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Diskussion um Tegernsee-Touristen:Etwas mehr Demut täte not in Corona-Zeiten

Ruhig und friedlich liegt der Tegernsee da. Weniger ruhig ist es derzeit um die Frage, wem er als Erholungszone dienen darf...

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

SZ-Leser finden, diese Debatte kreist um die Frage, ob die egoistische Gesellschaft überhaupt noch mit Einschränkungen umgehen kann

"Tegernseer wollen keine Besucher" vom 24. März, "Lieber nicht zum Spitzingsee" vom 25. März und Leserbriefe "Unfreundliche Grüße vom Tegernsee" (30. März):

Fragwürdige Beschränkung

Ich fahre nie an den Tegernsee oder Spitzingsee, weil mir dort zu viele Leute (vermutlich überwiegend Münchner) sind, aber ich finde es ungeheuerlich, wenn jetzt von bestimmten Leuten Forderungen erhoben werden, Münchnern und anderen Menschen aus fremden Landkreisen das Betreten des Tegernseer Tals zu verbieten. Bezeichnenderweise sorgen sich die Bürgermeister ja wohl weniger darum, dass eventuell größere Menschenansammlungen entstehen, die die Ausbreitung von Corona fördern könnten, sondern darum, wie sie "hinter den Münchnern den Dreck wegräumen sollen". Das wird in anderen Zeiten, in denen die Menschenmassen jedes Wochenende zigtausend Euro hinterlassen, ja auch irgendwie geregelt sein.

Mal grundsätzlich: Geht es bei den Ausgangsbeschränkungen darum, die Ausbreitung des Virus weitgehend zu verhindern, oder möchte man ein Klima der Einschränkung und Askese und Spaßbeschränkung erreichen? Wieso, bitte, ist die Gefahr, das Virus zu verbreiten, größer, wenn ich 50 Kilometer von meinem Wohnort entfernt eine Wanderung oder einen Spaziergang mache, als wenn ich drei Kilometer entfernt den nächsten Wanderparkplatz ansteuere? Und vielleicht sollte man ja mal die Überlegung miteinbeziehen, dass man auch an die seelische Gesundheit der Menschen denken muss. Die Einschränkungen werden uns eine Weile begleiten. Will man also dann über Wochen 1,5 Millionen Münchner dazu verdonnern, sich zu Hunderttausenden im Englischen Park zusammenzurotten, wenn sie spazieren gehen wollen? Monika Gamperling, Friedberg

Kein Verbot, eher ein Gebot

Niemand will den Münchnern die oberbayrischen Seen verbieten. Aber zur Freude der Einheimischen trägt es sicher nicht bei, wenn Cabrios, Aston Martins, Porsche-SUVs etcetera mit Kennzeichen "M" zum Teil mit einer Person besetzt am Tegernsee entlangflanieren. Oder gelten für den Münchner Geldadel besondere Rechte. Schade, dass die ewig Gestrigen und Unverbesserlichen den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen haben. Hubert Timmermann, Schliersee

Umkehr und Besinnung

Ja, wo sind wir denn, dass sich Bürger aus Grünwald, Neuried und München echauffieren über ihre eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Ja, wo sind wir denn, dass wir nicht mehr an den Tegernsee fahren und dort unsere Freizeit genießen können. Lamentieren auf höchstem Grünwalder Niveau. Ein Ausbund an Selbstverliebtheit, Egoismus und weg von aller Verantwortlichkeit. Wo ist da die Empathie mit wirklich eingeschränkten Familien in engen Wohnungen, wo das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein? Ein Ergebnis unserer Gesellschaft, die immer nur den Eigennutz, die Selbstverwirklichung, und den eigenen Willen ohne Rücksicht auf die Notwendigkeiten der Gesellschaft sehen. Die reichen Münchner geben ihre Privilegien nicht auf, da kann auch ein Corona nichts daran ändern. Dies ist abstoßend.

Und warum wird derzeit die Sehnsucht der Bevölkerung geschürt und befördert, dass eine rasche Entwarnung erfolgen kann? Warum schenkt man nicht reinen Wein ein, dass wir uns mit der schwierigen Situation auch längerfristig auseinandersetzen müssen, dass unser "auf Kante genähtes" kapitalistische System entschleunigt und auf mehr Reserven und größere Nachhaltigkeit zugeschnitten werden muss? Und wir alle in unserem überheblichen Freiheitsanspruch zurück nehmen müssen? Warum sagen dies nicht die verantwortlichen Politiker?

Das gewinnorientierte Spardiktat der Privatgesellschaften hat solch übermächtige Formen angenommen, dass bei dem kleinsten - derzeitigen - Störfaktor alles zusammenbricht. Alle Lieferketten sind äußerst verletzlich. Sie brechen zusammen. Dies ist sehr gefährlich. Dies ist aber Teil unseres Systems. Ein generelles Umdenken ist erforderlich. Mehr Soziale Marktwirtschaft und weniger Profit-Erwartung. Dr. Christoph Kessler, Icking

© SZ vom 01.04.2020
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