bedeckt München

Doppel-Hochhausprojekt am Münchner Hirschgarten:Zwei lichte Türme - und viel zu viel Schatten

SZ-Leser stören sich an den allzu gefälligen Simulationen, die über wesentliche Nachteile der geplanten Bauten hinwegtäuschen

Wie interessant sind vertikale Elemente im Münchner Stadtbild? Bei Hochhäusern gehen die Meinungen da auseinander.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

"Höchst umstritten" und die Kommentare "Ein Ja zum Hier und Jetzt" sowie "Ein zu simpler Effekt" vom 13. November sowie Leserbriefe "Die Bochumisierung an der Paketposthalle" vom 18. November:

Sonnenfinsternis für Viele

Bei der Diskussion um den geplanten Bau der 155 Meter hohen Türme neben der Paketposthalle wurde ein für die Nachbarn wichtiges Kriterium nicht gewürdigt: der Schattenwurf. Die beiden Türme stehen ausgerechnet im Süden der großen Wohngebiete von Neuhausen und beschatten die erst gerade neu gebauten Wohnungen und Solaranlagen zwischen der Paketposthalle und der Arnulfstraße.

Als Landschaftsarchitekt musste ich in Bonn für den Posttower am Rande der Rheinaue im Zusammenhang mit unserer Planung für die Freianlagen einen Schattenplan zeichnen. Der Posttower hat ungefähr die gleiche Höhe wie die beiden geplanten Türme. Der Schattenwurf wurde für morgens, mittags und abends jeweils für die Jahreszeiten Winter, Frühjahr-Herbst und Sommer konstruiert.

Übertragen auf die beiden Türme und deren Lage zum Wohngebiet ergeben sich folgende Schattenbilder: Im Frühling beziehungsweise im Herbst reicht der Vollschatten mittags bis zu 200 Meter, am Vormittag bei aufgehender Sonne und am Nachmittag bei untergehender Sonne bis zu 330 Meter in das direkt anschließende Wohngebiet. Im Winter reicht der Schatten mittags bis zu 600 Meter, am Vormittag bei aufgehender Sonne und am Nachmittag bei untergehender Sonne bis zu 1700 Meter auch in weiter entfernte Wohngebiete.

Durch die Addition und Überschneidung der beiden Türme ergibt sich zusätzlich eine noch längere Zeit der Beschattung. Es dauert mindestens eine Stunde, bis die Sonne wieder hinter den Türmen hervorkommt. Eine Stunde Schatten ist im Sommer nicht erfreulich, aber kein Problem. Im Herbst und dem Winter zu werden die Schatten immer länger und breiter - in den Wohnbereichen, den Straßen und im öffentlichen Raum. In manchen Lagen bedeutet das: zwei bis drei Monate keine Sonne! Für Wohnungen, die nur Fenster nach Osten oder Westen haben, wird dadurch in den Monaten von Oktober bis April für längere Zeit die letzte Möglichkeit der Belichtung genommen. Es geht eben dabei nicht nur um zehn Minuten, wie es verharmlosend dargestellt wird. Meiner Meinung nach ist es nicht verantwortbar, dass man bestehende Wohnungen und Solaranlagen in einem dicht bebauten Wohngebiet zusätzlich durch den Bau zweier Türme im Süden mit einer täglichen "Sonnenfinsternis" belastet. Die Betroffenen können sich nicht dagegen wehren. Gottfried Hansjakob, München

