Ausstellung:Globale Netzwerker

Lesezeit: 4 min

Ausstellung: "Unsere Gedanken unterscheiden sich" lautet der Titel des "Denkers" von Tayo Adenaike aus der Nsukka School.

"Unsere Gedanken unterscheiden sich" lautet der Titel des "Denkers" von Tayo Adenaike aus der Nsukka School.

(Foto: Peter Wolff/Collection Weltkulturen Museum Frankfurt am Main; © The Artist)

Im Vorfeld der Documenta Fifteen in Kassel dreht sich alles um die leitende Künstlergruppe Ruangrupa. Wie sehr Künstlerkollektive die Kunst und die Sicht auf die Welt verändern, zeigt eine Ausstellung im Münchner Lenbachhaus.

Von Evelyn Vogel, München

Lange schon wurde nicht mehr so ausführlich und so kontrovers über Künstlerkollektive diskutiert wie derzeit über das indonesische Kollektiv Ruangrupa. Dieses hat die künstlerische Leitung der in vier Wochen in Kassel beginnenden Weltkunstschau Documenta Fifteen inne und sieht sich seit Wochen mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert. Die Gruppe, die nach dem Willen der Documenta-Verantwortlichen auch dafür stehen sollte, traditionell westliche Sichtweisen auf die Kunst zu durchbrechen und den Blick des Globalen Südens einzubinden, wies alle Vorwürfe zurück. Zuletzt wurde jedoch eine geplante Gesprächsreihe, an deren Zusammensetzung sich die Vorwürfe vor allem entzündet hatten, abgesagt.

Ruangrupa wurde 2000 im indonesischen Jakarta gegründet. Als die Berufung der Gruppe als künstlerische Leiter der Documenta Fifteen im Februar 2019 bekannt gegeben wurde, war die Kunstwelt zwar überrascht, kommentierte die Personalie jedoch überwiegend positiv. Unter anderem versprach man sich einen Neuanfang nach der von finanziellen wie politischen Skandalen erschütterten Vorgängerausgabe, der Documenta 14 im Jahr 2017. Und die Zeitschrift Art Review setzte das indonesische Kollektiv Ende des Jahres prompt auf Platz drei der alljährlich veröffentlichten "Power 100"-Liste, also derjenigen "Persönlichkeiten", die als weltweit einflussreich auf die Kunstwelt angesehen werden.

Ausstellung: Das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa.

Das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa.

(Foto: Jin Panji/Jin Panji)

Die Arbeit des Kollektivs beruht "auf einer ganzheitlichen sozialen, räumlichen und persönlichen Praxis, die stark mit der indonesischen Kultur verbunden ist, in der Freundschaft, Solidarität, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft eine zentrale Bedeutung haben", heißt es über Ruangrupa, der Name bedeute so viel wie "Kunstraum" oder "Raumform". Und was könnte besser sein, als wenn eine Gruppe von Künstlern die Möglichkeit schafft, in Freundschaft, Solidarität, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft sich selbst und anderen den künstlerischen Austausch über Grenzen und Nationen hinweg zu ermöglichen?

Schon immer gab es Künstlerkollektive, die international ausgerichtet waren

Doch neu ist der Gedanke natürlich nicht. Schon immer gab es Künstlerkollektive, die international ausgerichtet waren, die den Netzwerkcharakter ihrer Gruppe betonten, die die Ermöglichung kollektiven Arbeitens in den Mittelpunkt stellten - egal, ob die Gruppen ähnlich oder gegensätzlich positioniert waren.

Schon seit vergangenem Jahr stellt das Münchner Lenbachhaus Künstlerkollektive und deren Anliegen vor, die in diesem Sinnen agieren. Den Auftakt machte unter dem Stichwort "Gruppendynamik" eine Ausstellung zum Blauen Reiter, die Beziehungen zu nationalen wie internationalen Gruppen, aber auch zur Volkskunst oder zu Kinderwelten herausarbeitete (sie wird voraussichtlich noch bis Frühjahr 2023 zu sehen sein). Ergänzend dazu ist dort aktuell als Teil 2 der "Gruppendynamik" die Schau "Kollektive der Moderne" zu sehen, die weltweite Künstlerkollektive, ihre Arbeiten, ihre Einflüsse und ihre Beziehungen untersucht. Vor allem beleuchtet sie die Entstehung und Entwicklung der Gruppen vor ihrem jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund, in Bezug auf internationale Modernisierungsbewegungen und antikoloniale Befreiungskämpfe. Was auf den ersten Blick rückwärtsgewandt scheint - es geht um die Zeit etwa zwischen 1910 und 1980 -, erweist sich bei genauerem Hinsehen als hochaktuell.

