Angel Blue ist ein bewundernswert höflicher Mensch. Womöglich muss sie das auch sein in ihrem Metier, der Welt der Oper. Da sitzt sie in der Garderobe der Pariser Opéra Bastille und wird geschminkt, gleich soll die US-Amerikanerin in Charles Gounods „Faust“ als Marguerite auf die Bühne. Doch ständig klopft jemand an die Tür, Dirigent Thomas Hengelbrock etwa kommt hereingeschneint und möchte mit ihr noch „two little things“ in der Partitur durchgehen.
Sie meistert diesen Moment ebenso souverän wie jenen, als sie mit Contenance einem Autogrammjäger aus einer superpeinlichen Situation hilft. Er hatte ihr ein Foto zum Signieren hingehalten, das Pretty Yende zeigt, die andere Sopranistin von Weltrang mit schwarzer Hautfarbe. „Das ist meine wundervolle Kollegin. Aber es ist ok“, sagt sie – und lächelt alles weg.

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Der Star-Tenor gibt den Bajazzo an der Bayerischen Staatsoper, am Gärtnerplatz kosten sie vom Liebestrank, und die Opera Incognita macht auf Caravaggio.
Es sind solche tief menschliche Szenen in Juliane Sauters Dokumentarfilm „Primadonna Or Nothing“, in denen die Regisseurin ihren Protagonistinnen ganz nahe kommt: Angel Blue, heute 41, hat gerade den Opernolymp erklommen, die großen Häuser reißen sich um die Frau aus Kalifornien.
Dann ist da Valerie Eickhoff, 29, Mezzosopranistin aus Herdecke, die genau dorthin will: an die Met, die Scala, in die Carnegie Hall. Und Renata Scotto, die Opernlegende im Ruhestand, bald 90, sie geht schmerzgeplagt am Stock, ist wundervoll zickig, rührend theatralisch, mit riesengroßem Herzen. Noch während der Dreharbeiten ist sie 2023 gestorben. Ihr, der großen Primadonna, ist dieser Film gewidmet, der jetzt beim Münchner Dok-Fest Premiere hat: am 10. Mai, 18.30 Uhr, im Amerikahaus.

Dort wird auch Regisseurin Sauter anwesend sein und gewiss berichten, wie sie die Sängerinnen für ihren Film hat gewinnen können, der für den Student Award nominiert ist, mit dem herausragende Dokumentarfilme von Studierenden deutschsprachiger Filmhochschulen prämiert werden.
Dass sie sich in der Welt der Klassik, behind the scenes, bestens auskennt, hat die studierte Musikjournalistin und Absolventin der Filmakademie Baden-Württemberg bereits bewiesen: Mit Dokus für den SWR über die Stuttgarter Philharmoniker, über junge Opernstars und über Valerie Eickhoff, die im Juli in „Pénélope“ an der Bayerischen Staatsoper singen und beim Abend im Amerikahaus ebenfalls dabei sein wird.
Ihr folgt Sauter im Film zum internationalen Gesangswettbewerb Montréal Voix nach Kanada, begleitet sie bis zur Finalrunde. Die Regisseurin ist stets nah dran an ihren Protagonistinnen, im Taxi, im Lift, in der Garderobe, doch bleibt stets unsichtbar und stumm. Als fly on the wall beobachtet sie. Aus dem Off lässt sie die Sängerinnen sprechen, legt ihre Gedanken über Filmszenen. Etwa, wenn der angegraute Taunus-Adel in Baden-Baden zum Konzert von Angel Blue strömt. Oder wenn sich Valerie Eickhoff für ihren Auftritt zurechtmacht. Gegen ihre Nervosität kämpft, sich hinterfragt, zweifelt, verzweifelt. Denn was ist, wenn sie es nicht schafft? Primadonna oder das große Nichts.

Auch Angel Blue weiß, wie es ist, von anderen bewertet zu werden. Früher hat sie an Miss-Wahlen teilgenommen. Jetzt auf dem Peak ihrer Karriere als Sängerin wirkt sie dauererschöpft und scheint ohne die Handy-Standleitung zu ihrer Mutter und den Schwestern („goodby, love you!“) kaum durch die harten Tage zu kommen. Vor jedem Auftritt wird gebetet. Sie hadert mit ihrer Karriere. 20 Jahre hat sie sich nach oben gekämpft, motiviert von ihrem mittlerweile toten Vater. Und nun? Weiterrackern, touren, um oben zu bleiben? „Ich liebe es zu singen, aber das Wichtigste ist, sich daran zu erinnern, dass es nicht alles ist.“
Und dann sehen wir Renata Scotto, die Weltkarriere liegt hinter ihr, die einst als Einspringerin für Maria Callas begonnen hatte. Ihr kindliches Pupperlgesicht mit den hohen Wangenknochen wollte nie so recht passen zum vulkanischen Wesen dieser großen Sängerin. Die letzten Szenen des Films gehören ihr. Aus dem Fernseher dringt ihre eigene, junge Stimme. Die alte Frau singt versonnen mit, wirft einen Luftkuss zur Arie aus Puccinis Oper „Le villi“: „Non ti scordar di me“ – „vergiss mich nicht“. Wie könnten wir?
Primadonna Or Nothing, Film von Juliane Sauter, die bei allen Dok-Fest-Terminen dabei sein wird, 14. Mai, 20.30 Uhr, Pasinger Fabrik sowie 16. Mai, 20 Uhr, Hochschule für Fernsehen und Film, Gast: Renata Scottos Tochter Laura Anselmi Miller