Gutes Design, schlechter Verkehr

Auch bei kritischer Betrachtung besticht der vorgelegte Entwurf durch sein kreatives und raffiniertes Design, welches die Hochbauten grazil und leicht erscheinen lässt. Und auch die damit verbundene Aufwertung des Münchner Westens durch dieses moderne und direkt weltstädtische Eingangsportal kann durchaus beeindrucken. Doch was bei der ganzen Planung bisher zu kurz kommt, ist ein adäquates Straßen-Verkehrskonzept. Schon jetzt gibt es mit dem neuen Quartier am Hirschgarten grenzwertige Überlastungen naher Verkehrswege. Und dies wird mit der massiven Nutzung der neuen Hochhäuser sicherlich noch ausgeprägter. Daher ist in diesem Bereich eine ausgeklügelte Planung für die Verkehrsableitung erforderlich. Dabei sollte vermieden werden, Straßen durch das Opfern von Parkplätzen zu verbreitern. Wie zum Beispiel geplant für den fragwürdigen Umbau der Wendel-Dietrich-Straße vor dem Rotkreuzplatz. Dort (und anderswo) könnten auch spezielle Änderungen an den Signalsteuerungen den Verkehrsfluss besser steuern. Werner Böning, München

Irreführende Simulation

Die Darstellung der beiden geplanten, 155 Meter hohen Türme auf dem Gelände der ehemaligen Paketposthalle ist eine bewusste optische Täuschung. Sie verschwimmen dezent graublau in einem ebensolchen Himmel. Tatsächlich haben derartige Stahl-Glas-Gebäude jedoch harte Konturen. Glas ist vor allem bei Sonnenlicht von außen betrachtet nicht durchsichtig, sondern dunkel. Einen ähnlichen Trick hat das Architekturbüro Herzog & De Meuron bereits im Fall der Elbphilharmonie Hamburg angewandt: Der massive Kasten mit wogendem Dach wurde als aus sich heraus leuchtender Baukörper "bei Nacht" dargestellt. Dass er bei Tageslicht duster ist, verschwiegen die Architekten des Skandalbaus. Ähnlich gingen sie bei der "Scheune" neben der Nationalgalerie Berlin vor. In beiden Fällen erwiesen sich ihre Baukostenschätzungen als um Dimensionen zu tief gegriffen, was nicht vollständig ihnen zuzurechnen ist, aber doch zu einem nennenswerten Teil.

Man mag weitere Hochhäuser in der Münchner Stadtsilhouette für passend oder unpassend halten. Durch Animationen der Architekten täuschen sollte man sich allerdings nicht lassen. Dr.-Ing. Reinhold Gütter, Hamburg

Baseler Doublette

Als Münchnerin schon viele Jahre in Basel lebend, beschäftigen mich mehr oder weniger beide Städte/Länder kulturell, politisch und eben auch architektonisch. Als ich das Projekt Paketposthalle in der SZ gesehen habe, musste ich sofort an die in Basel schon fast fertiggestellten Hochhäuser im Areal der Firma Roche der gleichen Architekten Herzog & de Meuron denken. Sie drücken in den zahlreichen schon fertig gestellten Projekten der Stadt Basel, der Heimatstadt der Architekten, ihren Stempel auf: Sie gefallen mir zum Teil sehr gut, zum Teil auch weniger, was ja normal ist.

In München haben die beiden ebenfalls schon etliche (Groß-)Projekte umgesetzt. Für mich sind die fast gleichen Hochhausprojekte eine Art Duplikat, eine Arbeitsersparnis, da für die Architekten die Vorgehensweise und Problematik (etwa Schattenbildung!) schon lang und breit in Basel durchdiskutiert wurde. Ich hoffe, dass München den sogenannten Stararchitekten nicht den Zuschlag zur Umsetzung dieser Hochhäuser geben wird, sondern dass andere, interessante, vielleicht auch jüngere Architekten eine Chance bekommen und dadurch keine zweite "Herzog & de Meuron-Stadt" entsteht. Hilde Mayr, Basel

Hinweis

Leserbriefe stellen keine redaktionelle Meinungsäußerung dar, dürfen gekürzt und digital veröffentlicht werden unter Angabe von Name und Wohnort. Bitte geben Sie Adresse und Telefonnummer an. Kontakt per E-Mail unter forum-region@sueddeutsche.de

© SZ vom 23.11.2020
Zur SZ-Startseite