Ausgewählt wurden folgende Kollektive: Action und Mavo, beide aus Tokio, und Kokuga Sosaku Kyokai aus Kyoto, Artistas del Pueblo aus Buenos Aires, die Bombay Progressive Artists' Group (aus dem heutigen Mumbai), Crystalists aus Khartum, Grupa "a.r." aus Łódź und Grupo dos Cinco aus São Paulo, die Casablanca School, die Khartoum School und die nigerianische Nsukka School, der pakistanische Lahore Art Circle, Martín Fierro aus Buenos Aires sowie Wuming Huahui/Gruppe ohne Namen aus Beijing. Dabei werden den Gruppen einzelne Räume zugewiesen, so dass die Betrachtenden in die Bild- und Vorstellungswelten der jeweiligen Gruppe eintauchen können. Es gibt aber auch einen Raum, in dem die Netzwerke und Bezüge der Künstlerkollektive mithilfe von Verbindungslinien, die sich kreuz und quer über die Wände ziehen, dargestellt werden.

Ergänzend zu den "echten" Verbindungen haben die Kuratorinnen und Kuratoren des Lenbachhauses - nicht weniger als acht sind aufgelistet, was in etwa dem gesamten kuratorischen Personal des Museums entspricht - gedachte Linien gelegt. Sie zeigen Möglichkeiten auf, wie man sich im Rückblick Querverbindungen einer in der damaligen Zeit durch gestiegene Mobilität kosmopolitischer werdenden Kunstszene vorstellen kann. Denn was heute als unabdingbares Postulat zeitgenössischer Kunst gilt, war schon im 20. Jahrhundert relevant: Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern basiert auf Austausch und gesellschaftlichem Miteinander. Mitunter gelangen unterschiedliche Menschen zu ähnlichen Ergebnissen.

Sieht dieser "Denker" aus der nigerianischen Nsukka-School nicht aus wie ein Werk von Picasso? Doch dann entlarvt der wunderbare Untertitel "Unsere Gedanken unterscheiden sich" die Überlegung als das was sie ist: eine komplett eurozentrische Sichtweise. Und warum sollten Mitglieder der Wuming Huahui/Gruppe ohne Namen nicht wie ein Kandinsky, ein Marc oder eine Münter malen?

Ausstellung: Ein Beispiel aus der Casablanca School von Mohamed Ataallah (1939-2014), Tanger, vermutlich 1965.

Ein Beispiel aus der Casablanca School von Mohamed Ataallah (1939-2014), Tanger, vermutlich 1965.

(Foto: Lenbachhaus/Mohamed Ataallah Estate)

Nennen wir es massive Einflusstendenzen, nennen wir es eine fast kopistenhafte Parallelität - jeder Ansatz verbindet andere Themen, andere gesellschaftliche Realitäten. Künstlerkollektive, die sich durch politische wie gesellschaftliche Abgrenzungsbestrebungen auszeichnen, finden zu neuen Bildsprachen. Eine davon ist die Casablanca School. Sechs Künstler und Hochschullehrer, die sich 1969 mit einer Art Manifest-Ausstellung mitten in Marrakesch und unter freiem Himmel gegen die von der bisherigen Kolonialmacht Frankreich geprägten Kunstvorstellung und den damit einhergehenden Hochschullehrplänen abgrenzen wollten. Eine Emanzipationsbestrebung der marokkanischen Moderne, die bis heute ausstrahlt.

Und so finden sich in der Ausstellung zahlreiche Künstlerkollektive, die im Zusammenspiel ein neues Kunstverständnis entwarfen. Womöglich werden auch Ruangrupa, wenn die Documenta zu Ende gegangen ist, unsere Vorstellung von dem, was das Wesen der Kunst ausmacht, verändert haben.

Gruppendynamik - Kollektive der Moderne, noch bis 12. Juni, Lenbachaus München, Luisenstr. 33

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB