Dok-Fest München:Zurück ins Kino

Das Dok-Fest zieht Bilanz und überrascht am Ende alle

Von Bernhard Blöchl

Man sah das stolze Lächeln des Filmteams bei der Eröffnung im leeren Deutschen Theater, man sah die Euphorie der Preisträger im Stream, aber die glücklichsten Gesichter, die sah man ganz am Ende. In echt. Am vorletzten Tag des 36. Dok-Fests geschah, womit keiner mehr gerechnet hatte: Die Partnerkinos schlossen auf. Der Gewinner des Publikumspreises, das dänische Familienporträt "He's My Brother" (Regie: Cille Hannibal und Christine Hanberg), konnte so auf großer Leinwand gezeigt werden. Im City, im Rio, im Neuen Maxim. "Das war schon ein emotionaler Moment", erzählt Dok-Fest-Chef Daniel Sponsel. "Plötzlich wieder im Saal die Reaktionen des Publikums zu erleben, total berührend!" Mit diesem Höhepunkt hat das Filmfestival, das wie schon 2020 als Digital-Edition stattfand, ein überraschendes Ende gefunden. Eines, das optimistisch in die Zukunft weist. Zurück in die Kinos.

Der Großteil ging freilich auf den Laptops der Besucher über die Bühne. 131 Dokumentarfilme aus 43 Ländern standen zweieinhalb Wochen lang als Stream zur Verfügung. Es gab Preisverleihungen und Filmgespräche (live oder aufgezeichnet), die Branchen- und Bildungssegmente "Dok-Forum" und "Dok-Education" und Austausch via Chat. Die Erfahrung aus dem Vorjahr zahlte sich aus, und von einer Stream-Müdigkeit kann nur bedingt die Rede sein. Zwar zählten die Veranstalter weniger Zuschauer als 2020: knapp 71 000 im Vergleich zu mehr als 75 000. Das Minus hält sich aber in Grenzen (und keiner weiß, wie viele Menschen tatsächlich vor den Bildschirmen saßen). "Wir haben es geschafft, das Publikum trotz des überbordenden Kultur-Angebots im Netz zu erreichen", sagt Sponsel. "Gerade vor diesem Hintergrund ziehen wir ein äußerst positives Resümee der zweiten Online-Edition." 320 000 Clicks und 110 000 Streams habe man notiert (hier sind auch Trailer mit eingerechnet). Die Zahl 71 000 bedeutet, wie oft ganze Filme angesehen wurden (inklusive Preisverleihungen und Festivalveranstaltungen). Interessant ist auch das Ergebnis, dass sich ungefähr ein Drittel der Besucher von einem Standpunkt außerhalb Bayerns eingeloggt hat. Die bundesweite Öffnung ist ein klarer Mehrwert der Online-Edition. Auch die Spendenbereitschaft sei groß gewesen, wenngleich nicht mehr so groß wie 2020: Ungefähr 47 Prozent aller Ticket-Käufer hätten sich für den Solidaritätsaufschlag (ein Euro pro Film, fünf Euro pro Festivalpass) entschieden, im Vorjahr waren es noch 51 Prozent. Damals gingen 19 000 Euro an die Partnerkinos. Das Ergebnis für 2021 liegt noch nicht vor, es dürfte aber nur geringfügig kleiner ausfallen.

16 Preise mit einem Gesamtwert von 64 000 Euro wurden verliehen, die meisten während des Festivals. In den drei Hauptwettbewerbsreihen gewannen "Anny" von Helena Třeštíková, "Zuhurs Töchter" von Laurentia Genske und Robin Humboldt und "Things We Dare Not Do" von Bruno Santamaría.

© SZ vom 26.05.2021
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