Pop:Ein Cowboy hat den Punk

Lesezeit: 3 min

Diesmal im blauen Anzug: Don Marco hat keine Lust, die Bühne in Straßenklamotten zu betreten. (Foto: Tibor Bozi)

Don Marco & Die kleine Freiheit sprudeln auf ihrem zweiten Album vor Ideen über.

Von Christian Jooß-Bernau, München

Die Laune ist hundsmiserabel: "Was soll'n wir machen, wenn's nicht mehr weitergeht? Bis zur Rente ist's noch weit." Fröhlich bounced der Off-Beat. Diese Stimme aber, sie hat den Soul der Querulanten, ein angefressen nörgelndes Timbre mit dem Ziel, ritzeratze, an den Nerven zu sägen. Nicht verdrießen hingegen lässt sich die E-Gitarre, die in ihrem kleinen Wah-Wah-Solo mit dem Popo wackelt. Auf dem Cover seines neuen Doppel-Albums sieht man Don Marco am Tisch. Vor Holzwänden. Ein Stickbild im Hintergrund. Teakholzgartenmöbel ins Eck weggeklappt. Mit edelgrauem Stetson und blauem, besticktem Anzug wirkt er wie durch ein Zeitloch aus der Grand Ole Opry in Nashville gefallen. Sitzt da wie bestellt und nicht abgeholt, den Kopf in die Hand gestützt, mit einer Miene elitär-eleganter Verdrießlichkeit.

"Ewig und drei Tage" heißt das Album, so steht es auch auf dem Tischchen vor Don Marco, der in einem anderen Leben Markus Naegele heißt und einem beispielsweise mit einem Weizen in der Hand gegenüber sitzt und mit sanft sympathischer Stimme erzählt, wie es dazu kam, dass er sich jetzt schon auf einem zweiten Album als Cowboy from outer space präsentiert. Naegele war mal Sänger und Gitarrist der Band Fuck Yeah , die ab 2016 einer recht netten Karriere entgegensegelten, um dann doch abzusaufen. Sein Geld verdient Naegele als Verlagsleiter bei Heyne Hardcore. So weit vom Pop ist das oft gar nicht. Unlängst erschien hier "Wie schreibe ich einen Song" von Jeff Tweedy, Chef der hochfeinen Band Wilco. Übersetzt hat das Buch Philip Bradatsch. Was in diesem Zusammenhang auch deswegen interessant ist, weil Bradatsch eigentlich selber Musiker ist und als solcher die Gitarren auf dem neuen Album für seinen Kumpel Don Marco gespielt hat.

Es war einmal, da sah Naegele auf der Bühne des Feierwerk den von vielen zu Recht verehrten Kevin Morby in einem tollen bunten Anzug. Und er begriff, dass es Sinn macht, sich nicht in Straßenklamotten auf die Bühne zu stellen. Nein, die Konzertbühne ist ein Ort, auf dem eine neue Figur erstehen kann. In diesem Fall trägt sie einen Cowboyhut, den sich ihr Schöpfer bei einem Besuch bei dem Autor James Lee Burke in Amerika kaufte und einen Nudie Suit, diesmal einen blauen. Es ist ein Outfit, das befreit: von der Existenz als Verleger einerseits. In seiner retro-phantastischen Anmutung andererseits auch davon, sich auf Sound und Genre festlegen zu müssen. Erstmal einfach Kopfsprung ins Unbekannte. Das erste Album fragte im Titel ganz ohne Fragezeichen "Gehst Du mit mir unter". Und dass das Live-Publikum diesem verlockenden Angebot widerstehen musste, lag an dem Virus, das Musikliebhaber in Videostreams zwang. Unverdrossen und getragen von einer Förderung der Initiative Musik der Bundesregierung machte sich Don Marco darauf an ein unverschämt hemmungsloses Doppelalbum, das in seiner Vinylversion schwer in der Hand liegt. Wenn schon verausgaben, dann wollte er sich zur CD auch die Plattenversion als Liebhaberprojekt leisten.

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Das Geld investierte er außerdem in Studiozeit bei Bonifaz Prexl in Niederding und in gute Freunde, auch solche, die das, was der Don als liebste Nebenbeschäftigung betreibt, zum Beruf gemacht haben. Neben Bradatsch sind das beispielsweise Maria del Val am Schlagzeug, Maxi Pongratz am Akkordeon, Bassist Tim Jürgens, Teresa Staffler an den Keyboards, Gitarrist Kevin Ippisch und Swans-Gitarrist Kristof Hahn, der hier auch mit seinem ganz eigenwilligen Lapsteel-Spiel durchdringt. Seine Bühnenzukunft plant Don Marco allerdings budgetsparend reduziert und probt mit Titus Waldenfels, der als Multinstrumentalist schon seit längerem beweist, dass er mehrere Musiker in einem ist.

Das zweite Album ist in Teilen noch ein Eck punkiger und grellbunter geworden. "Fahrscheinkontrolleur" ist eine Nummer für alle Schwarzfahrer aus Leidenschaft. Der Sound ist derart entbeint, dass einem der sägende Moog von Bonifaz Prexl wahrhaft in die Knochen fährt: "Fahrscheinkontrolleur / Ich hab nichts gegen dich / Gehst Du gern in die Disco / Wovon träumst Du eigentlich?" Und setzt die weit nach hinten gemischte Gitarre ein, ist es als spränge Johnny Ramone in die Grätsche. Dreht man die Plattenseite um, randaliert der Don "Ich geh auf dem Zahnfleisch" - klassischer One-two-three-four-Punk, bis auf die kleine Background-Chor-Überraschung. Die ist es auch, die "Boden der Tatsachen" zu einem schwebenden Lo-Fi-Poptraum macht, der als Rhythmus auf die delikate Mischung von Drummachine und analogen Congas setzt.

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Dass das Album trotz der Ideenflut und dem Versuch, die ganze Musikliebe des Don Marco irgendwie zu vereinen, zu einem konsistenten Sound gefunden hat, ist möglicherweise auch dem engen Budget zu verdanken. Die Basisaufnahmen nämlich haben sie in drei Tagen eingespielt. Dann noch ein paar Overdubs. Vom ersten Album war auch noch ein bisschen Material übrig. Die rasante Fertigung hat sich im Flow des Albums niedergeschlagen und hat es möglicherweise auch einfacher gemacht, sich ohne große Umschweife in neue Sounds zu stürzen: "Ich wollte raus aus diesem klassischen Indie-Rock-Roots-Ding", sagt Naegele. So hat er ausgemistet. Aufgenommene Spuren wieder rausgenommen. Er liebt Spoon, die amerikanische Band, die zeigt, wie man Songs sexy skelettieren kann. Und so bekommt auch die Coverversion von Bob Dylans "I Want You" eine Drummachine verpasst, die den Song mit spieldosenhafter Anmut vor sich hin zockeln lässt, bevor mit dezent getupftem Background-Gesang Sehnsuchts-Feeling durch den kargen Rhythmus weht wie Sommerwind.

Don Marco & Die Kleine Freiheit, Freitag, 17. Juni, 16.30 Uhr Tollwood, Hacker-Pschorr Brettl

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