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Dok-Fest München:Den Geist weiten

Dok-Fest München 2021

Eine Wanderung im Bergmassiv des Mont Blanc, „dem besten Klassenzimmer der Welt“.

(Foto: Dok-Fest München)

Jenseits von Frontalunterricht: der Film "Teachers for Life"

Von Barbara Hordych

"Kannst du mir von einem Lehrer erzählen aus deiner eigenen Kindheit, der für dich gut war?" Diese Frage stellt die Familientherapeutin Helle Jensen in dem Dokumentarfilm "Teachers for Life", während die Kamera sie an die dänische Küste begleitet. Fast immer lautet die Antwort dann, dieser bestimmte Lehrer "hat sich für uns interessiert". Denn Kinder wollten von Anfang an gut in Beziehung gehen, erklärt Jensen. Nur wenn ihnen das nicht gelinge, entstünden Schwierigkeiten. Beziehung sei deshalb der Ausgangspunkt für das Lernen und Reifen der Persönlichkeit.

Außergewöhnliche Lehrer, deren Arbeit von genau diesem Selbstverständnis geprägt ist, porträtieren Julian Wildgruber und Kathrin Höckel in "Teachers for Life", der noch bis 23. Mai beim Dok-Fest als Weltpremiere läuft. An diesem Sonntag sprechen die Filmemacher im Deutschen Theater über die Visionen ihrer Protagonisten, als besonderer Gast ist die promovierte Münchner Achtsamkeitsforscherin Britta Hölzel zugeschaltet.

Unter den Pädagogen und Pädagoginnen ist etwa der englische Lehrer Richard Dunne, der seiner Klasse eine Reise in das Bergmassiv des Mont Blanc und zu dem schmelzenden Gletscher ermöglicht. Das Bergmassiv ist für Dunne "das beste Klassenzimmer der Welt". Die Wanderung mündet später in eine Beschäftigung mit den Themen Klimawandel und Klimaschutz. "Ich möchte nicht, dass Kinder deprimiert von der Schule gehen. Sie sollen sie in dem Glauben verlassen, dass sie etwas bewirken können", sagt Dunne.

Philippe Bretaud trainiert die begabtesten französischen Nachwuchsfußballer im Institut National du Football, darunter auch Fußballstars wie Kylian Mbappé und Marcus Thuram. Im Film erzählt er offen von dem Schmerz, als ihm seine eigene Karriere als Profifußballer auf Grund seiner geringen Körpergröße verwehrt wurde. Jahre später ist er doch im Profifußball tätig, widmet sein pädagogisches Können den Jungen. "Den richtigen Schlüssel sollte jeder Pädagoge in sich finden, um jeden seiner Spieler zu fördern." Die Nachwuchssportler lehrt er, wie wichtig Respekt und die Beherrschung von Emotionen sind beim Verfolgen ihres Lebenstraums.

Um Stress und Prüfungsdruck abzubauen, führt die Referendarin Lisa Viehoff in ihrer Abiturklasse an einer Berliner Schule Achtsamkeitsübungen in den Unterricht ein. Sie selbst weiß aus Erfahrung, dass Meditation in herausfordernden Lebenssituationen helfen kann. "Wenn man bei sich ist, dann klappen die Dinge viel besser" sagt sie. "Wenn wir unsere Persönlichkeit als Werkzeug in unserer Arbeit sehen, dann ist es auch notwendig, für dieses Werkzeug zu sorgen", sagt Helle Jensen an einer Stelle des Films.

Genau diese Überzeugung entspricht den Erfahrungen der Münchner Psychologin und Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel. Denn nur wer lerne, auf sich selbst zu achten, könne auch achtsam mit seinen Schülern umgehen. Es gebe wissenschaftliche Studien, die belegten, wie wichtig es sei, mit seinem Geist sinnvoll umzugehen, sagt Hölzel. Meditation und Yoga veränderten das Gehirn, führten beispielsweise dazu, sich aus Stresssituationen leichter wieder herunterzuschalten. "Mit den entsprechenden Meditationsübungen kann man aber auch die Fähigkeit stärken, empathisch mit den Schülern umgehen zu können", sagt Hölzel. Ist das aber möglich in einem Schulalltag, in dem Tag für Tag ein Lehrplan durchgeboxt werden muss? Das wisse sie letztendlich auch nicht, räumt Hölzel ein. Doch auf alle Fälle helfe es, Lehrer zu stärken. Wer eine Bewusstheit dafür entwickele, was in ihm selbst los sei, in einem "freundlichen, akzeptierenden Modus" zu sich selbst stehe, könne leichter in ein empathisches Verhältnis zu seinen Schülern treten.

Teachers for Life, Live-Filmgespräch, Sonntag, 9. Mai, 11 Uhr, www.dokfest-muenchen.de

© SZ vom 08.05.2021
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