Ende gut, alles gut, möchte die Inszenierung von Wolfgang Amadé Mozarts „Don Giovanni“ in der Reaktorhalle durch Doris Sophia Heinrichsen mit Studierenden der Musikhochschule sicher nicht sagen; aber was bedeutet es dann, wenn dieser Don zum finalen Sextett nach seinem letalen Ende, in dem alle froh sind, ihn losgeworden zu sein, wieder auf(er)steht und alle sich wechselseitig umarmen?
Schon kurz zuvor hat Heinrichsen die „Oper aller Opern“ (E.T.A. Hoffmann) ein wenig gegen den Strich gebürstet. Da zeigte sie Don Giovanni nicht bei einem üppigen Mahl samt erlesenem Wein, sondern wie er in der Bar namens Casanova, in der hier alles spielt (Bühne: Jens Hübner), Chips, Erdnüsse und eine undefinierbare Masse in kleinen Gläschen (Kaviar?) in sich hineinfrißt, während sein Diener Leporello sich in seinem Sessel unter einem Kissen hinwegwünscht.
Da war doch einiges an theatraler Spannung und dem Gefälle zwischen Diener und Herr verschenkt und gegen den Text inszeniert, während Heinrichsen ansonsten die Szenen mit den Studierenden genau erarbeitet hat. Alles spielt hier und heute, was schon die geschmackvollen, schönen Kostüme (Claudia Karpfinger, Katharina Schmidt) zeigen wie auch die Nutzung von Laptop (für Leporellos Registerarie) und Handy.
Einen großen Kontrast galt es freilich den ganzen Abend auszuhalten, denn der mannigfaltigen sexualisierten Gewalt, der hier alle Frauen ausgesetzt sind - ein Thema, das die Hochschule schon ganz real und prominent beschäftigt hat - , steht ein „Verführer“ gegenüber, der akkurat gescheitelt und mit Trenchcoat über weißem Rollkragenpulli (mal mit, mal ohne Sonnenbrille) eher wie der nette Schwiegersohn von nebenan aussieht, denn als Sexsüchtiger auftritt, der nur auf den nächsten Kick wartet.
Johannes Eder ist dieser Don Giovanni und er singt ihn prägnanter und auch erotischer, als er ihn spielt. Nicht zuletzt gelingt ihm seine große Champagner-Arie genauso gut wie das zarte Ständchen und auch in den Rezitativen erfüllt er (fast) alle Erwartungen.

Ansonsten haben an diesem Abend, der ersten von zwei Premieren mit zwei verschiedenen Besetzungen, die Frauen die Nase vorn: Anna Krikheli etwa bleibt der Donna Anna in ihren großen, tief nach innen wie außen lotenden Arien nichts schuldig, singt mit enormer Intensität und schmerzerfüllter Schönheit, spielt dazu noch überzeugend; wie auch Maria van Hoof als Donna Elvira, der in ihrer nicht nachlassenden Liebe am meisten und grausamsten getäuschten Frau. Ihr bereits wunderbar ausgereifter Mezzo glüht geradezu vor Sehnsucht und Hingabe, aber vermag genauso zornentflammt zu irrlichtern. Olga Surikova hat schon die rechte lyrisch gehaltvolle Stimme für Zerlina, das Bauernmädchen, das nicht nur in ihren Arien den Bräutigam Masetto mit wunderbar unschuldigem Singen befrieden möchte, sondern auch im Duett mit Don Giovanni den Zwiespalt, in dem Zerlina gefangen ist, und ihre leichte Verführbarkeit wunderbar leuchten lässt.

Dagegen bleibt Johannes Domke als ihr Masetto ein wenig blass, auch wenn er sich bemüht, dem gar nicht so einfältigen Tölpel entsprechende Aura und Nachdruck zu geben. Ähnlich Justus Rüll als Don Ottavio, der in den Rezitativen sehr zurückhaltend bleibt, in seiner großen Arie „Il mio tesoro“ aber zeigen kann, was er an Stimmschönheit und Ausdruck eigentlich zu bieten hat. Ebenso steigert sich Tatsuki Sakamoto als Leporello, der erst allmählich seine Fähigkeit zum prägnanten Spiel und seinen kernigen Bariton deutlich zu nutzen vermag.
Bleibt Luis Weidlich als Komtur, der hier leider bei seinem großen, bassgewaltigen Auftritt gleichzeitig die Bar aufräumen muss und so die Brisanz der Szene bis zum Tod Giovannis, rückwärts die Treppe herunterrutschend, einzig Mozarts Musik zeigen kann.
Die war beim etwa 30-köpfigen Orchester der Hochschule für Musik und Theater unter Giuseppe Montesano, das auf der Hinterbühne platziert war, gut aufgehoben, selbst wenn man sich bei aller Präzision und Ausdruckskraft manchmal noch etwas mehr Spannung und Tempo gewünscht hätte.
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