Doppelmord in Krailling:Stochern nach Beweisen

300 Polizisten haben im Umkreis des Tatorts nach Beweisen im grausamen Mord an den beiden Mädchen aus Krailling gesucht - bislang ohne Erfolg.

Christian Deussing und Stephan Handel

Besorgt sieht eine junge Frau beim Tanken in Gauting hinüber zur Wiese neben einem Gautinger Supermarkt, wo vier Polizisten die Grasbüschel absuchen. 20 Meter weiter bücken sich die Beamten in olivgrünen Uniformen am Straßenrand und prüfen jede Hecke und jeden Vorgarten. Ein Autofahrer aus München hält mit seiner Familie an und fragt den hochgewachsenen Bereitschaftspolizisten auf dem Gehweg: "Ist das wegen Krailling?"

Spurensuche im Doppelmord in Krailling

Spurensuche im Doppelmord in Krailling: Bereitschaftspolizisten durchsuchen in den Sträuchern nach Spuren.

(Foto: dapd)

Sicher, es geht um weitere Ermittlungen in dem Mordfall, der bundesweit Entsetzen hervorgerufen hat. 300 Polizisten haben am Montag an der Strecke zwischen dem Tatort in der Würmtalgemeinde und dem Peißenberger Wohnhaus des mutmaßlichen Doppelmörders Thomas S. nach weiteren Beweisen gesucht, die ihn überführen könnten. Das wären vor allem blutbefleckte Kleidungsstücke - entweder von ihm selbst oder von den Opfern, die der Täter auf der Wegfahrt vom Tatort entsorgt haben könnte. Denn der Mörder hat unzählige Male zugestochen und muss sich dabei besudelt haben, wie die Ermittler vermuten. Die elfjährige Sharon und ihre achtjährige Schwester Chiara wurden mit großer Gewalt umgebracht, mit einem Strick wurde das jüngere Mädchen auch gewürgt, vielleicht damit erdrosselt. Die Existenz des Stricks und die Wahrheit entsprechender Presseberichte vom Wochenende hat die Polizei mittlerweile bestätigt. Er sei "am Tatort aufgefunden" worden und werde zurzeit "spurentechnisch untersucht". Mehr sagten weder Polizei noch Staatsanwaltschaft dazu - mit Verweis auf die üblichen "ermittlungstaktischen Gründe". Dem Vernehmen nach soll sich zumindest Chiara noch gewehrt haben - womöglich gegen ihren Onkel aus Peißenberg, der einen tatrelevanten genetischen Fingerabdruck hinterlassen hat - und deshalb verhaftet worden ist.

"Wir suchen sehr gründlich die Straßenseiten und Böschungen ab", sagt Hubert Scharl, einer der Einsatzleiter. In kleinen Staffeln durchkämmen die Polizisten auch Gräben und Waldränder im Mühltal. "Wir gehen in Wurfentfernung hinein", sagt eine Beamtin, während sie mit ihrem Stecken weiter entlang der Staatsstraße stochert. Am nördlichen Ortsausgang Starnbergs sind zuvor sieben Polizeifahrzeuge mit 25 Beamten eingetroffen. Das bewaldete Mühltal bot dem mutmaßlichen Doppelmörder womöglich die besten Chancen, sich blutverschmutzter Kleidung zu entledigen. Bestätigt ist jedenfalls, dass Thomas S., der Postbote, seinen Dienst am Donnerstag, 24. März, in seinem Feldafinger Bezirk absolviert hat - also wenige Stunden nach dem Mordgeschehen in Krailling. Der Onkel von Sharon und Chiara ließ sich Tage später entschuldigen, er nahm nicht an der Trauerfeier in München und an der Bestattung auf dem Gräfelfinger Friedhof teil. Der 50-jährige Familienvater soll sich krankgemeldet haben.

Bis zum frühen Montagabend war die Suchaktion abgeschlossen. Gefunden habe man nichts, teilte die Münchner Oberstaatsanwältin Andrea Titz mit. Das Vorgehen der Polizei hat Verfahrensbeobachter am Montag dennoch aufhorchen lassen. Denn die abgesuchte Route war erstaunlich exakt; sie wirkt nicht wie ein zufällig zustande gekommener Plan. Von Krailling arbeiteten sich die Polizisten nach Gauting vor, dann weiter nach Petersbrunn, nach Starnberg, Possenhofen, schließlich nach Feldafing. Dort arbeitete Thomas S. Anschließend wollten die Polizisten weiter an der Strecke nach Traubing suchen, dann nach Pähl, Weilheim und schließlich Peißenberg, wo Thomas S. wohnt. Eine Strecke von insgesamt 55 Kilometern, die in etwa 45 Minuten mit dem Auto zu schaffen ist. "Dies entspricht dem Fahrtweg des Tatverdächtigen vom Tatort zu seiner Arbeitsstelle sowie von dieser zum Wohnort", heißt es im Polizeibericht.

Es wären aber durchaus auch andere Wege denkbar, um von Krailling nach Feldafing und von dort nach Peißenberg zu gelangen. Ob die Polizei bei ihrer Suchaktion nur den ihrer Meinung nach wahrscheinlichsten Weg angenommen hat oder ob öffentlich bislang noch nicht bekannte Tatsachen zu genau dieser Route führten, war am Montag nicht zu erfahren.

© SZ vom 12.04.2011
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB