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Diskussion um Partyzone Isar:"Großstädter sind nie tolerant"

Isar-Partys, schön für die Feiernden, ein Ärgernis für viele Anwohner. 

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Tausende feiern im Sommer an der Isar - zum Ärger vieler lärmgeplagter Anwohner. Wir haben die Stadtsoziologin Martina Löw gefragt, wie viel Trubel eine Großstadt braucht, warum München keine schrille Partymeile ist und weshalb Feiern zu einer Weltstadt gehört.

Von Christian Mayer

SZ: Frau Löw, in München gibt es einen Konflikt zwischen Anwohnern und Menschen, die in den milden Sommernächten ausgiebig draußen feiern wollen. Wie kann man den lösen?

Martina Löw: Es sind gar nicht unbedingt unterschiedliche Gruppen. Die Anwohner gehen ja auch gerne auf Feste. Wenn man allerdings direkt mit Lärmbelästigung und Müll konfrontiert ist, sieht man die Sache ein wenig anders. Allerdings gibt es so etwas wie eine Aushandlungskultur in Städten. Vor zwanzig Jahren kamen zum Beispiel die Straßencafés in Mode. Dass vor dem Lokal auf einmal Stühle standen, war erst ein Riesenkonflikt - aber die Leute haben sich daran gewöhnt. Und heute wundern sie sich, dass die Straßencafés nachts überhaupt schließen müssen.

Die einen wollen ihre Ruhe, die anderen ihren Spaß.

Das wird wohl immer so sein. Es braucht eine Mischung aus festen Regeln und kreativen Ansätzen. Zum Beispiel bei der Müllvermeidung und Müllbeseitigung. Hier müssen sich die Menschen in einer Stadt schon fragen, wie ihre schönsten Orte trotz der intensiven Nutzung noch attraktiv bleiben. Wichtig ist ein direkter Austausch, ein Ausgleich zwischen den Gruppen.

Wie viel sommerliches Leben, wie viel Trubel braucht eine Großstadt?

Na ja, zunächst sind wir ja ein kaltes Land, diese Sommerabende bleiben die Ausnahme. Wenn mal ein bisschen die Sonne scheint, wollen eben alle raus. Und Großstädte sind immer die Orte der Heterogenität, da treffen die unterschiedlichen Kulturen, sozialen Gruppen und Altersstufen aufeinander. Das gehört zur Großstadt.

Martina Löw, 48, war bisher Professorin an der TU Darmstadt. Ihre Schwerpunkte sind die Stadtforschung und der öffentliche Raum, den sie als soziales Phänomen begreift. Künftig lehrt sie als Professorin an der TU Berlin.

(Foto: Michael Pasternack)

Sie haben sich auch mit dem Image von Städten beschäftigt. Welchen Ruf hat denn die angebliche Weltstadt mit Herz?

München hat im Vergleich zu Berlin weniger den Ruf, eine schrille Partystadt zu sein. Hier steht eher die Biergartenkultur im Vordergrund. Es ist nicht laut, sondern lauschig. Dennoch ist es eine Kultur der Begegnung im öffentlichen Raum. Wenn man den Anspruch ernst nimmt, dass München eine Weltstadt ist, werden auch die Partys an ausgewählten Orten bleiben.

Wie tolerant muss man sein, um in der Großstadt leben zu können?

Großstädter sind nie tolerant, sondern bestenfalls gleichgültig. Selten trifft man auf eine wirkliche Akzeptanz des Fremden, vielmehr wird versucht, das Neue und Ungewohnte möglichst wenig wahrzunehmen. Toleranz würde bedeuten, sich damit aktiv auseinanderzusetzen, eine Haltung einzunehmen. Die Kultur der Gleichgültigkeit hilft im Alltag ungemein, sonst müsste man sich ständig aufregen - so wie über die vielen Events. Da braucht es wohl noch etwas Zeit.

Was würden Sie sagen, wenn Sie an der Isar wohnen würden und jeden Abend wäre dort eine riesige Grillparty?

Also, man kann schon über ein Regelwerk nachdenken. Aber der erste Schritt wäre, eine Diskussion darüber anzufangen, wo die Grenzen des Erträglichen sind, ohne gleich Verbote auszusprechen. Wenn Sie durch Südamerika reisen, werden Sie feststellen: Alle Menschen essen dort im öffentlichen Raum. Aber nicht alle produzieren diese Rauchschwaden. Ich glaube, mit etwas gutem Willen könnte man sich schon einigen.

Auch in London, Paris oder Berlin leben die Menschen den Sommer intensiv aus. Manchmal hat man das Gefühl, dass sie sich auf diese Weise die Stadt, die ihnen sonst nicht gehört, aneignen wollen.

Es ist sicher eine Art Aneignungsprozess. Dabei begegnen sich ganz unterschiedliche Schichten und Milieus. Es sind nicht die Jungen gegen die Alten, die Armen gegen die Reichen - der öffentliche Raum gehört allen. Was die Menschen suchen, ist eine urbane Lässigkeit, eine Freizeitkultur, soziale Begegnung. Auch gemeinsame kulturelle Erlebnisse gehören zum Lebensstil dazu. Man tritt eben gerne nach außen, weil man sich inzwischen stark an der südlichen Lebensweise orientiert.

© SZ vom 25.07.2013
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