Das goldglänzende Cover der Jubiläumsausgabe ist fast zu schön, um es durch den Sand zu ziehen. Das aber wird wohl dem einen oder anderen Büchlein blühen. Denn rechtzeitig zum bayerischen Sommerferienanfang kommt die 600. Ausgabe der Walt-Disney-Reihe „Das lustige Taschenbuch“ (LTB) auf den Markt. Pardauz! Deutschland sei weltweit das Land, in dem die meisten dieser Pocket-Bücher erscheinen, sagt LTB-Verleger Jörg Risken von Egmont Ehapa Media. Mit Sonderausgaben und Themenbänden 65 deutschsprachige Bände jährlich. Insgesamt werden jedes Jahr mehr als 3,5 Millionen LTB-Ausgaben verkauft. Friederike Dopheide und Uwe Wulz gehören zur großen Fangemeinde von Donald Duck und Co. Es sind die Geschichten, aber auch die Figuren, die die beiden faszinieren. Sie hatten ihr eigenes Jubiläum schon im vergangenen Jahr. Seit 31 Jahren kennt man sie nur als Künstlerpaar „Friederike & Uwe“. Ihre teils großformatigen Ministeck-Bilder und Deckel-Skulpturen sind ebenfalls Sammlerobjekte. Zum Treffen in ihrem Münchner Atelier hat Friederike, 56, eine abgegriffene Plüsch-Micky-Maus und alte Sammelbände dabei und Uwe, 59, bringt Super-8-Filme von Donald Duck mit.
SZ: Was ist so faszinierend an Donald Duck, dem ewigen Pechvogel?
Friederike Dopheide: Er ist ja auch ein Träumer und Fantast. Er versucht sich in unzähligen Berufen und scheitert, er wird tyrannisiert von seinem reichen Onkel Dagobert, aber er ist unermüdlich. Er geht jedes neue Projekt mit unglaublichem Enthusiasmus an, übertreibt es dann oft so sehr, dass es nur in einem Fiasko enden kann. Ihm dabei zuzuschauen ist lustig.
Uwe Wulz: Donald Duck ist wie hinfallen, aufstehen, Mütze richten.
Die Ente als Mensch begeistert seit mehr als 90 Jahren. Irgendwie eigenartig, oder?
Dopheide: Donald Duck hat so viel Lebensfreude, das macht Spaß, das ist Teil seines Erfolgs. Dieses entenmenschliche Universum, in dem er sich bewegt, ist wie eine Parallelwelt, in die wir uns gut reinfühlen können.

Donald ist kein muskelbepackter Superheld. Ist er eher eine Identitätsfigur für Menschen, bei denen es im Leben nicht immer glattläuft?
Dopheide: Misserfolge und die Widrigkeiten des Alltags kennt doch jeder. Fans von Superhelden sind im echten Leben ja auch keine Superhelden.
Wer gefällt Ihnen noch aus dem Entenhausener Universum?
Wulz: Daniel Düsentrieb und seine Erfindungen.
Dopheide: Zum Beispiel den nicht klebenden Klebstoff. Immer wenn ich so einen Klebstift in der Hand halte, denke ich mir: Der muss von Daniel Düsentrieb sein. Auch hier ist das Lustige das Unperfekte, das Scheitern. Das Erfinden von etwas, das keiner braucht.
Wann begann Ihre Liebe zu Comics?
Dopheide: Lang, bevor ich lesen konnte. Ich bin 1968 geboren. Die „Lustigen Taschenbücher“ gibt es seit 1967, die Micky-Maus-Hefte und die „Tollsten Geschichten von Donald Duck“-Hefte sind noch etwas älter. Bei uns lagen diese Dinger überall zu Hause rum. Ich bekam alles, was damals der deutsche Comic-Markt hergab: auch Asterix, Lucky Luke, Tim und Struppi, was im Vergleich zu heute noch relativ wenig war. Die frühen „Lustigen Taschenbücher“ waren nicht durchgängig farbig gedruckt und ich habe mit Farbstiften die Bilder ausgemalt. Für Sammler heute natürlich ein Horror.
Wulz: In meiner Kindheit hatte ich nicht so viele Comics, ich musste eher darum betteln. Ich habe mir aus Fernsehzeitschriften die kurzen Comicstrips ausgeschnitten. Mein Interesse wuchs erst später über die Figuren, das ganze Merchandising - und die Filme. Ich fand die überdrehte Donald-Stimme, dieses schnelle Entengebrabbel großartig.
Wenige Kinder hatten damals Comic-begeisterte Eltern.
Dopheide: Das war vor allem mein Vater, meine Mutter kam damit nie so richtig klar. Damals galten Comics in Deutschland ja eher als Schund. Mein Vater, der Deutschlehrer am Gymnasium war und Doktor der Philosophie, sah das aber anders. Bevor es die Lustigen Taschenbücher in Deutschland gab, hatte es ja schon die Geschichten von Carl Barks in den Sonderheften gegeben. Von ihm wusste man lange Zeit nichts, denn Disney hat die Namen der Zeichner früher nicht veröffentlicht. Diese Barks-Geschichten hat dann die wunderbare, vielseitig gebildete Erika Fuchs übersetzt. Frei mit Schillerzitaten und Wortschöpfungen wie Blubberlutsch für Limonade und so was.
Wulz: Es gibt ja Stimmen, die sagen, die Übersetzungen von Erika Fuchs waren besser als das Original.
Dopheide: Das Ärgernis bei den frühen Micky-Maus-Heften aber waren die Fortsetzungsgeschichten. Man hatte eigentlich kaum eine Chance, jemals den nachfolgenden Teil zu erwischen. Schon gar nicht als Kind, weil man sie sich ja nicht selbst kaufen konnte. Das war sehr frustrierend.
Vielleicht eine Voraussetzung oder ein Trigger, um später ein selbstbestimmter Sammler zu werden?
Wulz: Interessanter Gedanke.
Dopheide: Bei mir hat es eher das Gegenteil bewirkt. Da kauft man sich später dann lieber die Hefte oder Bücher, in denen abgeschlossene Geschichten drinstehen. Ich glaube, das ist überhaupt das Geheimnis des Erfolgs der Lustigen Taschenbücher. Kein Urlaub, keine längere Autofahrt ohne diese Bände. Die haben wir in der Familie gelesen, bis sie auseinanderfielen.
Von den 13 regulären Ausgaben der Lustigen Taschenbücher werden im deutschsprachigen Raum jährlich deutlich mehr als 1,5 Millionen Exemplare verkauft. Trotz Instagram und Tiktok.
Dopheide: Die Konkurrenz ist groß, keine Frage, aber ich glaube, die Comic-Geschichten können mithalten. Sie haben sich dem Alltag angepasst und bilden die aktuelle Lebenswirklichkeit ab. Heute gibt es auch Handys und Internet in Entenhausen, wäre ja komisch, wenn es nicht so wäre. Ich persönlich lese aber lieber die alten Geschichten. Für mich sind sie absolut zeitlos.
Weil sie weniger vom Zeitgeist, eher vom menschlichen Wahnsinn erzählen?
Dopheide: Weil vieles einfach immer noch gilt. Mir fällt da spontan eine Geschichte ein, die in Venedig spielt. Donald hetzt immer seiner Reisegruppe hinterher, ist immer ein paar Sekunden zu spät. So geht’s in zehn Tagen durch Europa. Das nimmt den heutigen Overtourism vorweg, ohne Selfies natürlich.
Wulz: In den Geschichten ging und geht es eigentlich stets um die sieben Todsünden der Menschheit.
Dopheide: Steile These. Aber ja, die Habgier ist ganz klar verkörpert durch Dagobert Duck, der den Hals nicht voll kriegt. Die Faulheit durch Donald, der eigentlich am liebsten träge in der Hängematte liegt, aber auch wahnsinnig zornig werden kann. Oder Franz Gans, eher eine Nebenfigur, der immer nur am Essen und Schlafen ist. Und Daisy, die Hochmütige. Nur, Entschuldigung, Uwe, die Wolllust fehlt. Die Disney-Hefte waren ja immer absolut kindgerecht oder was man dafür hielt. Also richtig prüde. Das geht so weit, dass Daisy oder Minnie keine Brüste haben. Kleine Erhebungen mussten wegretuschiert werden.
Wulz: Wie die Fortpflanzung in Entenhausen funktioniert, weiß keiner so genau. Man spricht auch von der Veronkelung in Entenhausen.
Dopheide: Es gibt zwar Onkel, Tanten, Neffen, Cousinen, mit Tick, Trick und Track auch Geschwister, aber keine Eltern-Kind-Beziehungen.

Was mögen Sie an Mickey Mouse, auf Deutsch Micky Maus, der ja älter ist als Donald?
Dopheide: Ich mag besonders den alten, der erste war ja 1928 Steamboat-Mickey. Anfangs war er frech und aufmüpfig, leider wurde er mit der Zeit immer braver, spießiger und moralischer, auch ein bisschen naseweis und besserwisserisch. Disney hat ihm dann als Gegenpart Donald gegeben. Der hatte seinen ersten Filmauftritt 1934, damals noch mit spitzem Schnabel.
Es ist ein gigantisches Business daraus geworden, mit Themenparks und einer riesigen Merchandising-Welt. Warum funktioniert das so gut?
Wulz: Es ist die spezielle Ästhetik, diese Popkultur, die in den Figuren steckt, die plötzlich dreidimensional wurden. Jede Figur erkennt man sofort an ihrer Silhouette. Diese Wiedererkennbarkeit macht sie für mich sammelwürdig. Es gibt sie in zig Variationen, immer wieder anders, aber sofort erkennbar. Das finde ich faszinierend.
Die Lustigen Taschenbücher haben bedruckte Rücken, die hintereinander gestellt eine dekorative Front ergeben. Ein Grund mehr, sie zu kaufen?
Wulz: Das ist das Bravo-Starschnitt-Prinzip, ein Marketing-Kniff. Bei den Comic-Heften waren es die Fortsetzungsgeschichten, bei den Lustigen Taschenbüchern sind es die Buchrücken.
Dopheide: Das hat mich nie interessiert. Mir geht es um den Inhalt der Hefte. Das ist ja gerade das Interessante an den Lustigen Taschenbüchern, dass sie abgeschlossene Geschichten haben. Ich bin eine Gebrauchssammlerin, ich möchte die Geschichten lesen. Für mich ist die Verbindung von Text und Bild eine ganz eigene schöne Kunstform, ich ziehe da großen ästhetischen Genuss raus.
Nun, es gibt ja verschiedenste Gründe, warum Menschen sammeln.
Wulz: Es ist ein menschlicher Urtrieb, wie das Jagen. Das steckt in uns drin. Ich sammle ganz vieles. Seit 15 Jahren habe ich einen kleinen Laden für Sammler in der Dachauer Straße. Dort gibt es Disney-Figuren, altes Blechspielzeug und andere Figuren. Ich sammle auch Super-8-Filme, und da stößt man auch auf herrliche Donald-Filme. Ich habe auch noch die passenden Projektoren dafür.
Dopheide: Als Sammler braucht man ein bisschen Platz und Geduld, dann beginnt man, sich mit der Materie auseinanderzusetzen und fragt sich, was gibt es alles und was fehlt noch. Man setzt sich inhaltlich mit dem Thema auseinander, es macht einem Freude und über kurz oder lang wird man zu einem Spezialisten auf seinem Gebiet.

Sie arbeiten seit 31 Jahren als das Künstlerduo „Friederike & Uwe“. Das beweist eine Beharrlichkeit, wie man sie auch als Sammler braucht.
Dopheide: Die Farbigkeit, die Poppigkeit, die Fröhlichkeit unserer Arbeiten ähnelt den Figuren aus Entenhausen. Und natürlich die Tatsache, dass wir immer weitermachen.
Wulz: Wir arbeiten hauptsächlich mit Kunststoffen, machen Pixel-Bilder und Skulpturen aus Flaschendeckeln, Putzschwämmen und Ministeck. Das Ministeck-Material gibt es übrigens seit 1965, es begleitet uns seit der Kindheit - wie die Disney-Comics.
Die Deckel der Plastikflaschen haben sich nach EU-Vorgabe schon verändert. Geht Ihnen irgendwann das Ministeck aus?
Dopheide: Wir horten noch Material im Keller. Wir sind ja Sammler.

