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Drama:Heraus mit der Sprache

Der Film "Persischstunden" erzählt die Geschichte zweier Männer, die sich kommunikativ annähern. Lars Eidinger und Nahuel Pérez Biscayart sind großartig als Nazi und Jude, Täter und Opfer, Schüler und Lehrer.

Von Josef Grübl

So etwas kennt man eigentlich nur aus Beziehungen: Da unterhalten sich zwei Menschen in einer Sprache, die außer ihnen niemand versteht. Sie verwenden Wörter, die scheinbar nur für sie erfunden wurden; deren einziger Sinn darin besteht, ihre Verbindung zu vertiefen. Eine Art Beziehungsdrama legt jetzt auch der ukrainisch-kanadische Regisseur Vadim Perelman vor, der vor 17 Jahren mit der famosen Literaturverfilmung Haus aus Sand und Nebel bekannt wurde: In Persischstunden erzählt er die Geschichte zweier Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, die Opfer und Täter sind, Jude und Nazi, Häftling und Hauptsturmführer. Trotzdem sprechen sie eine Sprache, die außer ihnen niemand versteht.

Der belgische Rabbinersohn Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) gibt sich im Kriegsjahr 1942 als Perser aus. Warum? Um zu überleben.

(Foto: alamodefilm)

Es beginnt damit, dass der Rabbinersohn Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) im Jahr 1942 auf seiner Flucht von Belgien in die Schweiz verhaftet und von SS-Soldaten in ein französisches Konzentrationslager gebracht wird. "Nicht schießen, ich bin Perser", behauptet er in seiner Not. Das ist zwar gelogen, rettet ihm aber das Leben. Denn im Lager sucht man nach einem Perser, der dem Hauptsturmführer Sprachunterricht geben kann. Klaus Koch (Lars Eidinger) heißt nicht nur so, sondern ist auch Koch: Er ist für die Verpflegung des Lagers zuständig, nach dem Krieg will er ein Restaurant in Teheran eröffnen.

Also bringt ihm Gilles, der sich fortan lieber Reza nennt, Farsi bei. Kein echtes Farsi natürlich - das kann er ja selbst nicht - sondern ein Fake-Farsi: "Radß heißt Brot, Kars heißt Gabel, Tsvajn heißt Schwein", doziert er. Was nach lustiger Nazi-Verarsche klingt, wird bald ein Problem: Schließlich muss Gilles alias Reza selbst mitlernen und sich seinen Kauderwelsch genau einprägen. Immer mehr Wörter will sein Schüler lernen, immer größer wird seine Liebe zu dieser (nicht nur ihm) völlig neuen Sprache. Persischstunden ist kein typisches Holocaust-Drama, sondern ein raffiniert konstruierter Film über eine Beziehung, in der das Opfer Lehrer ist und der Täter Schüler. Lars Eidinger (Die Blumen von gestern, 25 km/h) und der Argentinier Nahuel Pérez Biscayart (120 BPM) sind großartig in ihren Rollen, es geht um Vertrauen, Macht und Kommunikation. In Sicherheit wägen darf sich Gilles dabei nie: Als er einmal einen Fehler macht, verprügelt ihn sein Schüler windelweich.

Persischstunden, Regie: Vadim Perelman

© SZ vom 23.09.2020

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