Gewalt ist selbstverständlich keine Lösung. Aber bei aller Schlagfertigkeit auch mal seine Schlagkraft zu demonstrieren, kann vielleicht schon helfen. Da ist es nur logisch, dass Drag-Künstler nun in den Ring steigen und bei Wrestling-Kämpfen demonstrativ Muskeln zeigen und Knochen knacken lassen.
Einer aus dieser Wiener Ringer-Riege ist Eric Big Clit. Den Künstlernamen muss man jetzt nicht übersetzen, sonst gibt’s gleich wieder einen Aufstand wegen Bürgergefährdung oder so. Eric Big Clit ist in München ja durchaus bekannt, 2023 erregte er weit über die Grenzen der Stadt hinaus die Gemüter, weil er zusammen mit Kollegin Vicky Voyage zu einer Drag-Lesung für Kinder in einer Stadtviertel-Bibliothek lud. Was da los war! 200 Polizisten mussten die Veranstaltung absichern. Gerade rechtspopulistische Gruppen und Parteien liefen mit vier Demonstrationen wegen „Kindeswohlgefährdung“ und „woker Frühsexualisierung“ Sturm, immerhin eine Demonstration hielt dagegen.
Es zeigte sich, dass bei vielen Menschen Queerness und insbesondere Dragqueens und -kings noch nicht als Kunst und gesellschaftspolitische Meinungsäußerung anerkannt waren. Umso wichtiger war es, bald nach der Lesung mit dem ersten Festival „Go Drag! Munich“ die ganze Pracht und den Witz dieser Kunstform geballt vorzuführen und zu feiern. Das Ziel lautete: „Ohne Angst verschieden sein können.“
Zwei Jahre später steigt nun das zweite Münchner „Go Drag!“, das „Internationale Festival für Drag-Kunst von weiblichen, trans und nichtbinären Künstler*innen“. Und obwohl die Stadt München das Event vom 10. bis zum 14. Juni wieder mit 50 000 Euro aus dem Fonds „Queere Gleichstellung“ unterstützt, und obwohl auch die Bundesregierung und die Kultus- und Kulturministerien der Länder etwas zuschießen, obwohl öffentliche Institutionen wie die Pinakothek der Moderne, das NS-Dokuzentrum, der Gasteig, das Museum Fünf Kontinente, das Schwere Reiter und als Veranstalter das Pathos Theater dahinterstehen, ist das Thema Drag noch nicht für alle selbstverständlich raus aus der (glitzernden) Schmuddelecke. Selbst wenn das Mainstream-TV sich schon auch mal gerne damit schmückt.

Die Drag-Künstlerinnen und -Künstler nehmen’s also wieder selber in die Hand, ihre sehr vielfältigen Begabungen breitenwirksam unter Beweis zu stellen. Showtalent und Erzählkunst, das haben sie mit der auch bisweilen unter einem seltsamen Ruf leidenden Wrestlerschaft gemeinsam. Deswegen kommt beides in der Veranstaltung „Powerhaus“ in der Foyer-Halle E des Gasteig HP8 auch so kongenial zusammen: Mit den Kämpfen verbreiten die Drag-Ringer wie Eric Big Clit nicht nur ihren Schweiß und ihren Glitzer, sondern auch ihre Geschichte und politischen Botschaften. Dazu tritt die „international gefeierte Boyband-Sensation“ Out of Sync aus Finnland mit Lip-Sync-Show, Tanz und Comedy auf (12. Juni).
Solche ungewöhnlichen Formate sollen „zwischen Glamour, Pop, Theater, Aktivismus und Community“ entstehen und „Geschlechterbilder hinterfragen, queere Perspektiven sichtbar machen und neue Räume der Begegnung öffnen“, so wünschen sich das die Kuratorinnen Ruby Tuesday aus München und Bridge Markland. Die Berliner „Genderperformance-Legende“ hatte „Go Drag!“ 2002 in Berlin erfunden. Bei der zweiten Runde in München ist sie wieder in einem One-Drag-Theaterstück zu sehen: Bei „Krug In The Box“ spielt sie Kleists „Der zerbrochene Krug“ als Popmusik-Gerichts-Drag-Show mit Puppen und sich selbst zu Song-Zitaten von „Like A Rolling Stone“ bis „17 Jahr, blondes Haar“ (11. Juni, Pathos).

In einem weiteren Theaterstück, „Cynthia“, spielt Dragking Alex Cameltoe die reale Geschichte eines It-Girls aus dem New York der Dreißigerjahre nach, das eigentlich eine Schaufensterpuppe aus Gips war, es aber in Opernkreise und aufs Vogue-Cover schaffte (10. Juni, Schwere Reiter). Und im Musical „König“ der gleichnamigen Berliner Performance-Schule geht es um zwei Brüder, die das fantastischste Musical aller Zeiten schreiben wollen (13. Juni).
So richtig „normale“ Drag-Shows findet man wenig, dafür aber das Cabaret der Hausherren „Kings of Munich“ um Ruby Tuesday und Perry Stroika in der speziellen „Identitätskrise-Edition“ (13. Juni, Pathos), die Show „On Our Wavelenth“, in der nur BiPoC-Flinta-Drags (schwarze oder indigene Personen und People of Colour) ihre ganz eigene Perspektive einbringen (11. Juni, Pathos). Oder einen Abend, an dem Drags das Rollenspiel „Dungeons and Dragons“ auf die Bühne bringen – improvisiert, die Würfel und das Publikum geben den Spielverlauf vor (12. Juni, Gasteig HP8).

Das wird ein Spaß! Aber eben nicht nur. Es muss auch geredet werden. Die gehbehinderte Performerin Mieze McCripple lädt zur Lipsync- und Spoken-Word-Peformancen mit Panel-Diskussion (13. Juni, NS-Dokuzentrum). Es gibt eine queere Museumsführung durch die „Krishna“-Ausstellung im Museum Fünf Kontinente (13. Juni), ein Gespräch zwischen Perry Stroika („zwischen Camp und Camping“) und dem Kunstvermittler Uli Ball in der Pinakothek der Moderne (11. Juni) und eine große Diskussionsrunde über „Queerfeindlichkeit und Rechtsextremismus“ im NS-Dokuzentrum (11. Juni).

Auch da wird es darum gehen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Der Titel „Go Drag!“ ist durchaus als Aufforderung oder Ermunterung zu verstehen. Wer so inspiriert selbst mit den Geschlechterrollen spielen möchte, bekommt von Alex Cameltoe Schmink-Tipps von „Augenbrauen blockieren“ bis „Farbkunde“ im Schwere Reiter (11. Juni), wo auch „The Wigdoctor“ Pinay Colada zeigt, wie man mit „einfachen Perücken einen ausdrucksstarken Look“ schafft (13. Juni), und beim Drag-Flohmarkt findet man den passenden Fummel für eigene Auftritte (14. Juni, Pathos): Ob schlagfertig oder schlagkräftig oder beides, Drag-sein ermächtigt alles zu sein, was man sein will.

