bedeckt München 20°

Dokumentarfilm:Kleine Nervensäge mit großer Geschichte

In "Chichinette" erzählt eine französische Jüdin von ihrer Zeit als Spionin.

Von Anke Sterneborg

"Engagiert Euch! Befolgt keine Befehle, die ihr nicht mit Eurem Gewissen vereinbaren könnt!" Das ist der Rat, den Marthe Cohn ihren jungen Zuhörern gibt. Sie ist nicht einfach nur Holocaust-Überlebende, mit ihrem perfekten Deutsch kundschaftete sie als Agentin für den französischen Geheimdienst die Stimmung in Deutschland aus und die Truppenbewegungen an der Front. Über all das, was sie während des Zweiten Weltkriegs erlebt hat, als Jüdin in Frankreich, der Schweiz und Deutschland, hat sie 60 Jahre geschwiegen. Noch nicht einmal ihr Mann wusste davon, er hat scheinbar aber auch nicht gefragt. Erst als sie von Steven Spielbergs Shoah Foundation angesprochen wurde, begriff sie, wie wichtig es ist, diese Geschichten zu erzählen. Mehr als 1000 Vorträge hat sie weltweit gehalten.

"Chichinette"

Im April wurde sie 100 Jahre alt, erst im hohen Alter fing Marthe Cohn alias Chichinette zum Erzählen an.

(Foto: missingFILMs)

Mit fast 100 Jahren absolviert sie einen Terminkalender, der viele Jüngere überfordern würde, letzte Woche Wisconsin, dann mit dem Zug nach San Francisco, am Mittwoch mit dem Flugzeug nach London. In ihrem ersten langen Dokumentarfilm hat Nicola Hens sie und ihren Mann auf ihren Reisen als Botschafterin gegen das Vergessen begleitet und reist mit ihnen auch an die Orte der Vergangenheit: die Kindheit in Metz, die Besatzungszeit in Marseille, ins befreite Paris und nach Deutschland, wo sie als Krankenschwester getarnt spionierte. Visuell werden die Erzählungen durch dezente Animationen und Fotos lebendig.

"Chichinette" nannten die Franzosen sie damals, "kleine Nervensäge". Und wenn man in ihre lebendigen Gesichtszüge schaut, den Schalk in ihren Augen und den Witz auf ihrer Zunge erlebt, kann man sich kaum vorstellen, dass sie damals noch umtriebiger gewesen sein soll. Diese Ausstrahlung macht sie zu einer mitreißenden Kinoheldin.

Chichinette, Regie: Nicola Hens, der Film läuft im Nürnberger Casablanca Kino und voraussichtlich ab 24. September im Münchner Werkstattkino

© SZ vom 16.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite