler fürs ZDF, produziert von der Bavaria. Die Dreharbeiten beginnen im nächsten Jahr.

Gleis 11 am Münchner Hauptbahnhof: "Von dort fuhr ich damals zum Studium nach Rom, dort kamen 1955 die ersten Gastarbeiter an - und heute die Flüchtlinge, die es über den Brenner geschafft haben", sagt Speck. Die Migranten mussten sich damals in einem Bunker unter dem Bahnhofsgelände registrieren lassen. "In den USA wurden sie von der Freiheitsstatue empfangen, das hat Symbolkraft", sagt Speck. Erst langsam habe Deutschland gelernt, dass die Fremden dazugehörten und man besser zurecht kommt, wenn man ihnen den Zugang erleichtert, zum Beispiel mit Sprachkursen. 1964 wurde der einmilllionste Gastarbeiter, ein Türke, mit einem Motorrad beschenkt. Und als die Anwerbung 1973 endete, nach den Olympischen Spielen, "da ist München - auch dank der Gastarbeiter - wohlhabend geworden und weltoffen", sagt Speck. "Ich verneige mich vor dieser Generation, die am Fließband und im Bergbau geschuftet hat, und ihren Anteil am Wirtschaftswunder hat."

Speck hat Literatur und Filmgeschichte studiert, in München und Rom, dann folgte die Drehbuchwerkstatt an der Hochschule für Fernsehen und Film in München und zahlreiche erfolgreiche Filmprojekte. Das Schreiben an dem Roman, sagt er, habe er als "künstlerische Befreiung" erlebt. Beim Fernsehen gehe es immer mehr um Quoten, Kosten und Kompromisse - "gute Komödien werden oft in Richtung Klamauk verdreht".

Jetzt feilt er noch am Drehbuch für "Bella Germania". Dabei kann es passieren, dass er mal eben eine Million Produktionskosten rausschreiben muss: Ein Drehtag auf dem Mailänder Domplatz, mit historischen Autos und rekonstruierten Ladenzeilen, Statisten und Requisiten, das ist teuer. "Im Roman kann ich einfach nur der Wahrheit meiner Figuren folgen", sagt Speck. Er genießt das. Das nächste Buch ist in Arbeit, das Thema bleibt noch geheim.

Dass seine Geschichten fast immer mit dem Clash der Kulturen zu tun haben - hängt das mit seiner Biografie zusammen? Speck zögert und rührt in seinem leeren Glas. Es sei jedenfalls nicht seine eigene Geschichte, die er verarbeite. Vielleicht sei er aber ein guter Vermittler. In seiner Familie seien verschiedene Kulturen vertreten. "Mein Vater war Tunesier, ich habe halbgriechische Cousins, und mein Großvater, der aus Schlesien stammte und bei der Marine war, landete nach dem Krieg durch Zufall in München." Aber bei genauer Betrachtung fänden sich doch in jedem Stammbaum solche Geschichten, "die meisten sind irgendwann mal hin- und hergezogen, auf der Suche nach Arbeit. Selbst die Bayern haben romanische Wurzeln. Deshalb ist es absurd zu sagen: Wir sind die Alteingesessenen und das sind die anderen."

Einwanderung habe jedenfalls immer mit der Frage zu tun, wer wir sind und wer wir sein wollen, "das stammt von dem britischen Schriftsteller Hanif Kureishi", sagt Speck. Die Geschichte der Italiener in München mache jedenfalls Mut.

"Wollt ihr noch was?", Tommaso räumt den Tisch ab. Er ist stolz auf sein Eiscafé Italia, das seit mehr als 40 Jahren in Familienbesitz ist. Heute sitzen hier Latte-Macchiato-Mütter mit ihren Sprösslingen neben gealterten Lebenskünstlern und freuen sich, wenn sie auf Italienisch begrüßt werden. Vom Roecklplatz ist das Café nicht mehr wegzudenken. In der nördlichsten Stadt Italiens.

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